Die Grünen sind in der Wählergunst auf Höhenflug und mit CDU und SPD auf Augenhöhe. Doch hält der auch an? Oder werden sich die Wähler rasch wieder abwenden, sobald die Partei in der Regierungsverantwortung ist? Eine Analyse vor dem Parteitag von Gastautor Fritz Goergen

Grund zum Anstoßen haben die Grünen derzeit - aber wird sich das auch bei den nächsten Wahlen niederschlagen?© Friso Gentsch/DPA
Winfried Kretschmann als Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Renate Künast als Regierende Bürgermeisterin von Berlin? Das sind längst keine illusionären Spekulationen mehr. Und es geht noch weiter: Käme es zu vorzeitigen Neuwahlen in Nordrhein-Westfalen, zögen in den dortigen Landtag nur drei Parteien ein, CDU, SPD und Grüne. Der demoskopische Befund von Ende Oktober: SPD 35 Prozent, Grüne 19 und CDU 31. Eine solche Rückkehr zum Dreiparteiensystem halte ich im Westen innerhalb der nächsten zehn Jahre, im Osten binnen zwanzig Jahren für recht wahrscheinlich.
Den vorläufigen Gipfel in den Meinungsumfragen haben die Grünen in Baden-Württemberg Anfang Oktober mit 32 Prozent erreicht (SPD 19, CDU 34). In Hamburg könnten sie nach einem neuen Urnengang mit CDU oder SPD koalieren. In Hessen reichte es komfortabel für Rot-Grün. Auf Bundesebene könnten SPD und Grüne zurzeit demoskopisch mit 26 und 23 Prozent allein regieren. Und in Berlin zeichnet sich ab, dass Renate Künast am Ende möglicherweise die freie Wahl zwischen Rot und Schwarz als Juniorpartner hat.
Die Spitzenleute der Grünen wissen natürlich, dass Umfragen keine Wahlergebnisse sind. Aber sie haben sich ein besonderes Umfrageergebnis vom Januar 2010 gemerkt. Dort wurde nicht gefragt, welche Partei man persönlich wählen will, sondern welche man grundsätzlich für wählbar hält: Linke und FDP je 30 Prozent, Union und SPD je 53 Prozent, Grüne 48. Ein Volksparteienergebnis. Gewiss, Umfragen sind nur Momentaufnahmen. Aber wiederholen sich solche über längere Zeit, mutieren sie im öffentlichen Bild zur vorweggenommenen Realität - sie werden zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Der Höhenflug der Grünen spiegelt zu einem guten Teil weniger die eigene Performance, sondern die tiefen Veränderungen im Wahlverhalten der Deutschen - vor allem in den vergangenen zehn Jahren. Aber das ist Expertenwissen und entspricht nicht der öffentlichen Wahrnehmung. Die Umfragezahlen der vergangenen Monate verdanken die Grünen unterschiedlichen Ursachen. Doch ohne das stabile kulturelle und soziale Milieu, das sie als ihr Netz - vor allem in Groß- und Hochschulstädten - gesponnen haben, wäre das nicht möglich.
Natürlich profitiert die grüne Partei von ihrer Oppositionsrolle. Als Opposition muss sie niemandem weh tun. Dass es bei ihr schon seit einiger Zeit keine Hahnen- und Hennenkämpfe gibt, tut ihrem Image nicht nur bei den Wechselwählern gut, sondern weit hinein in die frustrierte Wählerschaft der CDU. Der neue Streit über die Atomenergie bestätigt die Grünen in ihrem Markenkern. Bei Stuttgart 21 ergänzen sich ökologische und basisdemokratische Strömungen, die sich längst ins Bürgertum erstrecken. So sehr, dass das Leiborgan der Bürgerlichen, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die Grünen rechtzeitig vor dem Parteitag in Freiburg am Wochenende mit dem sprechenden Bild adelt: von Hausbesetzern zu Hausbesitzern.
Die Linke ruht vorerst stabil in ihrem sozialen und kulturellen Milieu im Osten. Ob und wann es zu ihrer Fusion mit der SPD kommt, ist schwer abzuschätzen. Vieles spricht dafür, dass der Linkspartei die Wähler - nicht nur im Osten - in einem schleichenden Prozess abhandenkommen und die Frage Zusammenschluss sich von selbst erledigt. Für wie viel Wählerrückwanderung der leichte Linksruck der SPD im Westen schon kurzfristig reicht, werden die nächsten Landtagswahlen zeigen.
Fritz Goergen ... beschäftigt sich seit über 40 Jahren intensiv mit Parteien. Besonders in Sachen FDP kennt er sich gut aus: Er arbeitete unter anderem für Walter Scheel , war Hans-Dietrich Genschers Bundesgeschäftsführer und führte mehr als 13 Jahre lang die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Goergen gilt als Erfinder der "Strategie 18", er beriet Jürgen Möllemann im Landtagswahlkampf NRW 2000. 2002 trat er aus der FDP aus und arbeitet heute als freier Berater für Strategische Kommunikation, Publizist und Kritiker.