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Darum sollte man sich gerade jetzt nicht zurückziehen!

Nach den Silvester-Übergriffen kippt die Stimmung in Deutschland. Auch viele, die Flüchtlinge grundsätzlich willkommen heißen, werden unsicher. Doch nur, wenn wir den Kontakt suchen, können wir etwas verändern.

Ein Kommentar von Nina Poelchau

Ein freiwilliger Helfer des Roten Kreuzes spielt in einer Notunterkunft mit einem kleinen Mädchen aus Syrien

Keine Berührungsängste: Ein freiwilliger Helfer des Roten Kreuzes spielt in einer Notunterkunft mit einem kleinen Mädchen aus Syrien

Angst schützt. Aber manchmal passiert das Gegenteil. Wenn Angst zu Rückzug führt, überlässt man dem Unheil das Feld.

Köln, Hamburg. Es waren, das ist amtlich, überwiegend Asylsuchende,  die in der Silvesternacht für Horror sorgten. Unbehagen und Wut hat inzwischen auch viele erfasst, die vorher wohlwollend, mitunter sogar überschwänglich waren, berichten Helfer in Flüchtlingsunterkünften. Der Reflex sei: Lieber erst mal Abstand nehmen.   

Aber Abstand ist falsch. Abwarten auch. Hingehen ist gut. Jetzt erst recht.

Ich selbst sehe nach drei Flüchtlingsfamilien. Eine davon: Amir, 29, Zahra, 27, Sousa, 7, und Ben, 6. (Die Namen wurden zum Schutz der Familie von der Redaktion geändert.) Amir ist seit acht Monaten da, Zahra und die Kinder kamen vor drei Monaten nach. Sie leben im Norden von Hamburg. Es ist nicht immer einfach mit ihnen.

Der Anfang

Phase eins: Ich schleppe Sachen an. Jacken, Stiefel, Kochtöpfe, Stifte, Barbiepuppe, Barbiepferd, zum Teil gespendet von meinen Kollegen. Amir verschränkt die Arme vor der Brust, als ich ihm meine Hand hinstrecke. Er lächelt nicht, als ich die Pakete vor ihm abstelle. Er taut erst auf, als mein Freund vom Auto herbei schlendert, um zu sehen, ob ich bald mit meiner Aktion Menschlichkeit fertig bin. Da strahlt Amir. Man sieht ihm an, wie er erleichtert durchatmet. Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung.

Später wird er mir erklären: Er missachtet mich nicht. Mich zu berühren, würde aus seiner Sicht Missachtung bedeuten. Er staunt, als ich ihm berichte, dass es Frauen in Deutschland mehr irritiert, wenn ihnen jemand seine Hand verweigert, als wenn ein Mann sie bei der Begrüßung rechts und links und nochmal rechts auf die Wange küsst. Das hat er in acht Monaten noch nie gehört. Wir werden uns weiterhin nicht die Hand geben. Ich kann seine Idee von Respekt respektieren, auch wenn ich mich bei unseren Treffen immer etwas beklommen, ja, paradoxerweise irgendwie unfreundlich dabei fühlen werde, Zahra herzlich zu umarmen und Amir nur kurz zuzunicken.

Phase zwei: Wir lernen uns kennen. Die Voraussetzung dafür ist, die Tür zu seiner eigenen, deutschen Welt wirklich zu öffnen. Das kann anstrengend sein. Ich zeige Amir, Zahra und den beiden Kindern die Stadt. Zahra weint, als sie die Schiffe im Hafen sieht. Sie dachte, Hamburg sei ein einziges großes Industriegebiet, alles so wie das Gelände ihrer Unterkunft. Wir setzen uns ins Café Paris, ein weltoffenes Lokal. Amir wird lockerer. Er erzählt, er habe in Damaskus in einem Café gearbeitet. Er bestellt Schokoladentorte. Dass kein Mann dabei ist, stört ihn nicht mehr. Er fragt auch nicht, mit welcher Milch die Schokoladentorte hergestellt wurde, was mich im Nachhinein wundert.

Es wird anstrengend

Phase drei: Es wird richtig anstrengend. Wir laden die vier zu uns nach Hause ein. Das Huhn kaufen wir beim Türken. Die Milch auch. Beides müsse unbedingt halal sein, erklärte uns Amir, nur der Türke könne das garantieren. Die gleiche Milch wie beim Türken gibt es auch bei Rewe. Kuhmilch ist immer halal. Ich verschweige Amir das. Ich will nicht überheblich wirken.      

Während des Essens erklärt er uns, dass Hintergrundmusik ihn störe, weil ihn alles, was er an Musik höre, von Allah entferne. Wir machen die Musik aus. Zwei weitere Abende folgen. Wir sprechen über den Anschlag von Paris. Amir hat sein Profilbild bei Facebook mit den französischen Farben hinterlegt. Wir diskutieren über Religion. Amir hat eine Menge Zitate parat, die er sehr ernst nimmt.

Juden und Moslems müssten sich hassen. Darauf besteht er. Ich sage zu Amir, dass man sich nicht sklavisch an den Wortlaut aus der Bibel oder dem Koran halten müsse, das stamme doch aus einer ganz anderen Zeit. In der Bibel steht: "Ich will im Blut meiner Feinde waten“, nenne ich als Beispiel. Das würde ich trotz christlicher Gesinnung schließlich auch nicht praktizieren. Wir lachen. Mein Freund legt eine CD ein, als die beiden zusammen sitzen und Tee trinken. Solo-Stücke von Exil-Iranerinnen, die in ihrem Land nicht ohne männlichen Mitsänger singen dürfen. Amir findet die CD gut.

Suche nach Orientierung

In der Küche erzählt mir Zahra von ihren Sorgen. Sie hat so viele große und kleine Sorgen, das kann man sich kaum vorstellen. Der Sohn stottert, seit in Damaskus vor seinen Augen ein Haus kaputt gebombt wurde. Das Mädchen hat ein schmerzendes Bein, aber noch keine Krankenkarte. Und dann haben sie auch noch Eheprobleme. Die Religiosität ihres Mannes, die in der Fremde ausgeprägter ist als früher in Syrien, macht Zahra zu schaffen. Ebenso, dass er das ganze Geld verwaltet und sie manchmal gegen Monatsende zwar ein neues Computerspiel aber nichts mehr zu essen haben. In Syrien hat sie in einem Reisebüro gearbeitet, sie war durchaus selbständig, wenn auch der Meinung: Amir ist der Mann, Amir gibt den Ton an. Aber Amir  kommt ihr jetzt viel verbiesterter vor als damals.

Ich vermittele ihnen einen Imam, einen westlich orientierten, klugen und vor allem arabisch sprechenden Mann, der ein bisschen Eheberatung betreibt. Amir erzählt dem Imam, die Erwartungen seiner Frau, dass er schon alles richten werde, hier in der Fremde, würden ihn überfordern. Sie entgegnet, sie wolle doch mithelfen, wenn er sie nur ließe. Der Imam sagt: Amir hat seine Eltern verloren. Er hat seine Heimat verloren. Das sei der Punkt. Er sei kein Fundamentalist, er sei auf der Suche nach Orientierung.

Soziale Kontrolle als Rezept gegen die Angst

Die Gespräche über Deutschland, über Religion - vor allem aber das Gefühl, akzeptiert zu sein, scheinen auf Amir, auf die ganze Familie entspannend zu wirken. Er hört jetzt in seiner Unterkunft öfter mal wieder Musik, so wie früher in Syrien. Sie wenden sich an uns, wenn sie Hilfe brauchen. Einmal war da ein Mann, der in der Anlage herumschlich und Sousa, die Tochter, erschreckte.  Ich habe das an den Leiter der Unterkunft weitergegeben. Selbst hätte sich Zahra nicht an die aus ihrer Sicht stets gestresst wirkenden "Offiziellen" gewandt.   

Wir haben keine Millionen an Sozialarbeitern. Keine Abertausende Arabisch oder Farsi sprechenden Frauenbeauftragten, keine Polizei, die jeden Millimeter unseres Lebens videoüberwacht. Aber wir sind über 68 Millionen erwachsene Deutsche. Wenn nur jeder fünfte eine Gruppe mit Flüchtlingen mitgestalten oder eine Familie, eine Frau, einen Mann, ein Kind  begleiten würde, dann könnte so viel passieren. Auch dies (klingt nicht so schön wie "helfen", ist aber mindestens genauso wichtig): Wir gewinnen soziale Kontrolle - und Kontrolle ist ein gutes Rezept gegen Angst.

Sozialarbeiter und Polizisten, die sind dann für die wirklich schwierigen Fälle da.

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