Angela Merkel kennt er schon seit 15 Jahren. Nun führt Thomas de Maiziére ihr Kanzleramt. Der Preuße soll Bollwerk sein gegen Pannen und Regierungschaos.

Thomas de Maizière beim Blick aus seinem Büro im Kanzleramt hinüber zum Reichstag© Benno Kraehahn
Straff aufrecht, wie immer, steht er vor der breiten Frontscheibe seines Büros im siebten Stock des Kanzleramts. Das Kreuz durchgedrückt, die Schultern zurückgezogen. Schnell bewegt er sich, wippt auf den Zehenspitzen. Seht her, soll das zeigen, ich bin fit. Nur die müden Augen, mit denen er durch den leichten Schneefall an diesem Montagmorgen hinüber zur Glaskuppel des Reichstags blickt, verraten, mit wie wenig Schlaf Thomas de Maizière in den vergangenen Tagen auskommen musste.
Er eilt mit schnellem, strammem Soldatenschritt zurück an den Schreibtisch. Vor sich Bildchen der Familie und im Blick eine Skulptur seiner verstorbenen Mutter Eva de Maizière. "Ein Paar" hat die Bildhauerin die Arbeit genannt. Akten mit "Eilt"-Aufdruck stapeln sich, der "Chef BK", wie der neue Kanzleramtsminister im Behördenjargon heißt, ist unter Druck. "Die haben mich am Wochenende mit Faxen zugemüllt", sagt er lächelnd. "Sie musste schnell fertig werden."
"Sie" - das ist die Regierungserklärung der Kanzlerin der großen Koalition. Der Frau, die mal "durchregieren" wollte mit der FDP und jetzt in einer Vernunftehe mit der SPD steckt. Die Botschaft dieser Woche soll das erzwungene Bündnis auch innerlich rechtfertigen: Wir wollen das Land in Ordnung bringen. Seit Tagen feilt der Kanzleramtschef mit seinen Mitarbeitern daran. "Die Regierungserklärung Willy Brandts von 1969 ist natürlich nicht zu toppen", sagt er. Aber die Rede für die neue Kanzlerin, die nur 20 Schritte überm Flur sitzt, "wird ganz gut gelingen".
Der Maschinist. Stand der sächsische Innenminister während der Kabinettssitzung auf, wussten die Kollegen: Jetzt nervt er uns wieder. Dann schritt Thomas de Maizière zum Tischchen, auf dem der Schönfelder und der Sartorius lagen, blätterte sich schnell durch die Gesetzessammlungen und sagte: "Rechtlich gesehen, ist das wie folgt ..."
Ähnliches könnte sich nun im Berliner Kabinettssaal wiederholen. Der neue Kanzleramtsminister ist präzise. Hasst Diskussionen auf der Basis "Nichts Genaues weiß man nicht". Handwerkliche Pannen, wie sie in der Regierung Schröder üblich waren, sollen sich nicht wiederholen. Die Fundamente der Entscheidungen will er belastbar machen. Das ist einer, rühmt ihn der frühere sächsische Regierungssprecher Michael Sagurna, bei dem der Beifahrer vorn im Auto ruhig schlafen kann. Lothar de Maizière, der letzte DDR-Ministerpräsident, sagt über seinen Cousin: "Wenn man böse ist, kann man sagen: Er funktioniert." Mit Wohlgefallen erinnert er sich an die gelben Merkzettelchen, die ihm sein Berater Thomas 1990 während der Verhandlungen über den Einheitsvertrag als Warnung an jede Kabinettsvorlage klebte. "Ist das gewollt?" "Vorsicht!"

Die Cousins - Thomas und Lothar de Maizière im November bei einem gemeinsamen Talkshow-Auftritt in Köln© Jörg Carstensen/DPA
Thomas de Maizière ist maßgeschneidert als Merkels Mann im Kanzleramt. Er besitzt Gespür für die Macht und den richtigen Zeitpunkt, kann Merkel-Positionen gegenüber den SPD-Ministern vertreten, ohne dass daraus gleich Konflikte entstehen oder Prestigefragen. Kurt Biedenkopf, unter dem Thomas de Maizière die Dresdner Staatskanzlei leitete, ist überzeugt: "Merkel hat mit ihm den Besten geholt, den sie bekommen konnte."
Handwerklich ist Merkels Maschinist glänzend vorbereitet. Eine politische Allzweckwaffe. Hat für Richard von Weizsäcker Reden geschrieben, der bekanntlich ein ungnädiger Chef war. Besitzt Erfahrung mit großen Koalitionen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Leitete die Staatskanzleien in Schwerin und Dresden, war Finanz-, Justiz- und Innenminister in Sachsen. Biedenkopf vertraute ihm die schwierige Aufgabe des Koordinators der Ost-Ministerpräsidenten-Konferenz an. Er schuf dabei das Grundgerüst fürs Tauziehen um den Solidarpakt II, mit dem die neuen Länder sich 156 Milliarden Euro bis zum Jahr 2019 sicherten. Das hält Thomas de Maizière für seine bisher beste Leistung. "Darauf bin ich stolz."
Der Mann wird kein Jasager sein. Interne Kritik gehört für ihn zur Loyalität, die er "extrem wichtig" nennt. Er ist konfliktfähig mit dem Ziel, am Ende den Kompromiss zu finden. Gute Politik muss für ihn übersichtlich sein, weil Unübersichtlichkeit nur die Interessen verschleiert. Er denke in Strukturen, sagt er. "Wie müsste es sein, wenn es richtig ist?" Die parteipolitischen Schützengräben interessieren ihn nicht. Und der Koalitionsvertrag ist für ihn keine Bibel. Sieht die Welt in drei Jahren anders aus, werden neue Fakten neues Handeln erfordern.
Die Beziehung. Es geschieht am 18. März 1990. Angela Merkel verlässt niedergeschlagen die Wahlparty des Demokratischen Aufbruchs (DA), der bei der Volkskammerwahl mit 0,9 Prozent kläglich gescheitert ist, und eilt zur Siegesfeier der CDU. Dort stellt Thomas de Maizière sie seinem Cousin Lothar vor, lobt ihre Pressearbeit für den DA - und der Chef der Ost-CDU macht sie zur stellvertretenden Regierungssprecherin. Ihr politischer Aufstieg beginnt.
Der 15. Oktober 2005, ein Samstag, ist ein weiteres Eckdatum in der Beziehung zwischen Angela Merkel und ihrem Duzfreund Thomas de Maizière. Gegen 10 Uhr bietet sie ihm per Telefon den Posten im Kanzleramt an. Knapp sechs Stunden Bedenkzeit gewährt sie und das nur bedingt: "Ich akzeptiere keinen Absagegrund, außer du sagst wegen der Kinder ab!" Zur Mittagsstunde ruft Lothar de Maizière bei Merkel an und sagt: "Du musst zwar in deinem Kabinett einen guten Mann gegen Wolfgang Tiefensee von der SPD stellen, aber unseren Thomas lässt du hoffentlich in Sachsen." Die CDU-Chefin druckst herum: "Mir ist das Thema unangenehm, darüber rede ich nicht." Der Mann kennt seine Merkel und weiß, alles ist gelaufen.
Der Familienrat der de Maizières hat den Wechsel nicht blockiert. Ehefrau Martina nickte, die drei Kinder (Nora 18, Kilian 15, Victor 12) sagten ja. Victor, der im Dresdner Kreuzchor singt, allerdings erst, als feststand, dass nicht nach Berlin umgezogen wird. "Wenn die Familie ernsthaft abgelehnt hätte, hätte ich nein gesagt", sagt de Maizière. Er weiß, dass die Tochter des Amtsvorgängers Frank-Walter Steinmeier lange glaubte: "Der Papi wohnt im Büro."
Freizeit dürfte im neuen Job auch für ihn ein Fremdwort bleiben. Ein schmerzlicher Freundschaftsdienst also für die Frau, die er duzt? Mit dem Wort Freundschaft geht de Maizière behutsam um. Mehr als zehn wirkliche Freunde könne man im Leben nicht haben, glaubt er. Und in der Politik? Da schon gar keinen. Aber es sei wie bei guten, alten Bekannten gewesen. "Treffen sie sich wieder, ist sofort eine bestimmte Verbundenheit da." Das Gefühl hat Angela Merkel abgerufen und ihren Vertrauten Volker Kauder zusätzlich mobilisiert. "Es muss Leute geben, die sich in die Pflicht nehmen lassen", drängelte der, "daher dürfen Sie auch nicht ablehnen."
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