Drei Todesfälle nach dem Einsatz sogenannter Taser in Kanada haben die Debatte um die Gefährlichkeit von Elektroschockwaffen angeheizt. Mit etwa 100 solcher Geräte ist auch die deutsche Polizei ausgerüstet. Im stern.de-Interview erklärt Hans R. Damm, Chef des Polizeitechnischen Instituts in Münster-Hiltrup, wie diese Waffen eingesetzt werden - und was sie bewirken.

"Insgesamt sicher und effektiv": Taser-Generalrepräsentant Lars Lipke mit einem Taser X 26© Markus J. Feger
Nach einer Meldung von 2006, die uns hier vorliegt, haben sechs Länderpolizeien diese Taser bis dahin eingesetzt. Insofern dürfte sich in der Tat die Zahl zwischen sechs und 13 Länderpolizeien bewegen.
Nach der derzeitigen Beschlusslage der Gremien der Innenminister-Konferenz aus dem Jahr 2001 wird sich das auch nicht ändern. Damals wurde die probeweise Einführung der Taser bei den SEK empfohlen. Eine Projektgruppe hat 2006 diese probeweise Einführung untersucht und vorgeschlagen, die Geräte weiter nur bei den SEK einzusetzen.
Wir hatten in den Jahren 2003 bis 2005 insgesamt 97 Einsätze und im vergangenen Jahr 32 - insgesamt also 129.
Die Zahl hat sich leicht erhöht, ja.
Überhaupt nicht. Weil Taser bei uns nur von Polizisten der Spezialeinsatzkommandos geführt werden dürfen - und nur nach sehr sorgfältiger Ausbildung, mit ständigen Weiterbildungsmaßnahmen und auch teilweise nach Selbstversuchen mit diesen Geräten.
Taser sollen in Situationen eingesetzt werden, in denen auch der Schusswaffengebrauch rechtlich zulässig wäre. Wir hatten kürzlich zum Beispiel den Fall, dass ein Familienvater mit einem Messer auf einen Polizeibeamten losgegangen ist - es wurde von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. In solchen Situationen, wo man auch auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu achten hat, bietet sich der Einsatz eines Tasers an. Es hat auch mehrere Einsätze - speziell in Berlin - gegeben, wo diese Geräte gebraucht wurden, um Suizidenten vom Selbstmord abzuhalten. Mit dem Taser ist man auch wiederholt bei Festnahmen von Schwerstkriminellen vorgegangen, wo befürchtet werden musste, dass diese bewaffnet sein könnten.
Uns sind keine bekannt - bis auf leichte Verletzungen, die beim Eindringen der Taser-Pfeile in die Haut entstanden sind. Ansonsten hat es nach unserem Kenntnisstand bislang keinerlei Folgeschäden nach polizeilichen Taser-Einsätzen in Deutschland gegeben.
Durch sorgfältige Ausbildung und Schulung der entsprechenden Polizeibeamten. Neben der Einweisung des Herstellers sind polizeiintern Aus- und Weiterbildung dringend nötig - und das wird auch gemacht, was aber Sache der einzelnen Polizeien ist.
Die Herstellerfirma Taser International bietet Seminare an, nach denen man automatisch zum Instructor ernannt wird. Das sind aber eher schlichte Einweisungen - unsere polizeilichen Ausbilder sind da doch sehr viel weiter.
Wir hatten im Jahr 2003 eine Fachkonferenz, wo sich in unserem Hörsaal Freiwillige mit diesen Tasern "behandeln" ließen. Allerdings sind da die Pfeile nicht abgeschossen worden, sondern die Elektroden wurden einfach mit den Körpern in Berührung gebracht. Es gab aber auch schon Kollegen, die sich tatsächlich haben beschießen lassen.
Die betroffenen Personen haben einen kurzen, aber offenbar sehr heftigen Schmerz empfunden. Sie schreien entsprechend laut und kippen dann ohne jeden Reflex zusammen und fallen zu Boden. Bei solchen Selbstversuchen sind immer zwei Kollegen zur Stelle, die die getroffene Person dann halten, damit sie sich beim Sturz keine Verletzung zufügen kann. Denn diese Stürze nach Taser-Beschuss sind nach unserer Einschätzung riskanter als der Beschuss selbst.
Uns liegt umfangreiche Literatur zu diesem Thema vor. Vor allem die Engländer haben sehr sorgfältig geforscht und den Einsatz gegen gesundheitliche Risiken abgewogen, bevor es dort zur probeweisen Einführung des Tasers X 26 kam. Wir sichten und bewerten natürlich auch die Berichte und Analysen von Amnesty International - allerdings genauso kritisch wie die Studien und Analysen, die von der Herstellerfirma Taser International verbreitet werden. In unserem Sprachgebrauch reden wir hier allerdings nicht von NLW, Non Lethal Weapons, also nichttödlichen Waffen, sondern von Less Lethal Weapons, von weniger tödlichen Waffen.
Es ist immer noch nicht geklärt, ob solche Prädispositionen tatsächlich Ursache für Todesfälle gewesen sind. Es hat vor Jahren eine Untersuchung der Rechtsmedizin der Uni Düsseldorf gegeben, wo festgestellt wurde, dass zum Beispiel Herzschrittmacher kein Problem beim Taser-Einsatz seien.
Es gibt zurzeit eine veröffentlichte und eine öffentliche Diskussion über diese Waffen. Wir werden diese Debatte mit allen Argumenten für oder gegen diese Geräte weiter verfolgen. Da wir aber nach wie vor der Meinung sind, dass, wenn er wie bei uns im Grenzbereich zum Schusswaffengebrauch eingesetzt wird, der Taser-Beschuss ein deutlich geringeres Risiko darstellt als der Schusswaffengebrauch, dürfte es, wenn es nicht politisch beeinflusst wird, beim Einsatz der Taser in den Spezialeinsatzkommandos unserer Polizeien bleiben.
Interview: Werner Mathes
Zur Person Hans R. Damm, 62, leitet das Polizeitechnische Institut (PTI) der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster-Hiltrup. Das PTI erarbeitet u. a. im Auftrag der Polizeien des Bundes und der Länder fachtechnische Stellungnahmen, Gutachten, Konzepte sowie technisch-taktische Anforderungen in den Bereichen Planung, Entwicklung und Realisierung polizeilicher Führungs- und Einsatzmittel. Damm ist studierter Physiker und seit einem Referendariat beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung beim PTI.
Lesen Sie ... ... mehr dazu im aktuellen stern
Wie funktioniert ein Taser? Taser sind pistolenähnliche Plastikwaffen, die aus einer aufgesteckten Kartusche per Gasdruck zwei winzige Metallharpunen abfeuern. Diese 13 Millimeter langen Pfeilchen, durch feine Hochspannungskabel von über sieben Metern Länge mit dem Handgerät verbunden, schlagen mit einer maximalen Eindringtiefe von einem Zentimeter in die Kleidung oder in die Haut des Opfers ein und machen es kampfunfähig. Der Gegner kann mehrmals unter Strom gesetzt werden, wobei eine solche Attacke jeweils fünf Sekunden dauert und das sensorische und motorische Nervensystem der Zielperson lähmt. Die Spannung, die dabei freigesetzt wird, beträgt 50.000 Volt und wird benötigt, um den Kontakt durch dickere Kleidung zur Haut zu gewährleisten. Aber nicht die Spannung ist gefährlich, sondern die Stromstärke. Als lebensgefährlich gilt ein Wert von 50 Milliampere - beim Taser sind es gerade mal 2,1 Milliampere. Genug allerdings, "um das Ziel durch vollständige Muskelverriegelung angriffsunfähig zu machen", wie es der deutsche Taser-Generalimporteur Lars Lipke ausdrückt, der sein Unternehmen Nonletal Ltd. im nordrhein-westfälischen Wülfrath betreibt. Die Hersteller-Firma Taser International hat ihren Sitz in Scottsdale im US-Bundesstaat Arizona.