Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Eine Müllhalde namens EZB

Vergesst Griechenland! Die Europäische Zentralbank hat so viele faule Papiere auf Lager, dass für sie dringend ein Endlager gesucht werden sollte.

Ein satirischer Bankenbericht von Django Asül

Europa ist wirklich eine tolle Erfolgsstory. Wenn man mal die Realität ausblendet. Wer sich auf Kleinigkeiten konzentrieren und das Große und Ganze außen vor lassen kann, findet durchaus etliche schöne Mosaiksteine. So ein netter Gesteinsbrocken flog der europäischen Familie diese Woche um die Ohren. Es gibt einen neuen Chef für die Europäische Zentralbank! Die Älteren werden sich erinnern: Vor langer Zeit war die EZB geschaffen worden, um einen seriösen Aufpasser für den Euro zu haben. Wie es sich für eine Zentralbank gehört, sollte sie dafür sorgen, dass die Inflation die Klappe hält und Wildwuchs für den Euro ein Fremdwort bleibt. Doch weil sich die Zeiten ändern, ändern sich auch Sinn und Zweck der Zentralbanken. Bei Inflation steigen im Normalfall die Zinsen. Wenn dieser Effekt ausbleibt, befindet man sich nicht im Normalfall, sondern in Europa.

Weil besondere Zeiten besondere Maßnahmen erfordern, ist der neue EZB-Chef konsequenterweise Italiener. Wird doch den Italienern nachgesagt, dass es nach Griechenland und Portugal auch sie erwischen würde mit einer Pseudo-Pleite. Ein gewisser Herr Draghi schafft also in Zukunft an bei der EZB. Das erhöht die Chancen der EZB, bald massenweise italienische Staatsanleihen aufzukaufen, enorm. Vorher muss Draghi aber Griechenland retten. Und dann ein paar andere Staaten. Und dann eventuell den Euro. Falls es dann noch außer Deutschland und Frankreich Länder geben sollte, die den Euro haben.

Es war beileibe kein glatter Durchmarsch für Herrn Draghi auf den EZB-Thron. Da ging es um Proporz und ähnliches Teufelszeug. Es wurde gepokert, gefeilscht, getrickst, bis Draghi in Amt und Würden war. Doch die Politik behielt einmal mehr die Nerven. Frau Merkel betonte sogar, dass die Unabhängigkeit der EZB gewährt sei. Statt Fahrigkeit demonstrierte die Kanzlerin also ihren berühmten Humor.

Die Dialektik des Rettungsschirms

Und weil die Stimmung vollends ins endlos Positive kippte, wurde sogar ein zweites Hilfspaket für Griechenland beschlossen. Kleine Prämisse: Ein ambitioniertes Sparpaket muss das griechische Parlament passieren. Was auch tatsächlich passierte. Nur gehen die EU-Diplomaten davon aus, dass der Grieche vor lauter Freude über den parlamentarischen Durchmarsch auf die Durchsetzung des Sparpakets pfeifen wird. Weil es ja dem griechischen Volk nichts bringen würde. Und weil sich das griechische Parlament nicht nachsagen lassen will, nicht immer an das Wohl des Volkes zu denken. So dialektisch schlüssig handelt die EU nicht. Brüssel sagt: Weil Griechenland nicht pleite ist, obwohl es pleite ist, kommt ein Rettungsschirm für Pleiteländer zum Tragen. Aber nur für den Fall, dass Griechenland nicht Pleite geht.

Das ist zwar absolut unlogisch, aber gerade deshalb auf dem politischen Parkett die favorisierte Konzeption. Bei näherem Betrachten fällt nämlich auf: Es geht gar nicht so sehr um Griechenland. Es geht nur noch um den Erhalt der EZB. Dank der Kreativität europäischer Staatenlenker hat die EZB eine erstaunliche Metamorphose hingelegt. Erstaunlich deshalb, weil die Politik eigentlich viele Banken gerüffelt hat, dass sie viel zu wenig Eigenkapital im Vergleich zu den Risikoposten hielten. So ein Gebaren führt bekanntlich zu einer Schieflage. Und darum klopfen staatliche Aufsichtsgremien den Banken schnell auf die Finger, wenn sie es mit dem Fremdkapital wieder mal übertreiben wollen.

Der Vorteil der EZB: Sie hat kein Aufsichtsgremium, sondern bekommt den Druck nur von weisen Politikern wie Merkel, Schäuble und anderen Herzenseuropäern. Das ist die sogenannte Unabhängigkeit. Mit der Folge, dass die EZB für das 23-Fache ihres Eigenkapitals Anleihen aufgekauft hat, die keiner mehr haben wollte. Gut, 1900 Milliarden in Schrottpapiere zu investieren, ist jetzt nicht so dramatisch. Allein der reine Papierwert soll schon mehrere hundert Euro betragen. Von einem Totalausfall kann also keine Rede sein.

Und Rechenschaft ist die EZB ja nur dem europäischen Steuerzahler schuldig. Also niemandem. Denn wer heute von Athen bis Madrid demonstriert, zahlt ja schon lange keine Steuern mehr. Und der Rest geht arbeiten und grummelt allenfalls bisschen herum. Auf gut deutsch: Der europäische Steuerzahler ist der Besitzer von Ramschpapieren im Wert von fast zwei Billionen Euro, obwohl er sie nie kaufen wollte. Die öffentliche Hand ist der mit Abstand größte Gläubiger der Pleitestaaten! Und das ist gut so. Das beweist einmal mehr, dass der europäische Integrationsprozess schon viel weiter ist als erwartet. Die spießige und altbackene Trennung von öffentlichen und privaten Finanzen gehört endlich der Geschichte an.

EZB: die größte Müllhalde der Welt

Wenn Merkel nun unbedingt die privaten Gläubiger mit ins Boot nehmen will, will sie jedem deutschen Steuerzahler die einzigartige Gelegenheit geben, sich aktiv zu beteiligen an diesem höchst emotionalen Projekt Europa. Der Bürger darf zwar nicht mitbestimmen, aber teilhaben. Deshalb ist Europa eine Schicksalsgemeinschaft. Wer Alleingänge wagt, wird scheitern. Aber gemeinsam ganz sicher. Das ist in etwa die aktuelle Botschaft aus Brüssel und aus den Hauptstädten. Dabei wird auch deutlich, dass es eben nicht nur um das Geld geht in Europa, sondern um ideelle Werte. Wem es um das Geld geht, türmt schließlich nicht solche Schuldenberge auf.

Was bedeutet das nun für Deutschland? Wenn Griechenland baden geht, geht die EZB tiefseetauchen. Und weil Deutschland gut ein Viertel des EZB-Eigenkapitals zu tragen hat, bräuchte die EZB zur Rekapitalisierung schlappe 100 Milliarden aus Deutschland. Nicht als Darlehen, nicht als Bürgschaft, nicht irgendwann und eventuell. Sondern sofort und bar auf die Kralle. Der Rettungsschirm für Griechenland ist somit nichts anderes als ein Brandbeschleuniger für das europäische Kartenhaus. Wer das als Versagen der Politik sieht, hat es immer noch nicht kapiert. Es geht um den europäischen Einigungsprozess. Solange jedes europäische Land vernünftig wirtschaftet und solide regiert wird, wird keiner die Notwendigkeit eines gemeinsamen Europa begreifen. Darum musste die EZB zur größten Müllhalde der Welt werden. Aber gemäß dem ästhetischen Empfinden von Merkel und Schäuble gehört so eine Müllhalde weder in die tägliche Diskussion noch auf öffentliche Plätze. Wer Vorschläge für ein diskretes EZB-Endlager hat, möge sich bitte melden.

Django Asül live am 8.Juli in Vaterstetten/Marktplatz Baldham und 10.Juli in Göttingen/Deutsches Theater

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools