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31. Januar 2008, 10:30 Uhr

Gib dem Affen keinen Zucker

Der Einzug der Linken in Hessen und Niedersachsen wird die Parteienlandschaft auf Dauer verändern. "Unsichere Gewässer" nennt das der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter. Im stern.de-Interview erklärt er, wie die SPD am Besten mit dem Konkurrenten umgehen sollte und wann Roland Koch abtritt.

Wahlplakate von FDP, SPD und CDU vor der Hessenwahl. Mit den Grünen hatte die gewohnte Drei-Parteien-Landschaft in den 80ern eine weitere Farbe bekommen. Nun sitzt auch noch die Linkspartei mit am Koalitionspokertisch.© Thomas Lohnes/DDP

Herr Oberreuter, in Hessen scheint eine Regierungsbildung blockiert. Steckt unser politisches System in der Krise?

Zumindest steuern wir neue und unsichere Gewässer an, und das liegt letztendlich an der Wiedervereinigung, die uns seit je eine Differenzierung des Parteiensystems gebracht hat. Zunächst gab es ein westliches und ein östliches. Jetzt verankert sich mit den Landtagswahlen der Osten auch im Westen.

Heißt das, dass die Wiedervereinigung richtig vollzogen ist, wenn die Linkspartei in einer westdeutschen Landesregierung sitzt?

Jedenfalls macht der Westen jetzt die Erfahrung, sich mit östlichen Weltsichten vertraut machen zu müssen – bisher lief es immer anders herum. Zum Beispiel trifft die SPD mit ihrer Kampagne für mehr soziale Gerechtigkeit und stärkere Eingriffe in das Wirtschaftsleben die ostdeutsche Mentalität. Dieses Lebensgefühl konnte nun im Westen andocken, der aber auch nicht ganz frei davon gewesen ist.

Die Linkspartei ist doch ein scharfer Rivale für die Sozialdemokraten. Wie soll sich die SPD dagegen wehren?

Durch den neuen reformkritischen Kurs gibt SPD-Chef Kurt Beck dem Affen eher Zucker. Er macht die Linkspartei stärker. Die SPD sollte stattdessen die Irrationalität entlarven, die der Populismus der Linkspartei enthält: nämlich soziale Forderungen, die nicht bezahlbar sind, und ein antiquiertes Bild von der Wirtschaft jenseits von Moderne und Globalisierung. Doch das scheut die SPD noch, weil sie in sozialen Emotionen einen Platzvorteil gegenüber der Union sieht.

Was bedeutet das für das politische System?

Wir werden uns in Deutschland mittelfristig auf bisher außergewöhnliche Koalitionen einrichten. Zum einen werden rot-rote Koalitionen oder Regierungen mit Tolerierung der Linkspartei überall möglich sein, denn die Linkspartei wird erfahren, was den Grünen in den Achtziger Jahren beschieden gewesen ist: eine stetig zunehmende Akzeptanz durch die anderen Parteien. Zum anderen werden auch die Grünen selbst sich für FDP und Union öffnen.

Können Sie sich einen grünen Landesminister Tarek Al-Wazir unter CDU-Ministerpräsident Roland Koch vorstellen?

Auf keinen Fall. In Hessen spielen zu viele persönliche Animositäten eine Rolle. Das sind Persönlichkeitsprofile, die völlig unvereinbar sind. Ganz abgesehen von den inhaltlichen Unterschieden.

Und wenn Roland Koch aufgibt?

Das wird gerade diskutiert, und deswegen ist diese Idee auch schon tot. Nur wenn Koch von selbst die Initiative ergreift und zugibt, dass er viel Kooperationspotenzial verspielt hat, würde sich Hessens CDU ernsthaft Alternativen zu Koch überlegen. Doch so weit ist die Situation noch längst nicht gediehen. Es wird wohl eine quälende Regierungsbildung in Wiesbaden geben. Denn die inhaltlichen Differenzen zwischen der konservativen Hessen-CDU und der linken Hessen-SPD wiegen eigentlich schwerer als die Stilfragen zwischen Koch, Andrea Ypsilanti von der SPD und Al-Wazir von den Grünen. Ginge es nur nach Inhalten, wäre das Schmieden einer Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen schwer genug, aber leichter als ein schwarz-rotes Bündnis.

Die FDP könnte doch genauso in eine Ampelkoalition mit Grünen und SPD eintreten.

Abgesehen von den inhaltlichen Unverträglichkeiten in der Sozial- und Wirtschaftspolitik haben die Liberalen immer noch mit ihrem Trauma als Partei der Umfaller zu kämpfen – als ihr Parteichef Erich Mende 1961 trotz anderer Wahlaussagen doch wieder in eine Koalition mit Adenauer eintrat, und als die FDP 1982 das Bündnis mit der SPD brach. Jetzt hat sie sich im hessischen Wahlkampf festgelegt, nicht mit der SPD zu wollen.

Können wir uns all diese vielen Stilfragen in der Politik leisten?

Die Parteien müssen wieder mehr sachbezogene Offenheit füreinander lernen. Das war früher besser. Helmut Schmidt und Franz-Josef Strauß zum Beispiel hätten nie gemeinsam einen innigen Urlaub in Südfrankreich verbracht. Aber sie waren immer in der Lage, in schwierigen Situationen und Grundsatzfragen Lösungen zu finden. Dazu erscheinen die heutigen Politiker weitaus weniger in der Lage. Je persönlicher die Politik ist, desto provinzieller wird sie.

Liegt die derzeitige Blockade nicht viel mehr an der so genannten Parteiräson? Viele Abgeordnete handeln weniger nach ihrem Gewissen und Sachfragen entsprechend, sondern entlang der strategisch vorgegebenen Parteilinie.

Einspruch. Politiker wird man nicht, um gegen die eigene Partei zu agieren. Ein Mandatsträger ist praktisch die Partei.

Das klingt jetzt aber auch ein bisschen nach DDR.

Nein. Hier herrscht innerparteiliche Demokratie, nicht Zentralismus. Abgeordnete bilden den Willen der Partei mit. Parteibindung ist nicht das Problem, und auch die Parteiräson ist es nicht – die gab es schon immer. Schlimm ist geworden, dass die Parteien die Suche nach Lösungen für große Gesellschaftsprobleme strategischen Machtspielen unterordnen, wie man es bei der Gesundheitsreform zum Beispiel beobachten konnte.

Wie kommt man aus diesem Schlamassel wieder heraus?

Die Politiker nur durch eine Bewusstseinsänderung. Je mehr die Leute extreme Parteien wählen, ob links oder rechts, desto realistischer ist, dass unsere Mandatsträger in sich gehen und selbstkritisch werden. Zynismus und Distanz der Wähler sind ohnehin schon übergroß.

Ein Weg wäre vielleicht, sich auf Minderheitsregierungen einzulassen. Die müssen auch in wichtigen Sachfragen um eine Mehrheit in den Parlamenten kämpfen und Abgeordnete überzeugen.

So kann man nicht verlässlich regieren. Sobald es um Wichtiges geht, wie zum Beispiel die Verabschiedung eines Haushalts oder größere Reformen, funktioniert das nicht.

In den skandinavischen Ländern zum Beispiel schon.

Die Gründungsgeschichte unserer Republik ist einfach eine andere. Es ging uns um die Bewältigung der Nazi-Vergangenheit und für die Zukunft um Stabilität. Bislang wollten die Deutschen immer Legislaturperioden, die nicht frühzeitig enden, sie wollten stabile Mehrheitsbildungen. Wir haben da eine kulturelle Bremse und positive Erfahrungen.

Noch stabiler würden die Mehrheitsverhältnisse, wenn man das Wahlrecht ändert und große Parteien bei der Auszählung gegenüber den kleineren begünstigt. Ein gangbarer Weg?

Die Deutschen betrachten das Wahlrecht nicht so sportiv wie die Briten. Würden die großen Parteien in Deutschland die kleinen Parteien durch ein Mehrheitswahlrecht eliminieren wollen, käme es zu einem politischen Aufstand.

Interview: Jan Rübel
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
juergenkalaehne (31.01.2008, 23:09 Uhr)
CDU-Minister unterstützt Wahlkampf eines Offiziers der DDR Grenztruppen...
...in Stendal in Sachsen-Anhalt unterstützte Wolfgang Schäuble (CDU), derzeit Bundesinnenminister, kürzlich einen ehemaligen Oberstleutnant der DDR-Grenztruppen im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt der Stadt. So wie es die örtliche CDU es seit Jahren schon tut.. Hätte Schäuble das auch getan, wenn der
Mann Kandidat der LINKE wäre ? Ich glaube, die CDU verwendet zwei Meßlatten ...Jürgen Kalähne, BGM a. D.
Filapensill (31.01.2008, 18:29 Uhr)
Knapp bei Kasse
jaja, immer, wenn es um Soziales geht, ist es halt "unrealistisch" und "unfinanzierbar".
Herr Oberreuther und seine Sympathie zur CSU/CDU haben sich für ihn und seine Karriere sicherlich gelohnt.
Tomrobert (31.01.2008, 18:00 Uhr)
"Forderungen die nicht bezahlbar sind"
Der Autor sollte zur Kenntnis nehmen:"
Der eine Teil der Bevölkerung ist reich, weil der andere größere Teil arm ist!"
IndianerJoe (31.01.2008, 17:51 Uhr)
Peinlich
Wie einige schon errieten - Oberreuter ist zwar auch Politikwissenschaftler, aber eben auch CSUler fortgeschrittenen Alters. Seine rückwärtsgewandten Kommentare werden in Bayern immer gern gelesen - das der Stern der Allgemeinheit so etwas zumutet, empfinde ich als unpassend bis peinlich...
aeternitas (31.01.2008, 17:39 Uhr)
Unabhängig ist er jedenfalls nicht
Sondern CSU Anhänger.
Lieber Stern, können Sie nicht einmal die Dingen nennen, wie sie wirklich sind? Sie stellen uns den Mann als neutral vor. Das ist er aber nicht. Selbst ohne viel Phantasie und ohne nachschauen bei Google könnte man das erraten, dass er eine Ablehnung gegen die linksgerichtete Politik hat.
"nicht finanzierbar" wenn ich das schon lese. Wenn man die Unternehmenssteuern auf osteuropäisches Niveau senkt ist natürlich kein Geld mehr da, ebensowenig dann nicht, wenn man es sich nicht bei denen holt, die es haben. Deutschland hat mit die höchste Millionärsdichte in einem Flächenland weltweit. Und einen relativ niedrigen Spitzensteuersatz.... und schon gleich gar nicht, wenn Millionen von Menschen von aufgestockten Löhnen auf Staatskosten leben müssen und die wenig Steuern zahlen... woher soll das Geld denn auch kommen? DAS sagt uns der Prof. jedoch nicht... Daher: Schluß mit dem ganzen Privatisierungsunfug wie privatisierte Rente (= Geld den Versicherungen in die Taschen stecken), Unternehmenssteuer rauf, Spitzensteuersatz rauf, Anständige Mindestlöhne wie in Frankreich oder England, den Konsum ein wenig ankurbeln und selbst dieser Experte wird sich wundern, wie viel Geld auf einmal zu holen ist....
juhela (31.01.2008, 17:37 Uhr)
Wer ist das?
Von wem wird Herr Oberreuter bezahlt. Von einem Politikwissenschaftler erwarte ich mehr Durchblick. Er scheint aber der CDU/FDP Gruppe nahezustehen. Das Programm der Grünen hat auch keine Gemeinsamkeiten mit CDU/FDP. Parteiprogramme stellen normalerweise Lösungen dar, die in der innerparteilichen Diskussion als richtig und umsetzbar erkannt wurden und sie werden nicht aufgestellt, um sich möglichst gut von anderen Parteien zu unterscheiden. Sachverstand kann ich aus diesemArtikel nicht herauslesen.
Die_vierte_Gewalt (31.01.2008, 16:46 Uhr)
Ist der Herr Oberreuter wirklich Politikwissenschaftler??
Ich kann es fast nicht glauben. Für einen Wissenschaftler hat er eine ziemlich tendenziöse Sicht der Dinge. Ich würde eher sagen, er gehört zum neoliberalen Lager und steht zumindest als Berater auf der Gehaltsliste - na Sie wissen schon. Ob RWE, E-On oder Gasprom -alles eine Bande.
Es fällt schon auf, wie er seine Attribute setzt:
- populistisch,
- antiquiert,
- global,
- modern,
- irrational.
Das sind alles Attribute, die nur vermeintlich positiv oder negativ besetzt sind - und zwar aus der Sicht des Neoliberalismus.
Aus menschlicher Sicht kann antiquiert auch positiv sein, wenn es gerecht ist; populistisch kann positiv sein, wenn es schlichtweg wahr ist.
Ebenso kann global negativ besetzt sein, wenn es Ausbeutung der zweiten und dritten Welt bedeutet.
Modern ist nicht unbedingt eine tolle Sache, wenn es viele Arme noch ärmer und wenige Reiche noch reicher macht.
Es macht bald keinen Unterschied mehr, ob man stern oder focus liest.
H.P. (31.01.2008, 16:20 Uhr)
Bewusstseinsänderung
In modernen Gesellschaften droht alles zum Produkt zu werden, Produkte aber werden in Quantitäten gemessen. Davon sind Kultur und Wissenschaft, ja überhaupt alle menschlichen Beziehungen betroffen. Wo alles zum Markt wird, ist der Mensch auf messbare Funktionen reduziert, besonders auf seine Rolle als Verbraucher. Daraus folgt eine Verdinglichung des Menschen und all seiner Beziehungen. Wenn alles Material wird, wird auch der Mensch Material – »Menschenmaterial« ist nicht erst eine zynische Begriffsbildung im tatsächlichen Krieg, sondern in unserer ganzen Wirtschafts- und Wertestruktur!
Was ist dagegen zu tun? Selbstorganisation von kulturellen Subsystemen auf Non-Profit-Basis könnte sich als durchaus sinnvoll erweisen, insofern dadurch das demokratische Kräftespiel unterstützt würde, das Kapital und Medien zur Farce werden zu lassen drohen. Der Staat könnte durch engagierte Zivilcourage, durch Bürgerengagement und Einmischung motiviert werden, seine Aufgabe wahrzunehmen, die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Wirtschaften zu setzen und durchzusetzen. Erfindung und Ausübung eines solchen Bürgerengagements gehören in die Lehrpläne der Schulen! Inhalt der notwendigen Weiterentwicklung wären die Optimierung der politischen Wirkung ebenso wie die Qualität des Umgangs miteinander und die genaue Prüfung der Ziele im Sinne nachhaltigen Lebens und Wirtschaftens.
Es wird dabei darauf ankommen, zu durchschauen, wie Wirtschaft und Politik die Muster unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit prägen. Das ist die Voraussetzung dafür, diese Muster durch kreatives Handeln aufzubrechen. Solange wir dies nicht leisten, werden wir mit unendlicher Gier und in immer größerer Geschwindigkeit die endlichen Ressourcen der Erde verbrauchen. Abgesehen davon, dass einige wenige den größten Teil dieser Ressourcen für sich in Anspruch nehmen, dieses Monopol gewaltsam verteidigen und damit die Ungerechtigkeit bei der Verteilung weltweit dramatisch zunimmt, kann dieser Prozess im endlichen System Erde nicht unendlich lange andauern.
Die Möglichkeit zur Lösung des Widerspruchs liegt in der Eindämmung der Gier und in einem intelligenteren Wirtschaften, das systemisch und nachhaltig arbeitet. Letzteres ist möglich, wenn es politisch gewollt wird; Ersteres ist erreichbar durch Bewusstseinsschulung. Wo eines auf das andere aufbaut, kann den Herausforderungen der Zeit kreativ begegnet werden.
Daneel (31.01.2008, 16:01 Uhr)
Absolut richtig
"Die Deutschen betrachten das Wahlrecht nicht so sportiv wie die Briten. Würden die großen Parteien in Deutschland die kleinen Parteien durch ein Mehrheitswahlrecht eliminieren wollen, käme es zu einem politischen Aufstand.
"

Dies ist absolut richtig. Warum
nicht gleich ein Ein-Partei-System?
So hat man noch klarere Mehrheiten.
Sind die kleinen Parteien
benachteiligt, dann gibt es mehrere
Nachteile:
Meinungen, die eine auch große
Minderheit betreffen, finden
keine Berücksichtigung.
Selbst wenn diese Meinungen dann
Mehrheitsmeinungen werden,
können die kleinen Parteien nicht
zu großen Parteien werden.
Dies ist eine der Folgen davon,
dass die großen Parteien alles
kontrollieren.
Eine andere ist, dass sie einander
zu ähnlich werden. Um die Ränder
braucht man sich nicht zu kümmern,
weil es dort keine Alternative
gibt. Beide bewegen sich zur Mitte
hin, und unterscheiden sich dann
kaum.
Dies sieht man z.B. in den USA.
Trotz Wahlkampf will keine Partei
die Todesstrafe abschaffen, für
alle bezahlbares Studium einrichten,
ÖPNV ausbauen usw.
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