. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
25. Februar 2010, 17:40 Uhr

Gnade für Käßmann!

Sie ist mit 1,54 Promille über eine rote Ampel gebrettert? Jo mei. Zu Franz-Josef Strauß' Zeiten wurden CSU-Funktionäre ab diesem Pegel überhaupt erst zurechnungsfähig. Ein satirisches Plädoyer von Django Asül

 
Django, Asül, CSU, Bayern, Margot, Käßmann, EKD, Promille, Fahrt, Auto

Was war das für ein Sekt? Ex-EKD-Chefin Margot Käßmann© Jochen Lübke/dpa

Irgendwas läuft schief in diesem Land. Da patzt der Nationaltorhüter Adler unsäglich im Ligaspiel gegen Bremen. Da lässt die Gold-Biathletin Neuner ihre Kameradinnen bei der Olympia-Staffel generös im Stich. Da redet sich Vize-Kanzler und Möchtegern-Meinungsführer Westerwelle um Hohlkopf und Kragen. Aber wer muss zurücktreten? Margot Käßmann!

Und warum? Wegen lumpiger 1,54 Promille! Das ist eine Schande für ein Land, das sich seiner weltbekannten Brauereien rühmt. Aber der Reihe nach. Was ist wirklich passiert? Nicht viel. Frau Käßmann, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, hat ein Glas Sekt getrunken.

Mehr nicht. Sagt sie selber. Und es gibt keinen Grund, der Frau nicht zu glauben. Sie hat schließlich bisher auch immer die Wahrheit gesagt.

Afghanistan und Tegernsee

So auch zum Thema Afghanistan. Nichts sei gut dort, meinte sie unlängst. Dafür bekam sie mächtig Rüffel aus der Politik und von der Bundeswehr. Und warum? Weil alle wussten: Es stimmt. Ob ihre Wortmeldung zu dieser heiklen Angelegenheit nötig war, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und so richtig Erhellendes war es auch nicht. Dass in Afghanistan andere Umstände herrschen als am Tegernsee, erschließt sich dem Durchschnittsbürger auch ohne CNN-Dauerberieselung. Sie hätte auch sagen können: Neuseeländer machen keine guten Weißwürste. Oder: Hertha BSC wird wohl diese Saison nicht deutscher Meister.

Wiesheu, ein Rückblick

So aber muss die Kirchenfunktionärin jetzt schon das verkraften, was Hertha BSC noch bevorsteht: den Abstieg. Direkt nötig war dieser Schritt nicht. Denn sie hatte das Vertrauen des gesamten Rates der Evangelischen Kirche. Wofür also das Bauernopfer? Wieso kann man nicht einfach - und in diesem Fall passt die Floskel wirklich - die Kirche im Dorf lassen? Oder anders gefragt: Hätte man sie wo anders auch über die Klinge springen lassen? Oder ein noch schlimmerer Verdacht: Liegt es gar am Geschlecht? Schließlich ist die Frau erwiesenermaßen eine Frau. Was sie durch das Hervorbringen von vier Töchtern auch noch eindrucksvoll unterstrichen hat.

Ein zugegebenermaßen hinkender beziehungsweise taumelnder Vergleich mag vielleicht nicht gleich Licht, aber zumindest Halbdunkel ins Dunkel bringen. Im schönen Bayernland fuhr ein gewisser Otto Wiesheu, Generalsekretär der CSU, im Jahre 1983 Auto. Gut, das ist jetzt nichts Spektakuläres. Nur hatte er dabei 1,75 Promille. Das mag aus protestantischer Sicht ungeheuerlich klingen. Aber aus bajuwarischer Sicht war das auch nichts sonderlich Spektakuläres. Für einen tüchtigen CSU-Funktionär der Strauß-Ära begann die Zurechnungsfähigkeit ja erst bei 1,5 Promille. Auch hier zeigen sich generelle Wahrnehmungsunterschiede zwischen dem Traditionalismus des Südens und dem Puritanismus des Nordens. Ein sicherlich nicht erwünschter Nebeneffekt der formidablen Promillefahrt war jedoch ein Verkehrsunfall mit einem Toten und einem Schwerverletzten. Die Spätfolgen für Wiesheu waren eklatant. Genau zehn Jahre später machte ihn Edmund Stoiber zum Verkehrsminister. Noch später bekam er das Verdienstkreuz 1.Klasse und auch noch einen Vorstandsjob bei der Deutschen Bahn.

Eine Frage der Toxikologie

Das sollte doch Anlass zu Hoffnung geben für Frau Käßmann. Sofern sie ein paar Jahre Geduld aufbringt. Geduld scheint noch nicht ihre Stärke zu sein. Sie überfuhr immerhin eine rote Ampel. Nur deshalb wurde sie von der Polizei gestoppt. Und jetzt wird es philosophisch: Wie rot ist eigentlich eine rote Ampel, wenn weit und breit kein anderes Auto fährt? Das Polizeiauto zählt logischerweise nicht. Denn das war ja nur dort, um zu schauen, ob wer bei Rot über die Ampel fährt, wenn keine Autos kommen. Ist das nicht ein Sinnbild für die überbordende Bürokratie in diesem Land?

Und was noch dringend geklärt werden muss: Hat Frau Käßmann privat oder dienstlich getrunken? Und überhaupt: Was ist das für ein Sekt, der einen Menschen mit Abitur nach nur einem Glas auf 1,54 Promille beamt? Ist da nicht eher die Toxikologie gefragt statt die Verkehrspolizei?

Zumal auch der moralische Aspekt für die Bischöfin spricht. Wer ganz nüchtern eine rote Ampel überfährt, ist erwiesenermaßen ein Schurke. Wer aber so hackedicht unterwegs ist wie Frau Käßmann, hat sich nicht böswillig, sondern lediglich suboptimal verhalten.

Schiedsrichter schadlos

Zu guter Letzt sei daran erinnert: Frau Käßmann hat trotz beträchtlichem Alkoholpegel keinen einzigen Schiedsrichter betatscht. Ihr können keinerlei Amerellisierungstendenzen nachgesagt werden. Allein das sollte reichen, um Gnade vor Unrecht walten zu lassen.

Django Asül, 37

Django Asül, 37 ... ist einer der brillantesten deutschen Kabarettisten. Asül, der die türkische Staatsbürgerschaft hat, wuchs in der niederbayerischen Gemeinde Hengersberg auf, besuchte das Gymnasium in Deggendorf, absolvierte gemeinsam mit dem derzeitigen bayerischen SPD-Vorsitzenden Florian Pronold eine Banklehre - und begann danach mit dem Kabarett. Sein aktuelles Tourprogramm heißt "Fragil".

2004 adelte ihn der damalige Staatsminister Erwin Huber, CSU, zum "Botschafter von Niederbayern".

Ein satirisches Plädoyer von Django Asül
 
 
Und jetzt... Django Asül

Wer beim Lesen der Zeitung nur noch den Kopf schütteln kann, ist bei Django Asül genau richtig: Für stern.de rechnet der Kabarettist einmal die Woche mit der deutschen Politik ab.

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
Margot Käßmann Ein starker, schmerzhafter Rücktritt

Margot Käßmanns Rücktritt ist ebenso schmerzhaft wie richtig: Selbst in der Not beweist diese Frau Klasse, erspart sich einen ewigen Spießrutenlauf - und stürzt ihre Kirche dennoch in eine Krise. mehr...

Margot Käßmann Reformerin mit Charme

Nun ist die Zeit auch in der Kirche reif: Mit der Wahl von Margot Käßmann rückt erstmals eine Frau an die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Bischöfin aus Hannover ist nun die höchste Repräsentantin der knapp 25 Millionen evangelischen Christen. Für die Kirche ist der Antritt der geschiedenen Mutter eine kleine Revolution. mehr...