Kennedys Show, Reagans Sprüche, Obamas Chance

18. Juni 2013, 07:00 Uhr

Wenn US-Präsidenten nach Berlin kommen, wird es geschichtsträchtig: Wie John F. Kennedy und Ronald Reagan ihre Reden zu legendären Auftritten machten und wie der Geist des Ortes Obama helfen könnte. Von Peter Meroth

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Der Präsident aus dem Sehnsuchtsland kam nach Berlin und begeisterte - John F. Kennedy am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus.©

Im Schlager des Jahres schmetterte Gitte: "Ich will 'nen Cowboy als Mann". Und das Traumpaar des Jahres, die Eiskunstlauf-Weltmeister Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, rockte die Nation im Showprogramm mit einem Song aus der West-Side-Story: "I want to be in America." 1963 war das Sehnsuchtsland der Deutschen auf dem Globus eindeutig auszumachen.

Kaum jemand konnte sich die Reise über den Atlantik leisten, aber wir hatten ja die Cowboys von "Bonanza" im Fernsehen, die Coca-Cola im Kühlschrank, und dann kam er, der strahlende Held aus dem Weißen Haus, John F. Kennedy. Sein Besuch in Köln, Bonn, Frankfurt, Wiesbaden und Berlin wurde zu einem Triumphzug durch die alte Bundesrepublik. Rund 20 Tonnen Konfetti und Papierschnipsel regneten in Westberlin auf seinen Konvoi.

Kennedy war erst 46, Adenauer schon 87

Hunderttausende säumten die Straßen. Nur knapp sechs Millionen Haushalte hatten einen Fernseher. Doch vor den Apparaten drängten sich über 20 Millionen Menschen, um zu verfolgen, wie Kennedy aus dem offenen Lincoln winkte. Die Annalen verzeichnen ein "noch nie dagewesenes Aufgebot von 30 Kameras samt Relaisstation im Hubschrauber".

Kennedys bejubelte Botschaft lag vor allem in seiner Person, in seiner Jugendlichkeit, seinem Charme, seinem Stil. Der US-Präsident war 46 Jahre alt und stand am Anfang einer verheißungsvollen Karriere. Konrad Adenauer, der deutsche Bundeskanzler, war 87, und sollte sein Amt drei Monate später an Ludwig Erhard abtreten. Kennedy war das Gesicht einer freien Gesellschaft, eines modernen Kapitalismus, sozial und gerecht. Ohne Zwänge, Fesseln, lähmende Konventionen. Tatkräftig und weltoffen. Der Vater, dessen Kinder unter seinem Schreibtisch im Oval Office spielen. Der Ehemann, der seine Frau als selbstbewusste Partnerin schätzt. Der Politiker, der in der Kubakrise einen Weg findet, standfest zu bleiben, ohne einen dritten Weltkrieg anzuzetteln.

Mit Kennedy bekam die Politik Unterhaltungswert

Aber er war auch der PR-Stratege, der all diese Vorzüge so perfekt zu inszenieren wusste, dass nie wirklich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit drang, welchen Deal er beispielsweise mit dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow eingegangen war, damit der die geplante Stationierung von Atomraketen in Kuba aufgab. Auch die USA reduzierten ihr Kernwaffenarsenal, zogen Raketen aus Italien und der Türkei ab, mit denen sie die Sowjets überhaupt erst zu ihrem Karibik-Abenteuer provoziert hatten.

Wörter wie Public Relations oder Image waren für die Deutschen damals neu und aufregend. Werbung hatte Glamour. Dass Kennedy sich ihrer Mittel bediente, ließ ihn noch moderner erscheinen. Politik bekam Unterhaltungswert.

"Im Falle von Entmutigung: Fahre nach Deutschland"

Ergriffen von den Beifallsstürmen warf der 35. Präsident der USA bei seiner Deutschlandreise schon in Wiesbaden das Protokoll über den Haufen. "Ich weiß jetzt, dass ich meinen Nachfolgern einen Umschlag hinterlassen werde, nur zu öffnen in einem Augenblick großer Entmutigung. Darin werden nur die Worte stehen: Fahre nach Deutschland", erklärte er bei einem Empfang, stürzte sich in die Menge und ließ seinen Wagen nach dem offiziellen Programm auf nicht gesperrten Wegen zum Hotel steuern.

Seine politische Mission stellte er nach anfänglichen oberlehrerhaften Lektionen zurück. Grand Design nannte Kennedy sein außenpolitisches Konzept. Dieser "große Entwurf" war der Bauplan für eine Sicherheitsarchitektur, gegründet auf zwei Fundamenten, einem starken Amerika und dem neuen Europa, dem Zusammenschluss der westlichen Staaten, die bereits in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, der Vorgängerorganisation der EU) kooperierten und nun zu einer politischen Einheit zusammenfinden sollten.

In seiner Berliner Rede vor dem Schöneberger Rathaus brachte er diese Botschaft schließlich legendär auf den Punkt. "Ish bin ein Bearleener!" rief er den 200.000 begeisterten Menschen zu, die sich vor dem Schöneberger Rathaus drängten. Diesen Satz sollte jeder Mensch sagen können, der in Frieden und Freiheit lebt. Es war eine Sicherheitsgarantie für Stadt, die seit zwei Jahren von einer Mauer geteilt wurde. Es war der Aufruf an die Westberliner, in ihrer bedrängten Insel auszuharren. Es war die Beschwörung der Europäer, unter dem Banner der Freiheit ihre Nationalstaaten zu überwinden.

Reagan machte sich Sorgen um die Deutschen

Die außenpolitischen Berater des Präsidenten stöhnten. Ihnen schien die Betonung der westlichen Wertegemeinschaft zu konfrontativ. Sie sahen das zarte Pflänzlein der gerade keimenden Entspannungspolitik bedroht. Prompt eilte Chruschtschow ein paar Tage später nach Ostberlin, um Kennedys Propaganda mit entsprechender Jubel-Kulisse Paroli zu bieten. Kommentatoren in Ost und West rechneten danach Applausstärke und Wimpelzahlen gegeneinander auf. Ins kollektive Gedächtnis hier wie dort blieb nur Kennedys kurzer Satz eingebrannt. Er selbst beschrieb den Moment später so: "Es gibt immer noch Dinge in dieser Welt, bei denen man dabei gewesen sein muss, um sie glauben zu können, und bei denen es einem im Nachhinein schwer fällt zu begreifen, was einem widerfahren ist."

Als US-Präsident Ronald Reagan 1987 nach Berlin kam, diskutierte sein Stab wochenlang, mit welchem Satz er einen ähnlich nachhaltigen Eindruck hinterlassen könnte. Offiziell war sein Besuch auf die 750-Jahr-Feier der Stadt terminiert. Tatsächlich machte sich Washington Sorgen um die Standfestigkeit der Deutschen.

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