"auf wiedersehen für immer"

16. Februar 2008, 14:49 Uhr

Eine letzte SMS als Abschied. Eine Woche später wird Sebastian H. nach einem Raubüberfall von Polizisten getötet. "Er wollte erschossen werden", sagen Freunde. Der 22-Jährige hatte wie viele deutsche Soldaten seine Erlebnisse in Afghanistan nicht verkraftet. Von Christoph Wöhrle

Bereits mit 17 Jahren hatte Sebastian sich beim Bund verpflichtet, mit 18 brach er nach Afghanistan auf

Ein leeres Portemonnaie und eine halbe Schachtel Gauloises - die magere Beute des Sebastian H. beim Überfall auf einen Mann aus Ludwigsburg. Berlin-Neukölln, die Nacht zum 9. August 2007. Schnell ist die Polizei dem Räuber auf den Fersen. "Halt! Stehen bleiben", rufen die Beamten. Der 22-Jährige dreht sich keuchend um, in der Hand eine Waffe. Die Beamten feuern, treffen ihn in den Arm und - tödlich - in die Brust.

Es ist ein tragisches, kurzes Leben, das in dieser kühlen Sommernacht endet, nach Jahren des Zweifelns und Suchens. Alle haben sie weggeschaut, als vielleicht noch etwas zu retten gewesen wäre: die Ärzte, die Familie, die sogenannten Freunde - und die Bundeswehr. Sebastian hatte vier Jahre gedient, war von Juli 2003 bis Januar 2004 in Kabul im Afghanistan-Einsatz. "Was er da erlebt hat, hat er psychisch nie verarbeitet", sagt ein Freund.

In Stahnsdorf südlich von Berlin wuchs Sebastian auf, hier das Haus der Familie. Die Trennung der Eltern verkraftete er nicht©

In dieser Nacht zum 9. August sind sie wieder da, die Geister der Vergangenheit. "In Kabul ist ein Kind in meinen Armen verblutet", sagt Sebastian H. zu seinem Freund Mustafa. Es ist schon nach Mitternacht, die beiden sitzen im Neuköllner "Billard-Eck". Das Mädchen sei auf eine Mine getreten, erzählt Sebastian, es sei schwer verletzt vor dem Lager abgelegt worden. In "Camp Warehouse", dem deutschen Lager, wurden oft Verletzte an die Tore gebracht; es hatte sich herumgesprochen, dass die Deutschen die beste Militärmedizin haben.

Alles zu viel

Nur wenn er getrunken hat, kann Sebastian über diese Zeit reden. "Das war alles zu viel für mich", sagt er. Die Männer leeren mehrere Flaschen Bacardi. Irgendwann geht Mustafa. Sebastian bleibt. Er weint. Um viertel nach eins schließt das "Billard-Eck", fünf Minuten später überfällt Sebastian den Mann aus Ludwigsburg. Und nur wenig später ist er tot.

Jedes Jahr kommen Dutzende deutsche Soldaten mit einer kranken Seele nach Hause zurück. "Wenn die nicht erkannt und richtig behandelt werden, können Tragödien passieren wie diese", sagt Norbert Kröger, scheidender Chefpsychologe am Bundeswehrkrankenhaus Berlin. Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, wird das Leiden genannt. Typische Symptome sind: Schlafstörungen, emotionale Kälte, Konzentrationsschwäche, Depressionen, Aggression gegen sich und andere. "Trauma-Reaktionen zu haben und zu zeigen ist normal. Wer das nicht tut, ist ein emotionaler Vollidiot und schädigt sich", sagt Kröger.

Seit 1996 hat die Bundeswehr rund 700 PTBS-Fälle behandelt. Die Dunkelziffer ist höher. Doch die Armee redet die Krankheit lieber klein: Nur ein Prozent der Heimkehrer sei betroffen. Amerikanische Psychologen schätzen, dass bei den USVeteranen mindestens zehn Prozent an PTBS leiden.

Sebastian ging auf die Heinrich-Zille-Schule in Stahnsdorf. Er hatte ordentliche Noten - doch kein Lehrer erinnert sich an ihn©

Sebastian ist in der kleinen Stadt Stahnsdorf bei Potsdam aufgewachsen. Kaum Arbeitslose, Hochtechnologie, Reihenhaussiedlungen im Ost-Stil. In der Schule hatte er ordentliche Noten, aber er blieb unauffällig: Kein Lehrer erinnert sich an ihn. Der große Einschnitt in seinem Leben war die Trennung der Eltern, da war er noch ein Kind. Freunden erzählte er später, wie sehr er ein harmonisches Zuhause vermisste.

Geld und Sicherheit lockten

Bereits mit 17 hatte sich Sebastian beim Bund verpflichtet, mit Einwilligung der Mutter. Das Geld und die Sicherheit lockten den Sohn, der gerade eine Lehre zum Bürokaufmann abgebrochen hatte. Eigentlich keine ungewöhnliche Karriere für einen jungen Mann aus dem Osten.

Was die Vertreter der Bundeswehr nicht erwähnen: Schon vor seinem Einsatz in Afghanistan war Sebastian auffällig gewesen. Im Suff hatte er das Auto eines Kameraden zu Schrott gefahren und wurde wegen Alkoholmissbrauch und Fahren ohne Führerschein abgemahnt.

Angeblich schickt die Bundeswehr nur "geeignetes Personal" ins Ausland, beteuern die Presseoffiziere. Aber in Wahrheit werden oft junge, unerfahrene Flegel in den Flieger gesetzt. Ostdeutsche Grünschnäbel wie Sebastian. Warum schickten sie ihn trotz seiner Vorgeschichte? Es gebe "keine formalen Kriterien bei der Beurteilung der Persönlichkeit", sagt Presse-Oberst Wolfgang Fett. "Wir prüfen immer den Einzelfall. Auch im Fall Sebastian H. war diese Entscheidung offenbar richtig. Er hat seine Sache im Einsatz gut gemacht."

Einsatz in Kabul

Im Einsatz ist Sebastians Verhalten tatsächlich tadellos. Mit 18 Jahren bricht er nach Kabul auf. Tut seinen Dienst, hält Wache auf den Lagertürmen, fährt Patrouille. "Wir sind einmal beschossen worden", erzählt er hinterher Freunden. Dabei habe er zurückgeschossen, "aber niemanden getroffen". Nach der Heimkehr verbringt er einen sechswöchigen Urlaub abwechselnd bei Vater und Mutter. Er ist stolz, zeigt die Einsatzmedaille. Alles scheint normal.

Auch die darauf folgende Zeit in der Heimatkaserne in Baden-Württemberg übersteht der Hauptgefreite. Zunächst. Ab und an dräut die Vergangenheit. Er schläft immer wieder schlecht, hat Albträume, muss immer öfter an das schwer verletzte Mädchen denken. Dann sagt ein Kamerad "Komm, trink noch ein Bier", und dann geht es schon.

Bis zum ersten Selbstmordversuch. Er schneidet sich die Pulsadern auf und landet im Bundeswehrkrankenhaus Berlin. Dort erzählt er von seinem Einsatz, von seinen Albträumen. Die Ärzte sagen, die Probleme hätten nichts mit dem Einsatz zu tun, alles liege im Elternhaus begründet.

Auslöser eines PTBS können einzelne, blutige Ereignisse sein, ebenso permanente Todesangst während des Einsatzes. Seelische Wunden aus Kindheit und Jugend verstärken das Risiko. "Siegfriedphänomen" nennt Psychologe Kröger das: Jeder Mensch hat - dem Lindenblatt des Nibelungenhelden gleich - einen wunden Punkt. Und laut US-Studien erkranken junge Soldaten fünfmal häufiger als ältere. Kröger: "Das Problem ist, dass sich viele abschotten, statt darüber zu sprechen." Zartbesaitete aber haben beim Bund, wo gern das Motto "keine Einzelschicksale!" ausgegeben wird, einen schweren Stand.

Fast alle PTBSler könnten geheilt werden

Kröger faszinieren akute Trauma-Opfer, "weil man sie noch gut therapieren kann". Der Psychologe ist sich sicher: Fast alle PTBSler könnten geheilt werden - wenn die Krankheit rechtzeitig diagnostiziert wird. Aber um alle Heimkehrer von Fachleuten untersuchen zu lassen, fehlt der Bundeswehr das Personal.

Im April 2006, gut zwei Jahre nach Sebastians Rückkehr aus Afghanistan und zwei Monate vor seiner Entlassung aus der Bundeswehr, macht er während einer Übung seiner Kompanie Fotos: Kollegen, die die Zelte aufstellen, "Dackelgaragen" genannt. Andere Kameraden posieren in Rambo-Manier mit dem MG. Sebastian knipst sie, hält sich aber selbst zurück. Er fühlt sich längst nicht mehr als Held. Auf einem Gruppenfoto sitzt er wie schockgefrostet auf dem Dach eines Geländefahrzeuges mit Tarnschminke im Gesicht. Sein Blick ist abwesend.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 07/2008

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