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"Sie traten immer wieder auf ihn ein"

Auf der Rückfahrt von einer Anti-Nazi-Demonstration haben Rechtsextreme zwei Busse mit Gewerkschaftern überfallen. Fünf Menschen wurden verletzt. Im Interview schildert ein Augenzeuge die Attacke.

Es ist Samstagabend, kurz nach 19 Uhr. Zwei Reisebusse rollen auf den Parkplatz der Autobahnraststätte "Teufelstal" in Thüringen. In den Bussen sitzen Gewerkschafter aus Hessen und Mitglieder der Linkspartei, die sich in Dresden an Gegendemonstrationen zu einem zeitgleich stattfindenden Neonaziaufmarsch beteiligt haben. Kurz darauf fährt ein weiterer Bus auf den Parkplatz. Seine Passagiere: Neonazis auf der Heimreise. Erst beschimpfen sie die Gewerkschafter. Dann prügeln sie auf sie ein und treten einen 43-jährigen Mann so lange, bis sein Schädel bricht. Schwer verletzt liegt er nun in einem Krankenhaus in Jena.

Die Polizei stellt später die Personalien der Neonazis fest. Gegen sie wird wegen Landfriedensbruch ermittelt. Außerdem wird bundesweit nach drei Schweden per Haftbefehl gefahndet. Sie sollen im Bus der Neonazis gesessen haben und am Angriff beteiligt gewesen sein. Holger Kindler ist Mitarbeiter des DGB. Im stern.de-Interview schildert der Augenzeuge den Überfall.

Nach Polizeiangaben legen die DGB-Reisebusse eine Pause an einer Raststätte ein, kurz darauf rollt ein Bus mit Rechtsextremisten auf den Parkplatz. Wie geht es dann weiter?

Die Neonazis haben sofort begonnen, einige Menschen aus unserer Reisegruppe zu beschimpfen und zu provozieren. Dabei haben sich die Rechtsextremen von Anfang an sehr aggressiv verhalten und einen Kollegen ins Gesicht geschlagen. Daraufhin haben wir bereits die Polizei angerufen und um Hilfe gebeten. Ein Teil von uns hat sich dann in die Raststätte geflüchtet, ein anderer Teil hat versucht, die Busse zu erreichen. Dort hat sich kurz darauf der eigentliche Angriff abgespielt.

Was passierte genau?

Als die Kollegen in den Bus einsteigen wollten, sind etwa 20 Neonazis mit "Antifa Attack"-Rufen auf sie zugerannt und haben den Bus mit Flaschen beworfen. An der Bustür gab es ein ziemliches Gerangel. Leider hat es nicht sofort geklappt, die Tür zu schließen. Deshalb ist es den Nazis gelungen, einen Kollegen aus dem noch offenen Bus zu zerren. Die Rechten haben auf ihn eingeprügelt, nachdem sie ihn auf den Boden gezerrt hatten. Dann haben sie noch weiter auf ihn eingetreten.

Wie lange dauerte es, bis alles vorbei war?

Ich schätze, dass zwischen Ankunft und Abfahrt des Neonazibusses rund zehn Minuten lagen. Erst die Beschimpfungen, kurz darauf dann der Angriff. Daraufhin ist der Bus der Rechten ein Stück vorgefahren, hat die Schläger eingesammelt und ist gleich weiter auf die Autobahn gefahren.

War für die Rechten erkennbar, dass Sie Nazigegner sind?

Ich gehe davon aus. An unseren Bussen waren Plakate vom "Geh Denken"-Bündnis befestigt, das zu den Demonstrationen in Dresden aufgerufen hatte. Außerdem ist es wohl auch etwas ungewöhnlich, dass an einem Samstagabend eine so bunt gemischte Gruppe junger und alter Menschen an einem Rasthof in Thüringen Pause macht. Die Nazis dürfte also gewusst haben, wen sie da vor sich hatten.

Gab es Gegenwehr? Rechtsextremisten behaupten im Internet, dass sie zuerst angegriffen wurden.

Das stimmt nicht. Man muss auch sehen, was für eine Personengruppe in unseren Bussen saß. Fast alle waren Gewerkschaftsmitglieder - so wie der jetzt mit einem Schädelbruch im Krankenhaus liegende 43-jährige Kollege - in der Altersspanne vom Jugendlichen bis zum Rentner. Dass jemand aus unserer Gruppe die Neonazis angegriffen hätte, ist völlig frei erfunden!

Die Rechtsextremisten sind nach dem Übergriff relativ schnell verschwunden. War es nach Ihrem Gefühl ein geplanter Angriff?

Das denke ich nicht. Wahrscheinlich wollten die ursprünglich auch nur eine Pause machen. Allerdings kann ich mir schon vorstellen, dass die sich vorher absprechen und sich sagen: Wenn wir zufällig Gegendemonstranten treffen, dann nehmen wir die hoch.

Wie lange dauerte es, bis die Polizei kam?

Der erste Streifenwagen kam in dem Moment, als die Nazis die Raststätte verlassen hatten. Er hat dann relativ zügig die Verfolgung aufgenommen. Kurz darauf kamen noch einmal drei Polizeiautos und der Notarzt.

Nach dem Überfall hat die Polizei kurz darauf den Bus der Rechtsextremen zwar durchsucht, die Nazis dann aber weiterfahren lassen. War zu dem Zeitpunkt schon erkennbar, dass der Mann einen Schädelbruch erlitten hatte?

Der Kollege war zwar ansprechbar, die Sanitäter haben ihm aber dazu geraten, mit ihnen ins Krankenhaus zu fahren. Das hat er dann auch gemacht. Meiner Meinung nach hätte die Polizei spätestens zu dem Zeitpunkt wissen müssen, dass es hier nicht nur um eine leichte Körperverletzung geht. Die Polizei hätte die Neonazis festhalten müssen.

Wie war die Stimmung unter Ihnen nach dieser Attacke?

Wir waren alle schockiert und sind es immer noch. Ich saß im Bus und wusste nicht, wie man nun mit der Situation umgehen soll. So etwas hatte schließlich noch keiner von uns vorher erlebt. Eigentlich hat kaum jemand über den Angriff gesprochen. Wir haben uns zwar nicht besonders eingeschüchtert oder verängstigt gefühlt. Aber allen war klar, dass es sich hier um einen politischen Angriff gegen Andersdenkende gehandelt hat.

Was für Konsequenzen zieht der DGB aus dem Vorfall?

Zum einen fordern wir natürlich, dass juristisch gegen die Angreifer vorgegangen wird. Zum anderen wollen wir, dass die NPD endlich verboten wird. Hier sind die Parteien gefordert. Mich wundert, dass Neonaziaufmärsche wie in Dresden am vergangenen Wochenende überhaupt erlaubt werden. Natürlich ziehen die Rechten in Dresden bei ihrem angeblichen "Trauermarsch" nicht randalierend und prügelnd durch die Stadt. Aber man muss doch auch schauen, was vor und nach den Neonazidemonstrationen passiert, wenn die Rechten die Maske fallen lassen.

Interview: Tiemo Rink
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