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17. Februar 2009, 10:36 Uhr

SPD will Wahlrecht ändern

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Linkspartei könnte dafür verantwortlich sein, dass es für CDU/CSU selbst bei einem knappen Ausgang der Bundestagswahl doch noch zu einer Koalition mit der FDP reicht. Dank sogenannter Überhangmandate. Von Hans Peter Schütz

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Überhangmandate sind "verfassungswidrig", sagt SPD-Chef Franz Müntefering© Martin Schutt/dpa

Karl-Josef Wasserhövel, gerufen "Kajo," Intimus des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering und Chefplaner des SPD-Wahlkampfs, blickte unlängst arg verdrossen drein. Beim Hintergrundgespräch mit Journalisten wurde er gefragt: "Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass durch die Linkspartei Gefahr droht für ihre Überhangmandate?"

Überhangmandate entstehen, wenn eine Partei in einem Bundesland mit den Erststimmen mehr Direktmandate gewinnt, als ihr nach den Zweitstimmen zustünden. Beispiel: Bei der Bundestagswahl 1994 gewann die CDU in Baden-Württemberg alle 37 Wahlkreise und damit 37 Direktmandate. Bei den Zweitstimmen, die über die Sitzverteilung entscheiden, kam sie jedoch nur auf 43,3 Prozent. Dafür hätten ihr nur 35 Sitze im Bundestag zugestanden. Also bekam die CDU zwei Überhangmandate.

Überhangmandate verfassungswidrig

Geantwortet hat Wasserhövel auf die ihm unbequeme Frage nicht, er ließ lieber Müntefering drei Tage später per Interview in der "Frankfurter Rundschau" antworten. Der SPD-Chef präsentierte dort völlig überraschend für die Journalisten, die mit ihm sprachen, ein Thema, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Im Koalitionsausschuss, so Müntefering, müsse die Reform des Wahlrechts zum Thema gemacht werden. "Da müssen wir dringend ran."

Das fällt der SPD relativ spät ein. Denn das Verfassungsgericht hat bereits im Juli letzten Jahres entschieden, dass die Vergabe von Überhangmandaten verfassungswidrig ist. Der Bundestag wachse regelmäßig dadurch über die vorgesehenen 598 Mandate hinaus. Unterm Strich des Systems werden Parteien mit vielen Direktmandaten bevorzugt, kleine benachteiligt. Allerdings räumten die Richter für ein neues Wahlrecht eine Frist bis zum Juni 2011 ein.

Linkspartei als unfreiwilliger Wahlhelfer

Bisher hat sich die SPD nicht an diesem Wahlsystem gestört. Denn 2005 bekam sie neun Überhangmandate, die CDU sieben. stern.de hat jetzt das Meinungsumfrage-Institut Forsa gebeten, die vermutliche Verteilung der Überhangmandate bei der Bundestagswahl im September zu berechnen. Unterstellt wurde von Forsa dabei folgendes Wahlergebnis: CDU 36 Prozent, SPD 24, FDP 14, Grüne 9, Linkspartei 11. Unterm Strich steht beim Blick auf Überhangmandate jetzt ein klarer Sieg der CDU. Sie kommt lauf Forsa auf 11 Mandate, die SPD fällt auf 6 zurück.

Ursache ist die Linkspartei und ihre Sogwirkung auf SPD-Wähler. Sie sorgt als unfreiwilliger Wahlhelfer dafür, dass zahlreiche SPD-Wahlkreise, die bisher knapp von ihr direkt gewonnen worden sind, 2009 an die CDU gehen. Experten schätzen, dass die SPD von den 2005 direkt gewonnenen Mandaten wegen der Linkspartei rund 50 an die CDU verliert. Die SPD kommt danach nur noch in Hamburg (3), Brandenburg (2) und Mecklenburg-Vorpommern auf sechs Überhangmandate. Die CDU in Schleswig-Holstein (1), Rheinland-Pfalz (1), Baden-Württemberg 5, Sachsen (3) und Thüringen (1) auf 11 Überhangmandate. Möglicherweise kommen in Bayern noch zwei hinzu, wenn die CSU erneut wieder fast alle Direktmandate holt, jedoch bei den Zweitstimmen deutlich unter den 50 Prozent bleibt, die sie früher stets erreicht hat.

Müntefering jammert jetzt. Er geht sogar von 19 Überhangmandaten aus, mit klarem Übergewicht für die CDU. Man stelle sich vor, klagt er, dass "durch verfassungswidrige Mandate eine bestimmte Regierungsbildung ermöglicht wird." Gemeint ist dabei natürlich eine CDU/CSU-FDP-Koalition. Er fordert die ersatzlose Abschaffung der Überhangmandate. Darüber müsse im März im Koalitionsausschuss geredet werden.

Auch Grüne wollen Änderung

Unterstützung dafür findet die SPD-Forderung bei den Grünen, die bereits einen entsprechenden Gesetzentwurf der Fraktion eingebracht haben. Der grüne Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck: "Die nächste Wahl muss verfassungskonform ablaufen." Die Linkspartei begrüßt die Diskussion ebenfalls, glaubt aber, dass es für die Reform des Wahlrechts bereits fast zu spät ist. Zwar plädiert auch Bundestagpräsident Norbert Lammert (CDU) für eine Wahlrechtsreform. Sie sei "unbedingt erwünscht." Bei gutem Willen sei es durchaus möglich, das Wahlrecht so rechtzeitig zu korrigieren, dass es schon bei der kommenden Wahl angewendet werden kann. Aber die CDU taktiert erst einmal. Es sei sehr fraglich, ob man so kurz vor der Wahl noch zu einer vernünftigen Lösung kommen könne.

Die Wahlrechtsexperten der CDU argwöhnen, die SPD wolle jetzt den schlichten Versuch starten, ihre Partei als Reformverweigerer anzuprangern. Ihr gehe es nicht ums Wahlrecht, sondern allein um die Schwächung des politischen Hauptgegners. Ob die SPD sich traut, zusammen mit der Linkspartei, der FDP und den Grünen das Thema anzugehen, ist derzeit noch offen.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
n8g8 (18.02.2009, 23:32 Uhr)
SPD will nicht...
... sie MUSS.
Und ich finde das einfach köstlich!!!
*Die.Linke-Wieder-Wähler*
utospatz (18.02.2009, 18:12 Uhr)
@utospatz
Ist die SPD eigentlich noch eine Volksartei? Mit einem Promille Stimmanteil? Jedoch muss ich zugestehn, christlich, angeblich sozial sind in der Christianisierung schon viele freidemokratische Wunder geschehn!
utospatz (18.02.2009, 17:58 Uhr)
Wenn ich dumm bin, und wähl
eine Kloake, hab ich eine christliche Macke! Jedoch hat sich herausgestellt, dass weder christlich noch sozial dank Politik hebt Volkes Moral!
Ein verarschtes Volk bleibt allemal, der Spielball aller Kackermänner der Welt, dank seiner gewählten Politiker die er gewählt!
knilch_59 (17.02.2009, 23:29 Uhr)
@AST61 – Warum
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Ganz einfach: weil der US-Präsident eben nicht vom Volk direkt gewählt wird, sondern indirekt von Wahlmännern. Weil auch in den USA in den Bundesstaaten unterschiedliches Wahlrecht für die Wahlmänner herrscht. Weil das dortige Wahlsystem ermöglicht, dass derjenige Präsident wird, der nicht die meisten Wählerstimmen auf sich vereinigt. Eher zufällig ging bei Obamas Wahl alles nicht nur demokratisch – juristsich, sondern auch mathematisch korrekt zu.
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Also – erst etwas selbst bilden, dann posten!
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Und die Amis würden uns was husten, wenn wir uns anmaßen wollten, deren Präsidenten zu wählen, auch wenn es besser für die wäre!
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@stern-admins: wenn Ihr den völligen Schwachsinn vom AST61 löscht, nehmt bitte meinen Beitrag mit raus. Seiner ist mindestens off-topic, meiner auch noch beleidigend – und das mit Absicht!
AST61 (17.02.2009, 21:31 Uhr)
warum....
wurde Obama gewählt? Weil das Volk dort den Präsidenten direkt wählt.
Das würde bei uns auch mal helfen.
knilch_59 (17.02.2009, 15:18 Uhr)
... so sind wir halt ...
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Aus dem Volk der Dichter und Denker ist eine Gemeinschaft von Tricksern und Täuschern geworden. Nichts geht mehr um der Sache willen.
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Fakt: Das derzeitige System der Zuteilung der Mandate entspricht nicht den Grundsätzen der Verfassung, weil die Ausnahme der Überhangmandate die Regel geworden ist. Sollte da jemand Schuldzuweisung betreiben wollen: Die Wähler sind schuld, weil die einfach falsch wählen, ohne vorher die Mathematiker zu fragen.
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Jetzt steht wieder mal die Wahl an, und am Begehren, das noch vorher richtig zu stellen, ist nichts Untadeliges – egal, aus welcher Richtung es kommt. Blöd wäre jetzt den gemeinsamen Nenner zu wählen und einfach die Größe des Parlaments variabel zu stellen und damit die Überhangmandate zu legitimieren. Sind wir mal ehrlich: knapp 600 Abgeordnete sind sowieso zu viel, 400 würden auch dicke reichen. Zumal es heute ja anscheinend problemlos möglich ist, gleichzeitig Abgeordneter (Mitglied der legislativen Gewalt) und Minister (also Exekutivbeamter) zu sein. Oder als hauptberuflicher Abgeordneter, trotz aller wichtigen Arbeiten im Wahlkreis und in den Ausschüssen noch gut bezahlte Vorträge zu halten, die eigene Anwaltskanzlei weiter zu betreiben oder sich in Aufsichts- und Beiräten von Firmen zu tummeln, die sich sonst jede staatliche Einmischung (außer Subventionen und Rettungsschirmen) energisch verbitten. Diese potenzielle Interessenkollision könnte man gleich mit abschaffen.
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Und auf der Basis eines 400er Parlaments könnte man dann auch noch mit den Überhangmandaten leben. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Frage, was wichtiger ist: die direkte Wahlkreisvertretung (=Erststimme) oder das korrekte Verhältnis der Stimmenanteile der Parteien zueinander (=Zweitstimme). Die Väter der Verfassung haben der Zweitstimme den Vorrang gegeben. Wenn eine Partei 1/3 der Zweitstimmen hat, stehen ihr eben auch 1/3 der Sitze zu – egal, wie viele Direktmandate sie, oder die anderen Parteien geholt haben.
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Wetten, dass das nicht passiert? So sind wir halt!
Angste (17.02.2009, 14:01 Uhr)
umgekehrt wird ein Schuh draus
Die CDU will auf dem verfassungswidrigen Wahlrecht bestehen, weil sie sich Vorteile erhofft.
Denn geändert werden muß es schon lange.
saulus (17.02.2009, 13:12 Uhr)
Wahlergebnis: CDU 36% + FDP 14%
Mal davon abgesehen das die FDP im Superwahljahr 2009 mindestens 19% erhalten wird, geht das in Ordnung. Bei einer gefühlten Wahlbeteiligung von etwa 40% wird hier endlich wieder Volkes Wille durchgesetzt. Nur CDU und FDP sind garanten für unsere Bürgerrechte!
Diese Finte mit den Überhangmandaten ist doch nur ein verzweifelter Rettungsversuch dieser linken Splitterpartei namens SPD, um sich an die Macht zu klammern.
Deutschland wählt FDP.
mao17 (17.02.2009, 13:05 Uhr)
Keine Ahnung von Mathematik
Endlich zeigt sich mal, dass die Politik keine Ahnung Mathematik hat.
An für sich müsste jedem, der sich mit dem Wahlsystem beschäfftigt hat und ein wenig Ahnung von Mathematik hat, klar sein, dass dieses Wahlsystem in jetzigen Form sehr paradox ist. Viele Dinge sind möglich: weniger Stimmen bringen mehr Mandate; weniger Mandate trotz mehr Zweitstimmen etc (siehe wahlrechte.de/systemfehler/index.html).
Aufgefallen ist dies, weil kein "offensichtlicher" Schaden entstanden ist und der Wähler "gutmütig" gewählt hat.
Ein wahlrecht sollte aber bestehen können, auch wenn die Parteienlandschaft ändert, der Wähler Erst- und Zweitstimmen stark splittet oder einfach die Volkparteien Zweitstimmen immer mehr verlieren. Deshlab muss das Wahlsystem handwerklich korrekt sein.
Kaum eine geschaftiche Gruppe darf sich solche handwerklichn Fehler in ihrem Arbeitsbereich erlauben, nur die Poitik lebt mit solchen Fehler im System.
DasBertl (17.02.2009, 12:42 Uhr)
An Alle
die jetzt meinen die SPD will sich das Wahlrecht zurecht biegen: Ihr habt wohl den Text nicht richtig gelesen?! Die Überhangmandatsregelung, und damit unser Wahlrecht, ist Verfassungswidrig, sprich, widerspricht den höchsten deutschen Gesetzen. Eine Wahl unter diesen Umständen, wo feststeht, das sie also Verfassungswidrig ist, wäre eigentlich Wahlbetrug...
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