25. September 2008, 07:45 Uhr

Steinbrück wirft USA Versagen vor

Das weltweite Finanzsystem steht laut Einschätzung von Finanzminister Peer Steinbrück vor drastischen Umwälzungen. "Die Welt wird nicht wieder so werden wie vor der Krise", sagte Steinbrück in einer Regierungserklärung. Verantwortlich für die Krise sei das zügellose Renditestreben in den USA.

Krisenmanager: Finanzminister Peer Steinbrück malte in einer Regierungserklärung ein düsterers Szenario von tiefgreifenden Umwälzungen des weltweiten Finanzsystems©

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat ein dramatisches Bild der aktuellen Finanzkrise gezeichnet und zu deren Lösung eine enge Zusammenarbeit aller Akteure beschworen. "Die ernste globale Finanzkrise wird tiefe Spuren hinterlassen. Sie wir das Weltfinanzsystem tiefgreifend umwälzen", sagte er in einer Regierungserklärung am Donnerstag.

Als Folge würden die USA ihren Status als Supermacht des Weltfinanzsystems verlieren. Die Wall Street werde nicht mehr das sein was sie war. Durch ein funktionierendes Krisenmanagement sei ein "Super-Gau" bisher verhindert worden, doch "Licht am Ende des Tunnels" sehe er noch nicht. Auch Deutschland sei betroffen, wenn auch weit weniger als die USA, wo die Krisenursachen lägen. "Die Bürgerinnen und Bürger müssen keine Angst um ihre Ersparnisse haben", beruhigte er.

Die Auswirkungen der Finanzkrise und ihr Fortgang lassen sich Steinbrück zufolge noch nicht absehen. Klar sei, dass die Krise weltweit zu niedrigeren Wachstumsraten und mit gewisser Verzögerung zu ungünstigeren Arbeitsmarktentwicklungen führen werde. Die Auswirkungen auf Deutschland seien bislang weniger dramatisch. Wie sich das konkret darstelle, sei noch nicht zu beziffern, sagte er mit Blick auf die öffentlichen Haushalte und die Revision der Regierungsprognose zum Wachstum im Oktober. Experten rechnen inzwischen für das nächste Jahr mit einem deutschen Wachstum von deutlich unter einem Prozent, während die Regierung aktuell von 1,2 Prozent ausgeht.

"Deutscher Bankensektor bleibt nicht verschont"

"Der deutsche Bankensektor wird von den krisenhaften Entwicklungen nicht verschont", erklärte Steinbrück. Die Krise zeige aber, dass das Drei-Säulen-Modell im Bankensystem Deutschlands relativ stabil sei. Eine Kreditklemme zulasten der Güter-Wirtschaft sei gegenwärtig nicht zu beobachten. Die Bürger sollten ebenfalls nicht in Panik verfallen.

Ursprungsort und Schwerpunkt der Krise seien die USA, wo immens riskante Immobilien- und Kreditgeschäfte betrieben worden seien, sagte Steinbrück. Es gehe um die unverantwortliche Überhöhung eines zügellosen Renditestrebens ohne ausreichende Regulierung. Dagegen seien die USA zwar zu spät vorgegangen, das von ihnen geplante Rettungspaket über 700 Milliarden Dollar sei aber richtig.

Ein ähnliches Programm in Europa oder Deutschland halte er jedoch nicht für sinnvoll. "Die Finanzmarktkrise ist vor allem ein amerikanisches Problem."

Steinbrück für staatliche Regulierungen auf den Finanzmärkten

Als Konsequenz aus der Krise forderte Steinbrück weltweit "neue Verkehrsregeln" und staatliche Regulierungen für die Finanzmärkte. Es gehe um eine Art neue "Zivilisierung" dieser Märkte. Vor allem sollten besonders risikoträchtige Geschäfte stärker abgesichert oder teils gar verboten werden. Die richtige Antwort sei "eine stärkere, international abgestimmte Regulierung auf internationaler Ebene". Steinbrück legte einen Katalog von acht Vorschlägen vor, für die er sich international, wie bei den Treffen am Rande der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) einsetzen will.

Im einzelnen müsse verhindert werden, dass Risiken außerhalb der Banken-Bilanzen platziert werden können, sagte Steinbrück. Die Banken müssten eine größere Liquiditätsvorsorge treffen und die verantwortlichen Finanzmarktakteure stärker in persönliche Haftung für ihre Geschäfte genommen werden. Das Renditestreben müsse zugunsten von mehr Risikogewichtung zurückgedrängt werden. Die internationalen Gremien, wie das Forum für Finanzstabilität und der IWF, sollten enger vernetzt werden. Spekulative Leerverkäufe möchte Steinbrück auf internationaler Ebene ganz verbieten. Die Banken sollten bei Verbriefung bis zu 20 Prozent des Risikos in den eigenen Büchern halten müssen. Und schließlich bedürfe es einer europäischen Harmonisierung der Banken- und Finanzmarktaufsicht.

Der FDP-Finanzexperte Hermann-Otto Solms warf Steinbrück vor, keinerlei Selbstkritik geübt zu haben. Die Bundesregierung habe versagt bei der Aufsicht über die staatliche Förderbank KfW. Der Fraktionschef der Linken, Oskar Lafontaine, sprach von einer "Krise der geistig moralischen Orientierung der westlichen Gesellschaften". Durch das Regime der internationalen Finanzmärkte und eine "völlig durchgedrehte" Banker-Elite gebe es keine soziale Marktwirtschaft mehr. Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn sieht das neoliberale Konzept einer Marktwirtschaft gescheitert. Es sei auch ein "moralisches Missverhältnis", wenn über ein 700-Milliarden-Dollar-Paket verhandelt werde, während Afrika-Hilfen von 70 Milliarden Dollar scheiterten.

Krisentreffen mit Spitzenvertretern der Kreditwirtschaft

Am Nachmittag will Steinbrück mit Spitzenvertretern der Kreditwirtschaft die Krise erörtern. Es werden unter anderem Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Bankenpräsident Klaus-Peter Müller erwartet. Steinbrück verspricht sich von dem Treffen auch Vorschläge für seine Gespräche im Oktober in den USA.

Die Opposition ist angesichts des geplanten Krisengipfels skeptisch. Er begrüße das Gespräch, sagte der Vorsitzende des Bundestags-Haushaltsausschusses, Otto Fricke (FDP), im ZDF-"Morgenmagazin". "Aber ich bin doch etwas nervös bei der Frage, was wird da rauskommen, denn das ist entscheidend."

DPA/Reuters
 
 
KOMMENTARE (10 von 45)
 
utospatz (26.09.2008, 19:40 Uhr)
Selbst der dümmste deutsche
Hilfsarbeiter weiss doch heute, mit dem was er gewählt kommt er nicht weiter! Selbst ein heute geborener hat längst erkannt, dass er von dem den sein Papa gewählt wird verbrannt!
Sie stellen sich Alle unter den Schirm der sogenannten Demokratie, wohl wissend, diese Deppen machen uns hie! So hat denn ein Bush-Gestrüpp in USA gekichert, seine Firma in Texas über die Saudis mit Milliarden dank Bin-Ladens-Familie seine Konten gesichert.! Dann als Terrorbekämpfer im Irak dann einmarschiert, Cheenys, Rumsfelds Konten geschmiert, und jeder europäische Politiker schaut zu, in der Hoffnung, dass ihm selber nix passiert!
Loki-Asgard (25.09.2008, 19:18 Uhr)
@laeppe
Dann lesen Sie es mal.
jockel_us (25.09.2008, 18:16 Uhr)
@guenti2477: Iss ja man nur Dein Geld...
"Immerhin ist die Kirche auch für alle da."
Ja, vor allem für die Jüngsten. Mit Deinen Steuergeldern wird der Pfaffe bezahlt, der Deinen Kindern an die Wäsche geht. Mit Deinen Steuergeldern wird der Rechtsanwalt bezahlt, der den Papisten anschließend hilft, den Kindesmißbrauch zu vertuschen.
Kirche und Staat NICHT zu trennen, ist finsteres Mittelalter.
laeppe (25.09.2008, 17:34 Uhr)
Steinbrück wirf USA versagen vor
Toll -wer hat etwas anderes erwartet?
So wie der Ostblock sich kaputt wirtschaftete hat es mit Verspätung auch der Westen geschafft.
Das dafür noch ein besonderer Präsident am Ruder ist der seine
Erleuchtungen erhält und es mit der
Wahrheit nicht so genau nimmt - egal - unsere sind auch nicht besser.
laeppe (25.09.2008, 17:22 Uhr)
@Loki Asgard
Mittlerweile haben wir ein Grundgesetz wie sie wissen und ich
wiederhole mich gerne
Kirche und Staat sind getrennt.
Was hier läuft ist nicht rechtens !
Loki-Asgard (25.09.2008, 16:37 Uhr)
@laeppe
Wenn sie sich so gut mit der Kirche auskennen dann sollten sie eigentlich auch wissen warum die Gehälter der Pfarrer vom Staat bezahlt werden. Die Kirche hat sich dieses ja nicht selbst ausgesucht. Mit den Napoleonischen Kriegen und der Gründung des Rheinbundes wurden in einem Raubzug ohne Beispiel sämtliche Kirchengüter in Staatseigentum (letzten Endes haben die Landesfürsten die Beute Verhurt) überführt. Als ausgleich und um dem Volk die Kirche zu erhalten, da es sonst zu Aufständen gekommen währe wurde die Kirchensteuer eingeführt. Gehälter der Geistlichen werden auch nur vom Staat übernommen um die Kirchen unter Kontrolle zu halten.
nichtvergessen (25.09.2008, 16:16 Uhr)
Kuchen und A .. backen
Liebe Mitleser und Schreiberlinge,
gestattet den Vorschlag sich bei Euren Beitraegen doch naeher an dem eigentlichen Thema zu orientieren;
Der Titel des Beitrages lautet:
US-Finanzkrise
Steinbrück wirft USA Versagen vor
und Ihr sabbelt hier uebern Bischoff Gehalt, die Kirche, Oskar und die Linken usw. Als naechstes werden dann Kochrezepte ausgetauscht oder wat?
laeppe (25.09.2008, 15:36 Uhr)
@vegefranz - wenn schon denn schon
auch Werner Schneider und es gab auch
keinen Widerspruch von Helmut Markwort (Fokus) nur der
Wahrheit wegen.
Vielleicht haben andere ein Problem mit dieser Erkenntnis.
vegefranz (25.09.2008, 15:26 Uhr)
@laeppe: Oskar ist einer der in ....
"Man war sich einig in der Runde -
Oskar ist einer der intelligentesten
Politiker in diesem Lande.". Kronzeugen für diese These: Konstantin wecker und Katja Ebstein. - Nicht schlecht, das war kein unlustiger Beitrag von dir
laeppe (25.09.2008, 15:08 Uhr)
guenti2477 Ist Oskar Hellseher oder ehrlich
diese Frage sollten sie sich mal stellen im Zusammenhang mit der
Wiedervereinigung. Er hat die Kosten in etwa genannt - das wurde dann gleich als Gegner der Wiedervereinigung gemünzt.
Wer hier falsch spielt ist für mich klar. Das sie auf Argumente nicht eingehen können ist bedauerlich aber einleuchtend - sie haben keine.
MEHR ZUM ARTIKEL
Finanzkrise Augen zu und durch reicht nicht

Im Bundestag hat Finanzminister Peer Steinbrück wohlfeil auf die USA eingedroschen und versucht, damit eigene Versäumnisse zu verdecken. Deutschland schlittert in eine Rezession, die Koalition schaut tatenlos zu. Die US-Regierung macht das besser: Immerhin tut sie etwas.

US-Finanzkrise Bush schlägt Alarm - Krisentreffen

Wahlkampf-Moratorium von John McCain, überraschende TV-Ansprache des Präsidenten und ein Krisentreffen im Weißen Haus: Die Sorge vor einem Kollaps der Wirtschaft lässt in Washington die Alarmglocken schrillen. US-Präsident George W. Bush warnte vor dramatischen Folgen der Finanzkrise und rief Demokraten und Republikaner zum Schulterschluss auf.

US-Finanzkrise Notenbank warnt vor Wirtschaftsabsturz

Drastische Worte vom Chef der US-Notenbank: Falls der US-Kongress die 700 Milliarden Dollar zur Rettung des US-Finanzsektors nicht bewillige, sieht Ben Bernanke zahlreiche Jobs in Gefahr. Trotz seiner Warnungen formiert sich im Senat prominenter Widerstand.

US-Ökonom Rogoff "Wir zahlen alle"

Die Milliarden sind verzockt, der Staat hat übernommen: Ist die Finanzkrise damit beendet? Mitnichten, behauptet der renommierte US-Ökonom Kenneth Rogoff. Im stern-Interview sagt er, wer den Kollaps bezahlen muss, weshalb Amerika bis ins Mark getroffen ist - und wie die Gier der großen und kleinen Zocker kontrolliert werden muss.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?