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Tempelhofer Feld: Wird Berlins Freizeitoase zum Massencamp für Flüchtlinge?

Grün und idyllisch: Das ehemalige Flughafengelände in Berlin-Tempelhof ist ein beliebter Entspannungsort. Nun will der Senat dort 7000 Flüchtlinge unterbringen. Wütende Bürger kämpfen gegen die Pläne - aus Angst vor Ghettos.

Das Tempelhofer Feld in Berlin

Das Tempelhofer Feld in Berlin: Widerstand gegen geplantes Flüchtlingscamp

Es ist ein Luxus mitten in der Großstadt: Die weiten, satten Grünflächen des Tempelhofer Feldes. Seit 2010 ist das ehemalige Flughafengelände in Berlin geöffnet für alle. Besucher tummeln sich gerne dort, sie treiben Sport, spazieren, oder liegen einfach im Gras. Darüber hinaus ist die Freizeitoase ein empfindliches Biotop, in ausgewiesenen Naturschutzbereichen brüten Vögel. Die Berliner lieben diese riesige Freifläche - und einige wollen um jeden Preis verhindern, dass dieser innerstädtische, auch kulturhistorisch bedeutsame Raum verändert wird. Sie streiten derzeit unerbittlich mit denjenigen, die planen, das Tempelhofer Feld zur größten Flüchtlingsunterkunft Deutschlands zu machen.

SPD und CDU wollen am Rand der Freifläche bis zu 7000 Flüchtlinge unterbringen - in den ehemaligen Flughafen-Hangars, für drei Jahre befristet, aber auch in Hallen und Containern neben dem Flughafen-Gebäude. Dafür wollen sie das per Volksentscheid entstandene Gesetz ändern - und ziehen Zorn auf sich. Macht der Berliner Senat seine Pläne wahr, entstünde nach aktuellem Stand die bundesweit größte Notunterkunft. 

Wird das Tempelhofer Feld zum Ghetto?

Die Argumentation der Gegner: Sollten tatsächlich 7000 Menschen nach Tempelhof ziehen, würde das zur Bildung von Ghettos führen. So kommuniziert es zum Beispiel die Initiative "100 % Tempelhofer Feld", die 2012 gegründet wurde und sich für den Erhalt der Fläche einsetzt.

Die Kritiker befürchten, der Senat wolle im Schatten der Flüchtlingskrise heimlich das auf dem Tempelhofer Feld geltende Bauverbot kippen. Am Ende einer hitzigen Debatte hatte sich im Jahr 2014 in Berlins erstem erfolgreichen Volksentscheid die Mehrheit gegen eine Bebauung ausgesprochen. Der Erfolg von "100 Prozent Tempelhofer Feld" bedeutete eine Niederlage für den damaligen Stadtentwicklungssenator und heutigen Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Hitzige Debatte bei Bürgerversammlung 

Auch die Opposition ist von den Plänen nicht überzeugt. "Tempelhof ist eine reine Verzweiflungsstrategie", sagt Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek. "Solche Massenunterkünfte sind die größte Integrationsbremse, die es überhaupt gibt." Die Linken befürchten eine "Ghettoisierung". 

Wie emotional das Thema inzwischen behaftet ist, zeigte eine Bürgerversammlung, bei der rund 1000 Bürger und die Berliner Landesregierung am Donnerstagabend zusammentrafen. Die Politiker stellten in der früheren Empfangshalle des Flughafens einen Gesetzentwurf für ihre Pläne vor. „Hände weg vom Volksentscheid“, „Integration statt Ghetto“, hieß es auf Plakaten der Bürger. Aufgebrachte Protestler warfen den Senatsvertretern vor, Alternativen nicht ausreichend zu prüfen.

Unter dem Hashtag #TempelhoferFeld wurde auch auf Twitter diskutiert.

In Tempelhof leben bereits 2500 Flüchtlinge

"Wir wissen alle, dass Tempelhof kein Ort ist, an dem Flüchtlinge für viele Monate leben sollten", sagt Flüchtlings-Staatssekretär Dieter Glietsch. Ankommen sollen sie hier, registriert werden - und möglichst schnell in normale Gemeinschaftsunterkünfte umziehen. Ihre Situation werde durch die neuen Möglichkeiten auf dem Tempelhofer Feld deutlich verbessert, heißt es beim Senat.  

Berlin hat im vergangenen Jahr rund 79.000 Flüchtlinge aufgenommen und große Probleme, ausreichend Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Im Flughafengebäude leben inzwischen bereits 2500 Menschen.

Sie schlafen in Stockbetten, notdürftig abgetrennt mit Messe-Stellwänden. Eine Zeit lang gab es nicht einmal Duschen, die Flüchtlinge wurden in Schwimmbäder gefahren. 

Senat: Es wird "kein Grashalm angefasst"

Der Widerstand gegen die Massenunterkunft habe nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, sagen die Kritiker. Sie halten es für grundsätzlich falsch, Menschen in Massenunterkünften einzuquartieren. Und sie fürchten um den Erhalt des Tempelhofer Felds.

Das Versprechen von SPD und CDU, auf dem Feld werde "kein Grashalm angefasst", nehmen ihnen viele nicht ab. Der Senat wolle das Bauverbot durch die Hintertür umgehen - und später doch Luxuswohnungen bauen, glauben Aktivisten. Am 28. Januar soll der geplante Beschluss zur Änderung des Tempelhofgesetzes in Kraft treten. Bis dahin wollen die Gegner kämpfen.


kis mit AFP/DPA
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