Ursula von der Leyen, Familienministerin und siebenfache Mutter, hat viel Kritik einstecken müssen. Mit stern-Autor Tilman Gerwien spricht sie über Wickelvolontariate, "Zensursula", ihr Verhältnis zur CDU - und brüllende Minister.

"Telefon aus, ganz wichtig": Familienministerin Ursula von der Leyen, CDU© Michael Trippel
Verpassen wäre der falsche Ausdruck. Aber: Ich will und muss mit meinen Kräften haushalten, bestimmte Dinge gehen deshalb jetzt nicht: Musik machen, Freunde treffen, reisen. Das akzeptiere ich. Aber ich habe schon manchmal das Gefühl, hart am Anschlag zu arbeiten und zu leben.
Das klingt sicher anstrengender, als es ist, das Leben mit Kindern ist ja auch unglaublich prall und voll. Ich habe aber erst lernen müssen, Druck oder politischen Ärger abzuschütteln und umzuschalten in dem Moment, wenn ich daheim die Haustür zuschließe. Ich sage mir dann: "Hör mal, jetzt ist Zeit für die andere Seite, die Politik muss jetzt weg." Telefon aus, ganz wichtig, nicht mehr in die E-Mails gucken, nicht ins Internet, schon gar keine Nachrichten. Psychologen würden dazu vielleicht sagen: aktive Verdrängung. Den Kindern ist es völlig egal, ob ein Gesetz scheitert oder ob du wüst beschimpft wirst. Aber ob wir heute zusammen mit den Ponys unterwegs sind und sie mir erzählen können, was sie bewegt, das ist für sie wichtig.
Oh, ja! Innerlich vor Wut zu kochen und überfordert zu sein kenne ich natürlich.
Da hilft mir zum Beispiel Laufen. Dann halte ich im Kopf die Brandreden, die ich immer schon mal halten wollte, und dann ist der Frust weg.
Erschöpft. Es ist ganz schlecht, spät abends mit mir Probleme zu besprechen, ich bin ein absoluter Morgenmensch. Ich rufe meine Staatssekretäre leidenschaftlich gern morgens zwischen halb acht und acht an. Ich weiß nicht, wie toll die das finden. Aber das ist der Zeitpunkt, ab dem meine Kinder gerade zur Schule sind.
Nein, meine Zeit für mich heißt Familie. Entweder Zweisamkeit mit meinem Mann, das ist Zeit, die ich über alles liebe. Oder Zeit mit den Kindern. Im Schwimmbad oder auf dem Ponyturnier, zittern und bangen, ob die Stange fällt, und abends verdreckt und erschöpft wieder zu Hause ankommen. Das ist Zeit, in der ich auftanke.
Das hat sicher jede Mutter mal, phasenweise ich auch. Wenn ein Kind mit 'ner Sechs nach Hause kommt, klassische Situation, oder wenn es Tränen gegeben hat und ich das Problem nicht hab' lösen können. Gerade Schule kann einen hohen Druck ausüben, im nächsten Jahr habe ich fünf Kinder im Gymnasium, ich kann Ihnen sagen, ich bin wieder ganz schön fit in Physik und Latein. Aber ich habe nicht mehr das schlechte Gewissen, das ich als junge Mutter hatte, das hat mir oft die Umgebung gemacht. Heute bin ich reifer und gestandener.
Jetzt würde mich erstens interessieren, wie Sie die Zeiteinteilung für eine "gute" Mutter und "gute" Ministerin definieren. Und zweitens, wie oft Sie diese Frage schon Ministern gestellt haben, die auch Väter, Ehemänner und Söhne sind.
Ja, klar. Ich kann das verstehen. Das sitzt immer noch tief drin: sieben Kinder und Karriere, das kann doch gar nicht sein. Dabei ist völlig akzeptiert, dass Frauen Minister sind. Sogar Kanzler dürfen sie sein…
Und das ist der Punkt, den ich schrecklich gern ändern möchte: Dass Kinder nicht als etwas Begrenzendes gesehen werden, sondern dass wir Lebenswirklichkeiten schaffen, wo Kinder mittendrin sind.
Weil die nur das Ergebnis sehen. Ich habe aber auch mal ein Studium abgebrochen. Ich bin eine junge Frau gewesen, die mit zwei Kindern das Gefühl hatte: Ich klappe zusammen, wenn ich so weitermache - und habe als junge Ärztin in der Klinik deswegen um eine Halbtagsstelle gebettelt. Heute strahle ich eine gewisse Sicherheit aus, die viele junge Frauen noch gar nicht haben können. Die fragen, was ich auch gefragt hätte: Wo sind denn bei der die Ecken und Kanten, wo sind denn da die Probleme?
Ursula von der Leyen, 50 ... ist Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der Großen Koalition. Die Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht studierte Medizin, bevor sie sich für die CDU engagierte. Von der Leyen war zunächst Familienministerin des Landes Niedersachsen, nach den Bundestagswahlen 2005 holte Merkel sie in ihr Kabinett. Die siebenfache Mutter lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hannover.
Von der Leyen, die die Familienpolitik der CDU grundlegend modernisiert hat (und eine ganze Serie eigentlich sozialdemokratischer Positionen umsetzte), stand in den vergangenen Monaten in der Kritik - unter anderem wegen der umstrittenen Sperrung von Kinderporno-Seiten. Im großen stern.de-Interview spricht sie über "Zensursula", das sogenannte Wickelvolontariat, ihr Verhältnis zur CDU und ihre Selbstbehauptung in der männerdominierten Politik.