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22. Oktober 2009, 21:34 Uhr

Von wegen Bildungsrepublik

Vor einem Jahr rief Angela Merkel zum Bildungsgipfel. Jetzt verplempert sie mit der FDP Milliarden für Steuersenkungen. Und die Bildung? Die wird abgespeist. Zukunft buchstabiert sich anders. Ein Kommentar von Sebastian Christ

Bildung, Bildungsgipfel, DGB, Merkel, Westerwelle, Studiengebühren, Universitäten

Ohne ihr Einverständnis läuft nichts bei den Koalitionsverhandlungen: Angela Merkel und Guido Westerwelle© Gero Breloer/AP

Genau vor einem Jahr wollte sich Angela Merkel selbst ein Denkmal setzen. Deutschland müsse zur Bildungsrepublik werde, sagte sie, und rief deshalb zum Gipfel nach Dresden. Vertreter von Bund und Ländern schlugen sich stundenlang Vorschläge und Bedenken um die Ohren. Und am Ende stand doch nur ein Minimalkompromiss: Bis 2015 sollte zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung investiert werden. Die Finanzkrise war damals schon Fakt. Und folglich sagte niemand, wer das alles bezahlen soll. Vorsichtshalber rechnete Merkel vor, dass auch in den Hartz IV-Leistungen ja schon Bildungsausgaben enthalten seien. Die Veranstaltung geriet zur Farce.

Im Oktober 2009 hat sich am Grundverhältnis zwischen Bildung und Politik kaum etwas geändert. Manche Länder verbuchen nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes sogar Pensionsleistungen für verbeamtete Lehrer als Bildungsausgaben, nur um irgendwie das avisierte Planziel zu erreichen. Von einem offensiven und ambitionierten Ausbau des Bildungssystems oder sogar von einer zweiten Bildungsexpansion ist keine Rede mehr.

Eine Frage der Schwerpunktsetzung

Wahrscheinlich wird Schwarz-Gelb einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag dafür ausgeben, um der Nation ein Steuergeschenk auf den Gabentisch zu legen - Bund und Länder müssen das zu gleichen Teilen tragen. Dazu nur zwei einordnende Fakten: Es kostet jährlich etwa zehn Milliarden Euro, um allen 40 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland durchschnittlich 20 Euro im Monat aus Steuergeldern zu schenken. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung könnten die Bundesländer mit dieser Summe jedoch zwei Jahre lang den Reformbedarf an den Universitäten bestreiten: neues Personal, Bafög-Ausweitung, Aufnahme neuer Studenten, Abschaffung der Studiengebühren.

Es ist letztlich alles eine Frage der Schwerpunktsetzung. Im Grunde wäre es nur ehrlich gewesen, wenn CDU und FDP in ihr Wahlprogramm geschrieben hätten: "Wir wollen die Steuer senken und die Menschen damit entlasten. Deshalb haben wir kein Geld mehr übrig, um Deutschland zur Bildungsrepublik auszubauen." Welch Wunder, sie haben sich diesen Satz verkniffen.

Immer mehr zeigt sich, wie zukunftsfeindlich die schwarz-gelbe Politik zu werden droht. Steuersenkungen müssen auf Pump finanziert werden, bezahlen dürfen es die Jüngeren. Und wenn dann doch noch Geld für Bildungsprojekte übrig ist, heute zum Beispiel verständigten sich Union und FDP auf zusätzliche rund drei Milliarden Euro für Bildung und Forschung, wird es für Schaufensterpolitik ausgegeben. So etwa für den neuen Stipendientopf, den die neue Bundesregierung einrichten will - was erst einmal gut klingt. In einigen Jahren sollen zehn Prozent der Studenten daraus monatlich 300 Euro erhalten. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Geförderte Arbeiter- oder Arztsohn ist. Doch dieser soziale Baufehler des Programms ließe sich noch ideologisch argumentieren.

Die Tatsache dagegen, dass Wirtschaftsunternehmen die Hälfte des Topfs speisen sollen, ist ein unverzeihlicher Denkfehler im System. Erstens werden sich Betriebe im Zweifelsfall immer für die Stipendiaten entscheiden, die ihnen direkt nach dem Studium wirtschaftlich verwertbar scheinen: Ja zum Maschinenbauer, nein zur Theologin. Zweitens haben sich in Nordrhein-Westfalen, wo das System schon praktiziert wird, weit weniger Unternehmen zur Förderung bereit erklärt als erhofft. Von knapp 33.000 Studenten an der Ruhr-Uni Bochum haben gerade mal läppische 120 eins gekriegt. Es gibt wohl attraktivere Wege, Talente an den Betrieb zu binden.

Die Demografie wird immer wichtiger

Statt das wenige Geld für Pseudo-Elitenförderung und Steuersenkungen zu verprassen, sollte die Bundesregierung an einer neuen, gerechteren Bildungsrepublik arbeiten. Und zwar nicht aus einer Sozialschwärmerei heraus, sondern aus purem Eigeninteresse. Unser Bildungssystem produziert derzeit jedes Jahr zehntausende Schulabbrecher. Wir werden es uns in Zukunft nicht mehr leisten können, diese Menschen auf der Strecke zu lassen - weil schon bald die Zahl der Schulabgänger rapide abnehmen wird. Die Demografie. Und spätestens, wenn selbst einfache Jobs nicht mehr besetzt werden können, müssen sich Herr Westerwelle und Frau Merkel fragen lassen, was sie im Jahr 2009 mit den ganzen Milliarden eigentlich gemacht haben.

Ein Kommentar von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 32)
 
Prato61 (23.10.2009, 17:17 Uhr)
Das Volk bewußt verblöden
Nachdem Merkel, Westerwelle und Konsorten bei der letzten Bundestagswahl gemerkt haben, wie leicht man mit Verdummungskampagnen ein Volk hinter sich bringen kann, werden sie den Teufel tun, dagegenzusteuern und Geld für die Bildung locker machen.
Logisch oder??
snoopy3 (23.10.2009, 15:26 Uhr)
Bewußt verblödet
Ziel einer demokratischen Gesellschaft sollte der "mündige Bürger" sein.
Daß in Wahrheit in Deutschland einige wenige immer Klüger - bedrückend viele aber immer dümmer werden, ist von der Politik gewollt.
Denn buchstäblich zur Existenzfrage wird die Verblödung in parlamentarischen Demokratien, da hier das Volk seine Vertreter frei wählt. Die Arm-Reich-Schere steigt immer mehr u. bloßer Kapitalbesitz bringt mehr, als ehrliche Arbeit.
Wenn die Normalbürger besser Bescheid wüßten über z. B. inere und internationale Finanzzusamenhänge, wäre eine mit beeinflußbaren Stümpern besetzte politische Klasse kaum vorstellbar.
Deshalb bleibt die Volksverblödung unausgesprochenes oberstes Staatsziel.
Bayernstammler (23.10.2009, 13:54 Uhr)
@brainuser
Zitat: "Ich sehe nicht, wie diese Regierung Ziel führend und auf die Zukunft ausgerichtet arbeitet. Es ist hier weder ein Konzept noch eine herausragende Persönlichkeit erkennbar."

"Gerade die FDP hinterlässt einen katastrophalen personellen Eindruck."

Genau das aber wussten alle schwarz-gelb-Wähler vorher.

Ich kenne einige Menschen, die früher SPD wählten und nun FDP.
Auf die Frage, weshalb FDP war die Antwort: Sie würden es besser machen als die SPD.
Auf die Frage, was die SPD in der groKo so schlecht gemacht habe gab es keine Antwort oder "man" fand nicht all zu viel.

Die SPD hat ein großes Manko: Sie kann sich nicht verkaufen. Es gibt zu viele in diesem Verein, die beim Begriff Marketing und PR schon ausrasten.
So wird das nix.
brainuser (23.10.2009, 12:04 Uhr)
Diese Land...
hat weitaus größere Probleme, als die Frage nach einem besseren Stipendien-System. Die systemischen Probleme fangen nichts erst an den Universitäten an.

Und diese Regierung wird daran nichts ändern. Sie kann im günstigsten Fall Glück haben, dass die sich wirtschaftlichen Rahmenbedingungen soweit verbessern, dass es sich in einem größeren Haushaltsspielraum spiegelt.

Ich sehe nicht, wie diese Regierung Ziel führend und auf die Zukunft ausgerichtet arbeitet. Es ist hier weder ein Konzept noch eine herausragende Persönlichkeit erkennbar.

Gerade die FDP hinterlässt einen katastrophalen personellen Eindruck.

Das soll eine Regierung sein? Lächerlich!
auwei (23.10.2009, 11:38 Uhr)
@slapmastert
Eben nicht - das will heißen, natürlich ist ein sachwarz-gelbes Stipendiensystem mehr als gar keines. Ich kann nur nicht erkennen, wie auf der angedachten Basis das Ziel, das (teure) Bildungssystem auf breiter Front durchlässiger zu machen für Unbegüterte, erreicht werden soll. Das ist ein Elitenfördersystem (nein, ausnahmsweise nicht die Geldelite), nicht viel mehr. SO werden wir die Akademikerquote nicht fördern, nur ein paar Leuchttürme hochziehen.
Slapmastert (23.10.2009, 11:31 Uhr)
@auwei
"Eben nicht!" ??? Hab ich was verpasst?! Haben Sie eine Ahnung von dem derzeitigen Stipendiensystem? Nach den Plänen von Schwarz-Gelb wird eines mit Sicherheit gerechter als es unter Rot-Grün der Fall gewesen ist; und zwar die Verteilung von Stipendien!

Ich kenne jemanden, der einen 1,0 Hochschulabschluss in geisteswissenschaftlichen Fächern gemacht hat. Er hat, und das ist Fakt, unter Rot-Grün kein Stipendium bekommen! Unter Schwarz-Gelb würde er laut der neuen Regelung eines bekommen. Ist das nun gerecht, oder nicht?!

Selbstreflektion ist das Zauberwort!
auwei (23.10.2009, 11:19 Uhr)
@Slapmastert
Zitat: "Es wird ein umfangreiches Stipendiensystem ernsthaft Diskutiert..." Eben nicht! Zitat: "...aber ungerechtigkeit gibt es doch überall...". Kriege und Hunger auch.
Slapmastert (23.10.2009, 11:14 Uhr)
Ganz schön polemisch dieser Beitrag!
Dieser Artikel ist ja, mal wieder, totaler Blödsinn. Es wird ein umfangreiches Stipendiensystem ernsthaft Diskutiert und was machen die, ach so weltoffenen Linken? Wieder nur am meckern... Egal ob man im TV, oder im Internet etwas über Schwarz-Gelb liest, sieht oder hört, es wird nur gemeckert. Man gerät da fast in Versuchung zu sagen; Typisch Deutsch!

Es mag ja sein, dass ein Student aus einer Arztfamilie besser situiert ist, als ein Student aus einem Elternhaus, in dem leider beide Elternteile arbeitslos sind, aber ungerechtigkeit gibt es doch überall. Ein Sohn aus einer Arztfamilie bekommt auch den gleichen Hartz IV Satz, wie einer aus einer finanziell schlechter gestellten Familie. Das ist ja mal ein mega dämliches Argument!

Man sollte sich in Deutschland langsam an den Gedanken gewöhnen, dass es einen Regierungswechsel geben wird; da nützt auch die satirische Polemik diverser Medien nichts.

Das Problem mit der demografischen Veränderung gibt es doch auch nicht erst seit gestern! Immer wenn unter Rot-Grün über eine demografische Divergenz gesprochen wurde war man doch gleich ein Nazi! Ich kann mir leider nicht helfen, aber diese extrem linke Einstellung hilft uns nicht mehr als das andere Extrem!

Mir ist Schwarz-Gelb unendlich mal lieber als Rot-Rot-Grün.
brainuser (23.10.2009, 11:04 Uhr)
Dabei könnte man...
die Problematiken doch endlich einmal vernetzt betrachten und auch lösen.

Wir beklagen Kinderarmut (u.a. durch zu niedrige Hartz-IV-Sätze)? Wir beklagen im internationalen Vergleich schlechtere Bildungssysteme und Schulergebnisse? Wir beklagen zunehmendes Übergewicht schon bei Kindern? Wir beklagen daraus resultierende steigende Ausgaben der Krankenkassen für die Behandlung der Folgeerkrankungen? Wir beklagen Finanzierungslücken in der gesetzlichen Krankenkasse?

Wir wäre es mit folgenden Schritten (nur ein Vorschlag):

1. Einrichtung einer Bürgerversicherung

Alle Bürger werden ohne Ausnahme versicherungspflichtig. Beiträge werden prozentual bis max. zu einer Beitragsbemessungsgrenze erhoben. Wer sich über das aktuelle GKV-Niveau absichern will, kann das gerne per zusätzlicher PKV machen.

Flankiert wird das Ganze durch Anpassungen in den Strukturen der Leistungserbringer (weniger Arztbesuche, weniger Krankenhausbetten, Wettbewerb unter Apotheken über z. B. Versandhandel). Siehe zum Beispiel das Gesundheitssystem in Schweden oder vglb. Ländern.

Vermutlich könnte so der Beitragssatz auf ca. 11-12% gesenkt werden.

2. Die Differenz wird NICHT an die Bürger zurückgegeben, sondern zusammen mit einer gleichmäßigeren Einkommenssteuer ohne Bevorzugung oberer Einkommensgruppen vereinnahmt und u.a. für die...

3. Verbesserung der Schulen eingesetzt. Dazu könnte z. B. Ganztagsunterricht gehören (Nachmittags z. B. gemeinsames Erledigen der Hausaufgaben, Sportgemeinschaften). Ein Schulessen sollte dazu gehören. So könnten die Auswirkungen sozialer Brennpunkte in "bildungsfernen" Familien abgefedert und für eine gesündere Ernährung gesorgt werden. Gleichzeitig entlastet das die H-IV-Bemessung.

Und so weiter. Das ist natürlich absolut vereinfacht und unvollständig dargestellt. Was ich aber damit ausdrücken will, dass aktuell eine vernetzte, pragmatische und auf empirische Tatsachen gestützte Reformpolitik fehlt, die endlich wieder die Basis für gesellschaftliche Stabilität herstellt.

Dieses Land ist trotz Finanzkrise reich und wohlhabend. Leider wird das Vermögen miserabel angelegt.

Stattdessen wird weiter an Parteilinien, einseitig bevorzugenden Ideologien und dem Prinzip der Machterhaltung entlang regiert, obwohl es offensichtlich ist, welche Folgen daraus langfristig erwachsen.

Mit offenen Augen ins Desaster. Hauptsache einer wohlhabenden Minderheit geht es weiter gut. Sozialer Frieden ade.

Wie doof muss man sein?
Franzoesin (23.10.2009, 11:04 Uhr)
Marsmann
Nichts fürchten die Besatzer Deutschlands mehr als ein Land ohne Kleinstaaterei.
Auf diese Weise gelingt es Frankreich seit politisch schwach zu halten Jahrhunderten - bis heute - durch Manipulation, Schmierung, Kauf, Erpressung, usw. - der kriminellen, habgierigen, rückradlosen und vor allen Dingen " volksfeindlichen" Landesfürsten ( und BRD-Politiker) die französischen Interessen in Deutschland durchzusetzen und das Land politisch schwach zu halten. Wie wäre es dem kleinen Frankreich sonst möglich gewesen das große Deutschland langsam aber sicher zu zerschlagen und große Gebiete zu annektieren . Nicht Umsonst wurde im Grundgesetzt ein Nationalstaat Deutschland verboten.
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