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25. April 2008, 09:19 Uhr

Panik in der SPD-Fraktion

Die Rechnung ist simpel: Bleibt die SPD bei ihren aktuellen Umfragewerte kleben, fliegt bei der Bundestagswahl 2009 ein Drittel der Abgeordneten raus. In der Fraktion machen sich Existenzängste breit, auch Wut auf Parteichef Beck. stern.de hat einen potentiellen Nicht-mehr-Parlamentarier getroffen: Jörn Thießen.

Last man standing? SPD-Fraktionschef Peter Struck© Johannes Eisele/DPA

"Die Stimmung in der Fraktion ist durchaus verbesserbar", sagt Jörn Thießen, SPD. Das ist natürlich maßlos untertrieben. Die Sozialdemokraten liegen nach der jüngsten Forsa-Umfrage bei 24 Prozent. Sollte sich dieser Wert nicht verbessern, muss ein Drittel der SPD-Abgeordneten nach der Bundestagswahl 2009 die Koffer packen. Einer von ihnen wäre vermutlich Jörn Thießen. Der Verteidigungspolitiker aus Itzehoe steht auf der Liste zu weit hinten, um sicher ein Mandat zu ergattern.

Der stern hat sich für die Reportage "Eene meene Beck und ihr seid weg", gedruckt in der aktuellen Ausgabe, in der Fraktion umgehört. Die Aussagen, meist nur unter der Bedingung abgegeben, den Namen des Informanten nicht zu nennen, spiegeln die blanke Panik. "Wie soll die Stimmung schon sein?", sagt ein Abgeordneter. "Scheiße". Ein anderer: "Egal wer unser Kanzlerkandidat wird - der nächste Kanzler heißt Angela Merkel, das steht jetzt schon fest."

"Ich bring mich um"

Die Sorge über die eigene Existenz entlädt sich in Wut über den Parteivorsitzenden Kurt Beck, den die meisten SPD-Abgeordneten für die miserablen Umfragewerte verantwortlich machen. "Ob er Kanzlerkandidat werden soll - ja oder nein- , dazu sage ich meine persönliche Meinung nicht", so Jörn Thießen vor den stern.de-Kameras. Im Schutz der Anonymität urteilen seine Fraktionskollegen viel strenger. Einer kündigte dem stern an, dass in der Fraktion offener Widerstand ausbrechen würde, sollte Beck als Kanzlerkandidat antreten wollen. Allein die Kombination Beck/Parteivorsitz und Frank Walter Steinmeier/Kanzlerkandidat gilt als erfolgsträchtig genug, um die SPD wenigstens über die 30-Prozent-Marke zu hieven.

Jörn Thießen, ausgebildeter Schauspieler, studierter Theologe und Professor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr hätte noch Glück im Unglück - er ist als Professor verbeamtet. "Ich will auch dringend drinnen bleiben", sagt Thießen über sein Bundestagsmandat. "Ich muss aber nicht, weil ich mein Geld auch auf andere Weise verdienen könnte." Ein Teil seiner Kollegen, die seit mehreren Legislaturperioden im Bundestag sitzen und den Kontakt zur Berufswelt verloren haben, hätten ad hoc keine Perspektive. Die Aussicht, Geld, Status und Macht zu verlieren und irgendwo unterkommen zu müssen, macht sie irre. "Ich kenne Genossen, die sagen allen Ernstes: Wenn ich meinen Wahlkreis verliere, bring ich mich um", sagte ein Abgeordneter dem stern.

Der Eros des Mandats

Weshalb Politiker - die in Demokratien naturgemäß immer nur auf Zeit gewählt sind - so verzweifelt an ihren Sitzen kleben, ist Außenstehenden oft ein Rätsel. Sind es die üppigen Diäten? Die schwarzen Limousinen? Das Gefühl der Bedeutung? Das narzisstische Spiel mit den Medien? "Ich sitze nicht in der vordersten Bank im Deutschen Bundestag", sagt Thießen. "Aber auf meinem Gebiet - Außen- und Sicherheitspolitik - habe ich ernsthaft was mitzureden. Und das ist unendlich viel besser, als darüber zu schreiben, zu meckern oder sich irgendwie als Wissenschaftler damit zu beschäftigen." Dieses Gefühl, gestalten zu können, und sei es in der vertrackten Lage einer großen Koalition - das sei der "Eros" des Mandats.

Das Gerangel um die Listenplätze und Direktmandate für 2009 hat bereits begonnen. Die Devise heißt: Rette sich wer kann. Thießen deutet an, dass dies dem "Mannschaftsspiel" der Fraktion nicht unbedingt zuträglich sei.

Der SPD stehen noch quälende Monate bevor.

"Eene meene Beck

"Eene meene Beck ... und ihr seid weg", die große Reportage über den Zustand der SPD-Fraktion, lesen Sie im aktuellen stern

lk/ros/koe
 
 
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