Die Bundesregierung hat die Unternehmenssteuerreform abgenickt - und so der Wirtschaft indirekt mehrere Milliarden Euro zukommen lassen. SPD-Linke und Gewerkschaften protestieren, Wirtschaftsminister Glos fürchtet um den Mittelstand.

Steinbrück (li.) hat sich die Reform ausgedacht, Glos (Mi.) kritisiert sie und Kanzlerin Merkel will sie nachbesseren und© Andreas Rentz/Getty Images
Nach langem Tauziehen hat das Bundeskabinett die für 2008 geplante Unternehmenssteuerreform auf den Weg gebracht. Der Entwurf wird im parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren allerdings voraussichtlich noch geändert. Nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" will Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) Kritik an der Reform in einer förmlichen Protokoll-Erklärung äußern. Er befürchtet, das Gesetz könne den Mittelstand benachteiligen.
Tiefensee blieb stumm
Ursprünglich habe auch Aufbau-Ost-Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) eine solche Erklärung abgeben wollen, weil er sich um ostdeutsche Mittelständler sorgte. Aus Rücksicht auf seinen Parteifreund Steinbrück soll Tiefensee aber davon Abstand genommen haben, so das Blatt. Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) sei mit einer für ihr Ressort wichtigen Zusicherung davon abgebracht worden, Kritik an der Steuerreform ebenfalls zu Protokoll zu geben.
Der Gesetzentwurf von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sieht für Konzerne eine Senkung der Gesamtsteuerlast von etwa 39 Prozent auf unter 30 Prozent vor. Die Mindereinnahmen für die Staatskassen sollen auf fünf Milliarden Euro begrenzt werden. In den ersten Jahren dürften die Ausfälle aber höher ausfallen.
"Schmeißt ihnen kein Geld nach!"
Kanzlerin Angela Merkel kündigte kurz vor den erwarteten Kabinettsbeschluss noch Änderungen an. Bei der Gesetzgebung müssten Verbesserungen zu Gunsten von Forschung und Entwicklung erreicht werden, sagte sie nach einem Treffen mit den Spitzen der Wirtschaft in München.
Die SPD-Linke und die Gewerkschaften lehnen die Reform ab, weil sie ein ungerechtfertigtes Milliarden-Geschenk an die Unternehmen sei. Der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters sagte über das Projekt: "Ich habe kein Verständnis für diese Steuerreform. Sie muss gestoppt werden". Den Firmen gehe es derzeit sehr gut. "In dieser Phase den Unternehmen noch Geld nachzuschmeißen, ist absurd." Dies gehe auf Kosten der Steuerzahler.
Kritik kam auch aus der Opposition im Bundestag. Die Grünen-Finanzexpertin Christine Scheel sagte der Nachrichtenagentur DPA: "Am Ende kommt mit diesem Gesetz etwas heraus, was uns als Standort eher schadet. Unterm Strich ist die Reform zwar gut gedacht, aber in ihrer Ausgestaltung sehr schlecht zusammengeschustert." Beim Blick auf Entlastungen und Belastungen "sieht man ganz genau, wer die Zeche zahlt: Das sind vor allem die kleinen und mittelständischen Personengesellschaften."
"Armutszeugnis" für Merkel
Der FDP-Finanzexperte Carl-Ludwig Thiele sprach von einem "Armutszeugnis" für Merkel. "Es ist bemerkenswert, dass die Kanzlerin eingesteht, die Regierung hat beim Thema Unternehmenssteuerreform ihre Hausaufgaben nicht ordentlich gemacht", sagte er. Schließlich stehe diese Steuerreform in ihren Eckpunkten schon seit über einem Jahr fest.