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Kennedys Show, Reagans Sprüche, Obamas Chance

Wenn US-Präsidenten nach Berlin kommen, wird es geschichtsträchtig: Wie John F. Kennedy und Ronald Reagan ihre Reden zu legendären Auftritten machten und wie der Geist des Ortes Obama helfen könnte.

Von Peter Meroth

  Der Präsident aus dem Sehnsuchtsland kam nach Berlin und begeisterte - John F. Kennedy am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus.

Der Präsident aus dem Sehnsuchtsland kam nach Berlin und begeisterte - John F. Kennedy am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus.

  • Peter Meroth

Im Schlager des Jahres schmetterte Gitte: "Ich will 'nen Cowboy als Mann". Und das Traumpaar des Jahres, die Eiskunstlauf-Weltmeister Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, rockte die Nation im Showprogramm mit einem Song aus der West-Side-Story: "I want to be in America." 1963 war das Sehnsuchtsland der Deutschen auf dem Globus eindeutig auszumachen.

Kaum jemand konnte sich die Reise über den Atlantik leisten, aber wir hatten ja die Cowboys von "Bonanza" im Fernsehen, die Coca-Cola im Kühlschrank, und dann kam er, der strahlende Held aus dem Weißen Haus, John F. Kennedy. Sein Besuch in Köln, Bonn, Frankfurt, Wiesbaden und Berlin wurde zu einem Triumphzug durch die alte Bundesrepublik. Rund 20 Tonnen Konfetti und Papierschnipsel regneten in Westberlin auf seinen Konvoi.

Kennedy war erst 46, Adenauer schon 87

Hunderttausende säumten die Straßen. Nur knapp sechs Millionen Haushalte hatten einen Fernseher. Doch vor den Apparaten drängten sich über 20 Millionen Menschen, um zu verfolgen, wie Kennedy aus dem offenen Lincoln winkte. Die Annalen verzeichnen ein "noch nie dagewesenes Aufgebot von 30 Kameras samt Relaisstation im Hubschrauber".

Kennedys bejubelte Botschaft lag vor allem in seiner Person, in seiner Jugendlichkeit, seinem Charme, seinem Stil. Der US-Präsident war 46 Jahre alt und stand am Anfang einer verheißungsvollen Karriere. Konrad Adenauer, der deutsche Bundeskanzler, war 87, und sollte sein Amt drei Monate später an Ludwig Erhard abtreten. Kennedy war das Gesicht einer freien Gesellschaft, eines modernen Kapitalismus, sozial und gerecht. Ohne Zwänge, Fesseln, lähmende Konventionen. Tatkräftig und weltoffen. Der Vater, dessen Kinder unter seinem Schreibtisch im Oval Office spielen. Der Ehemann, der seine Frau als selbstbewusste Partnerin schätzt. Der Politiker, der in der Kubakrise einen Weg findet, standfest zu bleiben, ohne einen dritten Weltkrieg anzuzetteln.

Mit Kennedy bekam die Politik Unterhaltungswert

Aber er war auch der PR-Stratege, der all diese Vorzüge so perfekt zu inszenieren wusste, dass nie wirklich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit drang, welchen Deal er beispielsweise mit dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow eingegangen war, damit der die geplante Stationierung von Atomraketen in Kuba aufgab. Auch die USA reduzierten ihr Kernwaffenarsenal, zogen Raketen aus Italien und der Türkei ab, mit denen sie die Sowjets überhaupt erst zu ihrem Karibik-Abenteuer provoziert hatten.

Wörter wie Public Relations oder Image waren für die Deutschen damals neu und aufregend. Werbung hatte Glamour. Dass Kennedy sich ihrer Mittel bediente, ließ ihn noch moderner erscheinen. Politik bekam Unterhaltungswert.

"Im Falle von Entmutigung: Fahre nach Deutschland"

Ergriffen von den Beifallsstürmen warf der 35. Präsident der USA bei seiner Deutschlandreise schon in Wiesbaden das Protokoll über den Haufen. "Ich weiß jetzt, dass ich meinen Nachfolgern einen Umschlag hinterlassen werde, nur zu öffnen in einem Augenblick großer Entmutigung. Darin werden nur die Worte stehen: Fahre nach Deutschland", erklärte er bei einem Empfang, stürzte sich in die Menge und ließ seinen Wagen nach dem offiziellen Programm auf nicht gesperrten Wegen zum Hotel steuern.

Seine politische Mission stellte er nach anfänglichen oberlehrerhaften Lektionen zurück. Grand Design nannte Kennedy sein außenpolitisches Konzept. Dieser "große Entwurf" war der Bauplan für eine Sicherheitsarchitektur, gegründet auf zwei Fundamenten, einem starken Amerika und dem neuen Europa, dem Zusammenschluss der westlichen Staaten, die bereits in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, der Vorgängerorganisation der EU) kooperierten und nun zu einer politischen Einheit zusammenfinden sollten.

In seiner Berliner Rede vor dem Schöneberger Rathaus brachte er diese Botschaft schließlich legendär auf den Punkt. "Ish bin ein Bearleener!" rief er den 200.000 begeisterten Menschen zu, die sich vor dem Schöneberger Rathaus drängten. Diesen Satz sollte jeder Mensch sagen können, der in Frieden und Freiheit lebt. Es war eine Sicherheitsgarantie für Stadt, die seit zwei Jahren von einer Mauer geteilt wurde. Es war der Aufruf an die Westberliner, in ihrer bedrängten Insel auszuharren. Es war die Beschwörung der Europäer, unter dem Banner der Freiheit ihre Nationalstaaten zu überwinden.

Reagan machte sich Sorgen um die Deutschen

Die außenpolitischen Berater des Präsidenten stöhnten. Ihnen schien die Betonung der westlichen Wertegemeinschaft zu konfrontativ. Sie sahen das zarte Pflänzlein der gerade keimenden Entspannungspolitik bedroht. Prompt eilte Chruschtschow ein paar Tage später nach Ostberlin, um Kennedys Propaganda mit entsprechender Jubel-Kulisse Paroli zu bieten. Kommentatoren in Ost und West rechneten danach Applausstärke und Wimpelzahlen gegeneinander auf. Ins kollektive Gedächtnis hier wie dort blieb nur Kennedys kurzer Satz eingebrannt. Er selbst beschrieb den Moment später so: "Es gibt immer noch Dinge in dieser Welt, bei denen man dabei gewesen sein muss, um sie glauben zu können, und bei denen es einem im Nachhinein schwer fällt zu begreifen, was einem widerfahren ist."

Als US-Präsident Ronald Reagan 1987 nach Berlin kam, diskutierte sein Stab wochenlang, mit welchem Satz er einen ähnlich nachhaltigen Eindruck hinterlassen könnte. Offiziell war sein Besuch auf die 750-Jahr-Feier der Stadt terminiert. Tatsächlich machte sich Washington Sorgen um die Standfestigkeit der Deutschen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Reagan wollte die Standfestigkeit der Deutschen testen - denn die hatten langsam genug vom politischen Eiertanz

Dem Kommunismus keine Chance

Offenbar hatten die Bundesbürger den jahrzehntelangen Eiertanz um die DDR satt, die lange nur als Mitteldeutschland galt, dann als sogenannte DDR bezeichnet oder mindestens in Anführungszeichen gesetzt werden musste. Als Michail Gorbatschow im Kreml 1986 Glasnost und Perestroika ausrief, verlor der Ostblock für viele seinen Schrecken. Der "Wandel durch Annäherung" schien zu funktionieren. "Selbst in der CDU mehrten sich Stimmen, die DDR völkerrechtlich anzuerkennen", erinnert sich John Kornblum, Ex-US-Botschafter und zu jener Zeit stellvertretender Stadtkommandant von Berlin. Die Amerikaner waren entsetzt. Dem Kommunismus keinen Millimeter Boden preisgeben, lautete ein Kernsatz ihrer Politik des Containment, der Eindämmung.

Kornblum gehörte zu der Gruppe, die den Präsidentenbesuch vorbereitete. "Wir wussten: Es musste ein starkes Signal sein, das die Deutschen aufrütteln und ihre Standfestigkeit bekräftigen sollte." Bei Kennedys Visite war das Brandenburger Tor mit roten Tüchern verhängt. Den grauen Alltag drüben bekam er nur auf eigens für ihn errichteten Bildwänden zu sehen. Seine Rede hielt er dann in Schöneberg vor dem Amtssitz Willy Brandts. Als Reagan kam, verzichteten die DDR-Machthaber auf die Verhüllungstaktik, der Blick durchs Brandenburger Tor war frei, der konservative Präsident konnte vor dem geschichtsträchtigen Monument sprechen. Er wandte sich direkt an den Sowjetchef: Wollen Sie wirklich Frieden und mehr Freiheit? Dann kommen Sie hierher. "Mr. Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Mr. Gorbatschow, tear down this wall" - reißen Sie die Mauer nieder.

Guantanamo ist immer noch offen

Als sie drei Jahre später wirklich fiel, erschien es den Reagan-Fans, als habe ihr großer Präsident das durch seine prophetischen Worte bewirkt.

Und nun kommt also Obama. Wie einst Kennedy ist er ein Präsident, auf den sich viele Hoffnungen richteten. Viele hat er enttäuscht. Guantanamo hat er nicht geschlossen und die USA hat er zum Überwachungsstaat werden lassen.

Vermutlich werden ihm die Berliner trotzdem einen herzlichen Empfang bereiten, der ihn in Zeiten der Entmutigung aufbaut, ganz so, wie Kennedy es seinen Nachfolgern wünschte. Vielleicht erinnert Obama daran, dass Europa 50 Jahre nach der Kennedy-Rede auf dem Weg zur Einheit immer noch nicht so recht vorangekommen ist. Anders als 1963 sind es nicht mehr die Franzosen, die sich querlegen, aber es ist nach wie vor Nationalismus, der den Kontinent lähmt. Vielleicht erinnert er daran, wie viel Deutschland auf dem Weg zu seiner Einheit den Bündnispartnern zu verdanken hat, voran den USA.

Was nimmt Obama aus Berlin mit?

Barack Obama wurde 1961 geboren, neun Tage vor dem Bau der Berliner Mauer. Er wuchs auf Hawaii auf, in Honolulu, hat in seiner Familiengeschichte andere Probleme kennengelernt als die Menschen in Deutschland, wo sich Ost und West unversöhnlich gegenüberstanden. Vielleicht spürt er am Brandenburger Tor den Hauch der Geschichte. Der herüberweht von einem untergegangenen Überwachungsstaat. Eine Mahnung, dass Freiheit und Demokratie nicht nur durch Terror bedroht sind, sondern auch durch Mauern, Stacheldraht, staatliche Apparate.

Diesmal kommt es weniger darauf an, was der Präsident an diesem Ort mitteilt, sondern was er von diesem Ort mitnimmt.

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