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Was geschah mit Jenny Böken?

Viele ungeklärte Fragen, brisante E-Mails, ein Frauenarzt-Termin: Die Todesumstände der im September 2008 auf der "Gorch Fock" verunglückten Jenny Böken erscheinen nun in neuem Licht.

Von Andreas Endemann und Frank Gerstenberg

Ich schließe nichts mehr aus", sagt Vater Uwe Böken, 53. Nichts, das bedeutet auch Mord. Hat er dafür Anhaltspunkte? Im Gespräch mit stern.de gibt der Direktor der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in Geilenkirchen bei Aachen Brisantes zu Protokoll: Seine Tochter Jenny habe am 3. September 2008 Wache auf dem "Posten Back" der "Gorch Fock" geschoben. Um Mitternacht sollte sie zusammen mit 24 anderen Kameraden abgelöst werden. Die neuen Wachen treffen üblicherweise 15 Minuten vorher auf ihrem Posten ein, um die Übergabe zu regeln. Um 23.43 Uhr schallt ein Notruf durch die Kajüten und über die Decks: "Mann über Bord. Dies ist keine Übung." Bökens Überlegung: Wenn 25 Wachposten abgelöst werden müssen, ist einiges los an Deck. Bis heute will jedoch niemand etwas von dem Verschwinden des 18-jährigen Mädchens bemerkt haben, das elf Tage später von einem Fischerei-Aufsichtsboot 65 Kilometer nordöstlich von Helgoland tot in einem Fischernetz geborgen wurde.

Uwe Böken hat über zwei Jahre geschwiegen. Er glaubte keinen Grund zu haben, an der Unfall-Version zu zweifeln. Zudem traf die Familie ein weiterer Schicksalsschlag: Ex-Frau Marlis und der heute 18-jährige Sohn Sven hatten im April 2009 auf dem Weg nach Ostfriesland einen schweren Autounfall. Der Sohn verlor den rechten Arm, die Mutter drei Zentimeter ihres linken Beines: "Ich hatte einfach keine Kraft mehr", sagt Böken. "Wissen Sie, wie schwer es ist, die richtige Prothese für einen Teenager zu finden?"

Ungeklärte Fragen und ein Schrei in der Nacht

Jetzt aber stellen er und seine Ex-Frau Fragen und brechen damit offenbar eine stillschweigende Übereinkunft mit der Bundesmarine. Die hatte sich nämlich nach dem Verschwinden der Offiziersanwärterin, die erst eine Woche vorher an Bord des Dreimasters gegangen war, "fürsorglich" gekümmert. Militärseelsorger, hochrangige Offiziere, Therapeuten boten Hilfe an, kamen zu Gesprächen in die Herrstraße in Geilenkirchen-Teveren, hielten Gedenkfeiern für Jenny ab. "Heute frage ich mich, warum sie sich so intensiv gekümmert haben", sagt Uwe Böken, der den Tod der Tochter, auf die er so stolz war, nie verwunden hat. Er interessiert sich jetzt für Details: Um 23.30 Uhr hätte der "Posten Back", also seine Tochter, eine Routine-Meldung abgeben müssen. Diese Meldung blieb laut Böken aus. Nach dem "Warum" hat bis heute keiner gefragt, er auch nicht.

Merkwürdig sei auch, dass einige Besatzungsmitglieder am 4. September 2008 nach der Rückkehr in Wilhelmshaven in den Sonderurlaub geschickt wurden. Böken ist sicher, das jemand in der Nacht zum 4. September etwas gesehen oder gehört haben muss. Ein "Schrei" sei von Zeugen zu Protokoll gegeben worden. "Aber im Wasser schreit niemand", sagt der Mathematik- und Physiklehrer. Was also passierte am 3. September um 23.43 Uhr auf dem Mitteldeck der "Gorch Fock"? Jedenfalls kein "Unfall", da ist sich Böken sicher - ganz im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft in Kiel und zur Generalstaatsanwaltschaft des Landes Schleswig-Holstein. Unterstützung erhält er dabei vom ehemaligen Kommandaten des Schulschiffes, Immo von Schnurbein: Im Interview mit der Zeitschrift "Yacht" bezeichnet der "Gorch Fock"-Experte das Mitteldeck, auf dem Jenny Böken Wache hatte, als "extrem sicher". Ein Über-bord-Gehen sei sehr unwahrscheinlich, auch bei Windstärke sieben, die in dieser Nacht geherrscht hat. Tatsächlich fielen fünf der sechs Toten an Bord der "Gorch Fock" in den vergangenen zwölf Jahren aus Takelage; Jenny war die erste, die über Bord ging.

Brisante E-Mails von Jenny an ihre Eltern

Spekulationen sind jetzt Tür und Tor geöffnet. Den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zufolge soll ein Besatzungsmitglied bereits eine Minute nach dem Alarmruf am GPS-Fixierknopf gewesen sein, mit dem bei Unglücksfällen die Position festgehalten wird. "Den Weg von der Kajüte bis zu diesem Alarmknopf kann man unmöglich in einer Minute zurücklegen", behauptet Böken. Brisanz bekommen vor dem Hintergrund derzeitiger anonymer Anschuldigungen von "Gorch Fock"-Rekruten E-Mails, die Jenny Böken in den Tagen vor ihrem Tod nach Hause geschickt hat: "Zickenterror" herrsche unter den 24 weiblichen Offiziersanwärterinnen der 220-köpfigen Crew. Vorgesetzte maulten ständig, aber an das "Gemotze" gewöhne man sich. Starker "Druck" und ein "barscher Ton" herrsche an Bord, schrieb Jenny an ihre Eltern. Viele Klagen angesichts der wenigen Tage, die sie an Bord war. Vater Uwe Böken, passionierter Segler, machte sich keine Sorgen. Deftige Sprüche und Macho-Gehabe kennt er von der Bundeswehr. "Das ist normal in der Ausbildung." Aber wie "normal" war es für seine Tochter? War das raue Seemannsleben an Bord nicht doch eine Nummer zu hart für die Einser-Abiturientin?

Nervende Fragen an die Vorgesetzten

Wie es wirklich im Leben der Tochter aussah und wie sie als 18-Jährige die Erlebnisse an Bord eines Schulschiffes verarbeitet hat, auf dem eine Prämie für denjenigen ausgesetzt wird, der die "hässlichste Offiziersanwärterin knallt", weiß niemand oder will niemand wissen. Marlis Böken deutet Jungs-Sprüche wie "Oh unsere Loreley" über ihre Tochter, die sich in der Pause an Deck schon mal die langen blonden Haare kämmte, als harmlose Frotzelei. Auf einem Schiff, auf dem es keine Privatsphäre gibt, auf dem ein Kommandant von "schlechtem Menschenmaterial" spricht und auf dem Kletteraktionen in schwindelerregender Höhe zum normalen Dienst gehören, können Sprüche schnell in unerträgliches Mobbing und Angst umschlagen. Dass Jenny in ihrem neuen Leben noch nicht angekommen war, belegt auch das Zeugnis: Mit ihren ständigen Fragen nerve sie Vorgesetzte, sportlich rangiere sie am unteren Ende der Skala. Was geht in einem jungen Menschen vor, der aus einer weitgehend heilen Voreifel-Welt in ein gefährliches Seefahrerleben gestürzt wird?

Eine Mail kurz vor ihrem Tod beunruhigte dann die Eltern doch. Am 31. August 2008, vier Tage vor ihrem Tod und fünf Tage vor ihrem 19. Geburtstag, schrieb sie an ihre Mutter: "Liebe Mama, ich brauche dringend einen Termin bei meinem Gynäkologen Dr. M." Der Schiffsarzt habe eine "Zyste" festgestellt. Uwe Böken hält inzwischen auch eine Vergewaltigung auf dem Segelschiff für möglich. Obwohl die Gerichtsmedizin keine Spuren von Gewalt am Leichnam entdeckt hat. "Aber was heißt das schon bei einem Körper, der elf Tage tot im Wasser lag?", fragt der Vater, der merkt, dass er gegenüber der Bundeswehr zu gutgläubig war.

Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt

Wie damals an die Hoffnung, dass seine Tochter noch lebt, klammert er sich jetzt an die Hoffnung, dass irgendjemand, der in der Todesnacht an Deck war, endlich den Mund aufmacht. "Wenn nicht, werden wir den Grund für den Tod Jennys nie finden", appelliert er verzweifelt an das Gewissen der Soldaten. Die Chance auf Gehör ist gering, das weiß er. Auch sein Brief an Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg blieb ohne Antwort. Darin prangert er falsche Ausbildungsmethoden, antiquierte Inhalte und fehlende Sicherheitsstandards an. Sein schwerster Vorwurf: "Wenn meine Tochter eine Schwimmweste getragen hätte, wäre sie noch am Leben." Doch das war im Club der harten Kerle seinerzeit verboten.

Vielleicht wäre Jenny Böken dann auch noch am Leben. Bei der Frage nach dem eigenen Zustand verstummt der eloquente Mann mit den zurückgekämmten Haaren und den langen Koteletten. Sein prüfender Blick wandert zum Bild seiner Tochter, die Augen werden feucht. Dafür spricht seine Ex-Frau aus, was beide denken: "Wir sind auch gestorben. Nichts ist mehr so, wie es war." Damals, es ist gerade erst drei Jahre her, als Jenny mit ihren beiden Brüdern Björn, 23, und Sven, 18, fröhlich aus einem Bilderrahmen blickte. Marlis Böken hält sich mit der Arbeit für die Jenny-Böken-Stiftung aufrecht, mit dem sie Bundeswehr-Opfern und ihren Angehörigen helfen will. Den Vater treiben das "Warum?" und das "Wie?" an. Er will erst ruhen, wenn er weiß, auf welche Weise seine Tochter ums Leben kam. Er setzt dabei auf die neuen Ermittlungen. Vorsorglich will er Strafanzeige gegen Unbekannt wegen des Verdachts auf sexuelle Nötigung stellen.

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