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Thilo Sarrazin wird zum Freak

Die Bundesbank wollte ihn nie, die SPD will ihn nicht mehr: Thilo Sarrazin jedoch mag sich nicht zurückziehen. Er hält seine abenteuerlichen Thesen für "sehr sozialdemokratisch".

Von Lutz Kinkel

Er ist hoch intelligent, unendlich eitel - und, so scheint es, von einer Mission besessen: Thilo Sarrazin, 65, will sein Bild von Deutschland konservieren. Das Bild eines fleißigen, ordentlichen, christlich geprägten Volkes, das sich vom selbstgeschaffenen Wohlstand nährt. Nicht dazu passen: Menschen im Jogging-Anzug, Frauen mit Kopftüchern, Trash-TV, Bazare, Moscheen. Das alles befremdet Sarrazin. So sehr, dass die Befremdung in verbale Aggression umschlägt. Und in düstere Zukunftsvisionen.

"Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen", schreibt Sozialdemokrat Sarrazin in seinem neuen Buch "Deutschland schafft sich ab".

Ein Wiederholungstäter

Am Montag wird er es in der Berliner Bundespressekonferenz vorstellen, ein Ort, der ihm maximale Aufmerksamkeit sichert. Am Abend wird er in der ARD-Talkshow "Beckmann" sitzen. Mit eingeladen ist Aygül Özkan, CDU, Sozialministerin in Niedersachsen, die erste türkischstämmige und muslimische Ressortchefin Deutschlands. Es wird ein seltsames Duell werden: ein sozialdemokratischer Integrationskritiker gegen eine konservative Integrationsministerin. Er wird aussprechen, was seine Partei im Namen der political correctness zu lange verschwiegen hat: die Probleme mit muslimischen Einwanderern. Sie wird verteidigen, was ihre Partei aus Gründen der Deutschtümelei zu lange gar nicht gewollt hat: Einwanderung und Integration. Verkehrte Welt.

Sarrazin, ehemals Berliner Finanzsenator, jetzt Bundesbankvorstand, ist ein Wiederholungstäter. Er hat Hartz-IV-Empfängern vorgerechnet, dass sie sich mit ein paar Euro am Tag gesund ernähren könnten. Er hat ihnen empfohlen, in kalten Wintern dicke Pullover anzuziehen, um Heizkosten zu sparen. Er hat von der Produktion "kleiner Kopftuchmädchen" gesprochen, sich für eine drastische Senkung von Sozialtransfers und eine rigide Einwanderungspolitik ausgesprochen. Die Berliner SPD wollte ihn schon 2009 ausschließen, die Parteigerichte folgten den Antragstellern nicht. Nun hat ihn der Berliner SPD-Chef Michael Müller nochmals schriftlich aufgefordert, die Partei zu verlassen: "Da Du diesen Weg offenbar weitergehen willst, fordere ich Dich auf, gehe ihn ohne die SPD und tritt aus der Partei aus." Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel und Generalsekretärin Andrea Nahles legten Sarrazin den Austritt nahe. Der antwortete in einem vorab veröffentlichten Interview der "Welt am Sonntag", dass er in der SPD bleiben wolle. Und setzte, weil er gerade in Fahrt war, noch eine Provokation obendrauf: Seine Thesen zur Armutsbekämpfung, die er in seinem neuen Buch ausbreite, seien "sehr sozialdemokratisch". Im Willy-Brandt-Haus, der Berliner Parteizentrale, werden sie vor Wut kochen.

Thesen ohne Belege

Wie schon bei früheren Skandalen wird zugleich der Ruf laut, Sarrazin solle von seinem Posten als Bundesbankvorstand zurücktreten. Tatsächlich hatte das Geldhaus schon vor Sarrazins - parteipolitisch gesteuerter - Berufung massive Bedenken gegen den Sozialdemokraten geltend gemacht. Geholfen hat es nicht. Später forderte ihn Bundesbankchef Axel Weber zum Rücktritt auf. Als sich Sarrazin weigerte, wurden seine Kompetenzen beschnitten. Tatsächlich sind Webers juristische Möglichkeiten beschränkt: Er kann Vorstände nur aufgrund von Krankheit oder "schweren Verfehlungen" entlassen. Ist ein Buch, das in scharfer, auch verletzender Form die Probleme der Integration kritisiert, eine "schwere Verfehlung"?

Es ist inzwischen ein journalistischer Sport geworden, Sarrazins Thesen mit aktuellen Studien und Daten abzugleichen, um ihr demagogisches Potential zu entlarven. Diesmal war die "Münchner Abendzeitung" (AZ) als Erste zur Stelle. Die Ergebnisse: Sarrazin behauptet, es gäbe einen hohen Anteil von Behinderungen in türkischen und kurdischen Clans, weil sie zur Inzucht neigten. Darauf antwortete Markus Kurth, Sprecher für Behindertenpolitik der Grünen, solche Statistiken würden überhaupt nicht erhoben. Oder: Sarrazin behauptet, die Scharia würde in Deutschland Einzug halten. Sein Beleg: Die Islamkonferenz habe vorgeschlagen, dass Eltern über das Tragen religiöser Kleidung entscheiden sollen. Aus diesem Vorschlag jedoch eine so weitreichende Schlussfolgerung abzuleiten, sei unredlich, so die AZ. Und so weiter, und so fort.

Resonanz und Glaubwürdigkeit

Offenkundig arbeitet Sarrazin auch in seinem neuen Buch mit einer Collage aus eigenen Beobachtungen, undokumentierten Zahlen und extrem steilen Thesen. Das sichert ihm Resonanz, ruiniert aber seine Glaubwürdigkeit. Thilo Sarrazin, mag auch am Dienstag noch Sozialdemokrat und Bundesbankvorstand sein. Aus der ernsthaften politischen Debatte hat er sich verabschiedet. Der Mann ist auf dem Weg, das zu werden, was aus seinem bürgerlichen Empfinden heraus eigentlich auch nicht tolerabel ist: ein Freak.

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