17. September 2009, 11:42 Uhr

"Ich kenne es, vor Wut zu kochen"

Ursula von der Leyen, Familienministerin und siebenfache Mutter, hat viel Kritik einstecken müssen. Mit stern-Autor Tilman Gerwien spricht sie über Wickelvolontariate, "Zensursula", ihr Verhältnis zur CDU - und brüllende Minister.

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"Telefon aus, ganz wichtig": Familienministerin Ursula von der Leyen, CDU©

Frau von der Leyen, Sie machen Politik auf höchster Ebene, haben sieben Kinder, pflegen daheim jetzt auch noch Ihren demenzkranken Vater - ein Hochleistungsleben. Hatten Sie in den vergangenen Jahren nie das Gefühl, etwas zu verpassen?

Verpassen wäre der falsche Ausdruck. Aber: Ich will und muss mit meinen Kräften haushalten, bestimmte Dinge gehen deshalb jetzt nicht: Musik machen, Freunde treffen, reisen. Das akzeptiere ich. Aber ich habe schon manchmal das Gefühl, hart am Anschlag zu arbeiten und zu leben.

Sie haben mal gesagt: "Mein Leben besteht fast ausschließlich aus Arbeit und Kindern."

Das klingt sicher anstrengender, als es ist, das Leben mit Kindern ist ja auch unglaublich prall und voll. Ich habe aber erst lernen müssen, Druck oder politischen Ärger abzuschütteln und umzuschalten in dem Moment, wenn ich daheim die Haustür zuschließe. Ich sage mir dann: "Hör mal, jetzt ist Zeit für die andere Seite, die Politik muss jetzt weg." Telefon aus, ganz wichtig, nicht mehr in die E-Mails gucken, nicht ins Internet, schon gar keine Nachrichten. Psychologen würden dazu vielleicht sagen: aktive Verdrängung. Den Kindern ist es völlig egal, ob ein Gesetz scheitert oder ob du wüst beschimpft wirst. Aber ob wir heute zusammen mit den Ponys unterwegs sind und sie mir erzählen können, was sie bewegt, das ist für sie wichtig.

Ist Ursula von der Leyen eigentlich auch mal schlecht gelaunt, wütend oder überfordert?

Oh, ja! Innerlich vor Wut zu kochen und überfordert zu sein kenne ich natürlich.

Was machen Sie dann?

Da hilft mir zum Beispiel Laufen. Dann halte ich im Kopf die Brandreden, die ich immer schon mal halten wollte, und dann ist der Frust weg.

Wie fühlen Sie sich abends, nach einem ganz normalen Tag in Ihrem Ministerleben?

Erschöpft. Es ist ganz schlecht, spät abends mit mir Probleme zu besprechen, ich bin ein absoluter Morgenmensch. Ich rufe meine Staatssekretäre leidenschaftlich gern morgens zwischen halb acht und acht an. Ich weiß nicht, wie toll die das finden. Aber das ist der Zeitpunkt, ab dem meine Kinder gerade zur Schule sind.

Haben Sie noch nie gedacht: "Jetzt will ich endlich mal allein sein, jetzt brauche ich Zeit für mich"?

Nein, meine Zeit für mich heißt Familie. Entweder Zweisamkeit mit meinem Mann, das ist Zeit, die ich über alles liebe. Oder Zeit mit den Kindern. Im Schwimmbad oder auf dem Ponyturnier, zittern und bangen, ob die Stange fällt, und abends verdreckt und erschöpft wieder zu Hause ankommen. Das ist Zeit, in der ich auftanke.

Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen als Mutter?

Das hat sicher jede Mutter mal, phasenweise ich auch. Wenn ein Kind mit 'ner Sechs nach Hause kommt, klassische Situation, oder wenn es Tränen gegeben hat und ich das Problem nicht hab' lösen können. Gerade Schule kann einen hohen Druck ausüben, im nächsten Jahr habe ich fünf Kinder im Gymnasium, ich kann Ihnen sagen, ich bin wieder ganz schön fit in Physik und Latein. Aber ich habe nicht mehr das schlechte Gewissen, das ich als junge Mutter hatte, das hat mir oft die Umgebung gemacht. Heute bin ich reifer und gestandener.

Wie schaffen Sie das alles? Fahren Sie jeden Abend nach Hause? Oder reicht Ihnen das Wochenende, um eine gute Mutter zu sein?

Jetzt würde mich erstens interessieren, wie Sie die Zeiteinteilung für eine "gute" Mutter und "gute" Ministerin definieren. Und zweitens, wie oft Sie diese Frage schon Ministern gestellt haben, die auch Väter, Ehemänner und Söhne sind.

Können Sie verstehen, dass Sie manchen Menschen in Deutschland ein wenig unheimlich sind?

Ja, klar. Ich kann das verstehen. Das sitzt immer noch tief drin: sieben Kinder und Karriere, das kann doch gar nicht sein. Dabei ist völlig akzeptiert, dass Frauen Minister sind. Sogar Kanzler dürfen sie sein…

Nur Kinder dürfen sie nicht haben.

Und das ist der Punkt, den ich schrecklich gern ändern möchte: Dass Kinder nicht als etwas Begrenzendes gesehen werden, sondern dass wir Lebenswirklichkeiten schaffen, wo Kinder mittendrin sind.

Viele Frauen fühlen sich durch Ihren perfekten Lebensentwurf vorgeführt und unter Druck gesetzt.

Weil die nur das Ergebnis sehen. Ich habe aber auch mal ein Studium abgebrochen. Ich bin eine junge Frau gewesen, die mit zwei Kindern das Gefühl hatte: Ich klappe zusammen, wenn ich so weitermache - und habe als junge Ärztin in der Klinik deswegen um eine Halbtagsstelle gebettelt. Heute strahle ich eine gewisse Sicherheit aus, die viele junge Frauen noch gar nicht haben können. Die fragen, was ich auch gefragt hätte: Wo sind denn bei der die Ecken und Kanten, wo sind denn da die Probleme?

Ursula von der Leyen, 50 ... ist Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der Großen Koalition. Die Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht studierte Medizin, bevor sie sich für die CDU engagierte. Von der Leyen war zunächst Familienministerin des Landes Niedersachsen, nach den Bundestagswahlen 2005 holte Merkel sie in ihr Kabinett. Die siebenfache Mutter lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hannover.

Von der Leyen, die die Familienpolitik der CDU grundlegend modernisiert hat (und eine ganze Serie eigentlich sozialdemokratischer Positionen umsetzte), stand in den vergangenen Monaten in der Kritik - unter anderem wegen der umstrittenen Sperrung von Kinderporno-Seiten. Im großen stern.de-Interview spricht sie über "Zensursula", das sogenannte Wickelvolontariat, ihr Verhältnis zur CDU und ihre Selbstbehauptung in der männerdominierten Politik.

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KOMMENTARE (10 von 28)
 
Julwil (18.09.2009, 10:35 Uhr)
Unfassbar...
Ich bin einfach nur erschüttert, dass diese Kommentare sich auf die Inhalte beziehen und diese Ministerin auf ihr Geschlecht reduziert wird.

Unfassbar, dass dieser Interviewer überhaupt soweit gekommen ist, denn mit solchen Reduzierung aufgrund des Geschlechts sollte er wegen Diskriminierung entlassen werden.
Ein Zeitschriftenformat das sich für emanzipiert schimpft und sich mit solchen Fragen an die Öffentlichkeit traut ist wirklich einfach nur peinlich.

Stellen sie diese Fragen doch bitte mal einem anderen Minister. Fragen sie doch mal einen Mann: Haben sie kein schlechtes Gewissen ihre Kinder so lange alleine zu lassen? Oh, sie haben eine veränderte Frisur, was können wir denn jetzt erwarten? Ich glaube jeder Mann würde antworten, was denn bitteschön meine Frisur mit Politik zu tun hat. Ein solches Niveau ist der Bildzeitung zuzutrauen...

Wenn ich dieses Interview so lese und die anschließenden Bemerkungen wird einfach nochmal deutlich, worauf Frauen noch immer reduziert werden- auf Familie und Kinder- und wenn es eine Frau wagt diese verkalkten und starren Zuschreibungen zu erweichen wird sie beschuldigt sie wolle quasi etw. verbotenes, wenn nicht sogar moralisch fragliches tun.

Ich bin kein Fan der CDU, aber diese Politikerin hat viel angestoßen und vertritt Gedankengänge die nicht auf eine Zeit zurückzuführen sind die sehr weit zurückliegt und doch von soooo vielen Menschen besonders Männern herbeigesehnt wird. Die klassische Aufteilung in Heim & Außenwelt mit den typisch sterotypen Verteilungen.
Tempelhofer (18.09.2009, 07:33 Uhr)
@ lazarus06
Nehmen Sie doch bitte einmal die Kommentare der linken Unterstützer in diesem Forum zur Kenntnis: Beschimpfungen, Drohungen, Häme. Grundsätzliche Verachtung allen Andersdenkenden gegenüber. Oder überlesen Sie diese Passagen geflisssentlich ? Die LInken gebärden sich hier absolut intolerant und aggressiv. Wenn Sie damit keine Probleme haben, ist das Ihre Entscheidung. Viele auch neutrale Leser sind dagegen weniger davon angetan.
Sozimod (17.09.2009, 20:36 Uhr)
Solidarität leben
@AK_Teren:
Ich bin seit 46 Jahren ein sozial denkender Bürger. Damals vor 2002, sozialdemokratisch, heute LINKS (obwohl sch meine Ethik, Werte nicht verändert habe). Aber es gibt auch CDU Mitglieder die sich für sozial benachteiligte einsetzen. Sie nennen es christlich=Nächstenliebe. Meine Kritik zielt in erster Linie auf Bundesebene. Dort hat Frau von der Leyen, wie ihre Vorgänger versagt.
@Knilch59:
Besser kann man es nicht formulieren.
Leider haben wir es versäumt Zukunftsorientiert, Politik zu machen. Solange die Wirtschaft die Politik bestimmt, wird es keine mittelfristige, vom Verstand geprägte Politik geben.
Gewinnmaximierung muss aus dem Vokabular gestrichen werden. Bismark hat schon damals erkannt, das die Familien für jede Nation wichtig ist.
lazarus06 (17.09.2009, 18:53 Uhr)
@Tempelhofer Als Demokrat lasse ich natürlich jedem seine Meinung und Ansichten ,
Aber ,nichts für Ungut ,Ihre Scheuklappen müssen gigantisch sein.Und das sagt jetzt einer der bis Ende Kohl Ära CDU gewählt hat weil Mittelständiger Unternehmer.Nach dem "Bimbes" waren die für mich gestorben.
40901 (17.09.2009, 17:22 Uhr)
Fassungslos!
Diese ´Beiträge´ lassen mich fassungslos zurück!
Leben wir im Jahrs 2009? So einen gequirlten Unsinn schreiben hoffentlich nur Männer, aber ich bin peinlich berührt auch dieser Gattung anzugehören. Wie ist unser Land doch verblödet. Haben wir denn gar nichts gelernt aus den zurückliegenden Jahren und gesellschaftlichen Diskussionen? Ist denn hier kein Mann, der Töchter hat und diese erzieht zu selbstständigen, selbstbewussten? Sollen die alle Kanonenfutter für solche Ignoranten sein?
knilch_59 (17.09.2009, 15:46 Uhr)
Tolle Frau, aber weder Vorbild noch die richtigen Ansichten
Ausdrücklich gut finde ich, was Frau von der Leyen mit ihrem Leben macht. Sie kann sich selbst verwirklichen und bekommt sogar noch eine gewisse work-life-balance hin, Glückwunsch und Bewunderung. Aber als Vorbild und Blaupause taugt das nicht, und das macht sie auch als Familienministerin fragwürdig. Zum Einen: Man darf nicht vergessen, dass viele gar kein Leben auf der Überholspur wollen und sich nicht in diesem Hochleistungskorsett sehen. Nicht, dass die es nicht könnten, aber die begreifen sich nicht als Familienmanager, also sollte man auch gar nicht versuchen denen einzureden, dass sie das gefälligst zu sein haben! Aber mit diesem Bild polarisiert sie: Ist jemand, der sich in seinem Beruf nicht selbst verwirklicht sieht, sondern einfach gut funktioniert, schon ein halber Looser und aufgerufen, seinen Status zu ändern? Und damit kommen wir zum Kernstück ihrer Politik und ihres Weltbildes: Da hat ? insbesondere Frau ? gefälligst Erwerbsarbeit zu leisten und dafür zu sorgen, dass man Familie noch irgendwo mit unterbringt, weil man sonst unvollständiger Mensch ist. Und das soll Vorbild sein für die vielen Leute in den einfachen Berufen? Und damit kommen wir zur Politik, die sie vertritt: Elternzeit ist nur was für solche Leute: der Verkäuferin bei Schlecker wird schon klar gemacht, dass Familie nicht das Problem des Arbeitgebers sein kann und der liebenswerte Meister des Handwerksgesellen wird seinem Mitarbeiter was husten, wenn der von work-life-balance erzählt und dass heute um 4 Feierabend ist, weil der Kindergarten nur bis 5 Uhr auf hat. Die in den einfachen Jobs können sich ? auch dank der Politik von Frau von der Leyen - nicht wirklich entscheiden, weil Familie mit Kind absolutes Armutsrisiko darstellt. Für die waren zwei Jahre Erziehungsgeld besser! Aber nein, man musste ja den Zeitraum kürzen und die staatlichen Leistungen noch mehr vom früheren Einkommen abhängig machen. Jetzt können sich die studierten Cabrio-Fahrerinnen sogar ein Kind leisten, die junge Verkäuferin Anfang 20 aber garantiert keins mehr. Und deshalb muss diese Frau aus diesem Amt weg! Sie ist eine komplette Fehlbesetzung, auch wenn ihre persönliche Leistung bewundernswert ist.
DasBertl (17.09.2009, 15:34 Uhr)
Wir alle
können am 27. September dafür sorgen, dass die gute Frau wieder mehr Zeit für ihre Kinder hat... und dann auch mal Musik machen kann ;)

Zensursula hat sich das verdient... und wir haben sie nicht verdient. Ihre Pläne zur Internetzensur kann sie gern an den Iran oder China verkaufen... achso, stimmt... aus den beiden Ländern stammt ja das Konzept. Kinderpornoghrafie im Netz LÖSCHEN und nicht einfach nur mit einem Stoppschild bedecken, hinter das jeder schauen kann. Polizisten halten bei einer Vergewaltigung ja auch kein Leinentuch davor, damit keiner die bösen Szenen sehen muss sondern schreiten ein!
Ak_Teren (17.09.2009, 15:13 Uhr)
@Sozimod
Das christlich habe ich jetzt nicht in erster Linie auf die Partei bezogen, sondern eher allgemeiner gesehen.
Und da ist die Behauptung, das christlich = Nächstenliebe doch etwas hoch gegriffen.

Wenn ich das schreiben würde, was ich von der Nächstenliebe der CDU halte, wäre mein Posting in 3 Minuten gelöscht ;)
Sozimod (17.09.2009, 14:49 Uhr)
Da fehlt wohl was
@AK_Teren:
@Bebuquin:
Lies meinen Bericht bitte in Ruhe und sorgsam!
CDU, dass C steht für christlich=Nächstenliebe. Das finden wir in der jetzigen Bundespolitik "nicht" wieder.
Keine Lobhudelei für Frau von der Leyen. Lesen Sie bitte meine anderen Kommentare, dann hätten sie es sofort verstanden.
An dieser jetzigen Regierung, sowie die vorherigen, der letzten 27 Jahre, kommentiere ich sicherlich nicht positiv. Auswirkungen ist Abhängigkeit von den USA. Unser Bildungssystem, sowie Kriegspolitik, sowie Zerstörung der bewährten Sozialversicherungssysteme, sowie Umweltschädliche Politik, made in USA. Das Europa und die USA lobten noch in den 90ern unser Sozialsystem. Sie lobten wie sauber unser Land war. Gras gemäht, Abfall beseitigt. Schaut euch doch mal um.
Bebuquin (17.09.2009, 14:14 Uhr)
@ Sozimod
"CDU, dass C steht für christlich=Nächstenliebe."
--> Na da passen sie aber gut zu dieser Frau von der Leyen. Die glaubt ja auch, dass sich unser GG an den 10 Geboten orientiert.
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