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Ein Kratzer für Frau Doktor

Ursula von der Leyen darf trotz vieler Fehler ihren Titel behalten. Der Imageschaden für die Ministerin ist damit überschaubar geblieben.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, CDU

Keine Langzeitfolgen: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, CDU

Sie darf ihren Titel behalten. Das wird bei vielen Genugtuung auslösen und bei manchen Verwunderung – in der Wissenschaftswelt, dort, wo Ursula von der Leyen lange zu Hause war, bevor sie sich für eine Karriere in der Politik entschied.

Doch es wird auch Enttäuschung geben, dort, wo sie nun zu Hause ist, wo die Luft rauer und das Warten auf den Fehler der anderen systemimmanent ist: in der Politik. Man hatte sich schon auf die Häme vorbereitet, hinter vorgehaltener Hand, auch und ganz besonders in der eigenen Partei. Ein Dämpfer für die ambitionierte Ministerin – den hätte mancher gern gesehen. Denn Ursula von der Leyen hat vor allem immer eines ganz besonders gepflegt: das Image der eigenen, nun ja, Perfektion. Es hatte bisweilen Unfehlbarkeitsdimensionen. Es war ihr Alleinstellungsmerkmal. Alles war Power. Alles war Haltung.

Ursula von der Leyen ohne Täuschungsabsicht

Nun ist es anders gekommen, als viele erwartet hatten: Die Medizinische Hochschule Hannover hat nach Abschluss der Hauptprüfung Ursula von der Leyens 1990 vorgelegte Arbeit  "C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssysndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung" zwar als fehlerhaft bewertet – es sei aber "kein durch Täuschungsabsicht geleitetes Fehlverhalten" festgestellt worden.

Was damals falsch war und von Plagiatsjägern im Netz nach Jahrzehnten entdeckt wurde, wird nun von Hochschulseite gerügt – aber nicht verspätet sanktioniert. Ein Kapitel im Leben der Ursula von der Leyen ist nun noch einmal kurz aufgemacht und unrühmlich wieder zugeklappt worden. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Langzeitfolgen? Nicht zu erwarten

Krisentauglich in eigener Sache

Ja, es stimmt: Es bleiben erhebliche Kratzer im Lack. Ihr Image hat gelitten in diesem Verfahren. Vor allem: Was in ihrem früheren Leben war, das kann nun nicht mehr restlos strahlend in die Bilanz ihrer derzeitigen Karriere hineinwirken.

Das alles ist, keine Frage, ein mittelschwerer Schaden für das Ego der Ursula von der Leyen. Aber der Schaden ist nach dem Spruch der Hochschule doch deutlich überschaubar, er muss nun nicht mehr von der einen auf die andere Welt übergreifen; dazu war von der Leyen im Umgang mit ihren persönlichen Verfehlungen sowieso um Längen geschickter, als ihr Vor-Vor-Vorgänger im Amt des Verteidigungsministers: Karl-Theodor zu Guttenberg. Der hatte zunächst alles abgestritten, sich dann in arroganter Eitelkeit gesonnt, bis er schließlich für die Kanzlerin untragbar wurde.

Vertrauen der Kanzlerin

All das hat Ursula von der Leyen ohnehin sorgsam vermieden. Man kann fast sagen: Sie hat sich in eigener Sache über Monate hinweg als krisentauglich erwiesen, was eine durchaus wichtige Eigenschaft für eine Ministerin ist. So hatte sie das Wohlwollen der Kanzlerin behalten, die schon wenige Stunden vor Verkündung der Hochschul-Entscheidung qua Regierungssprecher ausrichten ließ,  dass die Ministerin auch ohne Doktortitel ihr Vertrauen habe.    

Es ist nun müßig, darüber zu spekulieren, ob Ursula von der Leyen auch bei einer anderen Entscheidung der Uni Hannover im Amt geblieben wäre. Wahrscheinlich wäre sie das sogar. Wahrscheinlich hätte sie nicht unerheblich von der Tatsache profitiert, dass Angela Merkel mit der Bewältigung der Flüchtlingskrise weiß Gott genug um die Ohren hat und in vier Tagen überdies wichtige Landtagswahlen in drei Bundesländern anstehen. Das alles hätte die Lust auf eine Kabinettsumbildung ohnehin nicht gerade gesteigert.    

Ein Zuruf auf Standford

Ursula von der Leyen hat die Entscheidung der Medizinischen Hochschule Hannover von Stanford aus verfolgen können – aus einer Entfernung von mehreren Tausend Kilometern. Das mag Fluch und Segen für sie an diesem Tag gewesen sein. Das mediale Gewitter setzt nicht in unmittelbarer Nähe ein, aber es wird sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland dann doch noch einmal ereilen. Aus den USA ließ die Ministerin, typiusch von der Leyen, schon kurz nach der verkündeten Entscheidung verlauten:  "Teile meiner damaligen Arbeit entsprechen nicht den Maßstäben, die ich an mich selber stelle. Ich bin froh, dass die Universität nach eingehender Prüfung zum Schluss gekommen ist, dass meine Experimente für die medizinische Forschung relevant waren und die Arbeit insgesamt die wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt."

Doch vielleicht wird der Ministerin auch fern ab in den USA noch einmal jener Gedanke in den Sinn kommen, der ihr im September, kurz nach Bekanntwerden der Plagiatsaffäre, durch den Kopf geschossen ist: "Hätte ich die Scheiße nur nicht geschrieben." 

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