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15. Oktober 2008, 16:36 Uhr

"Ja, deutsche Politik ist stinklangweilig"

Barack Obama wird gefeiert wie ein Popstar. Ein Politiker! Das wäre in Deutschland wohl undenkbar. Das glaubt auch Jenik Radon, Finanzfachmann im Wahlkampf-Komitee von Obama. Der deutschstämmige Jurist sagt im Interview mit stern.de, warum er trotzdem notfalls in eine deutsche Partei eintreten würde. Von Sebastian Christ

Wahlkampf in Deutschland: Langweilig und ohne Spirit?© Michael Urban/ddp

Herr Radon, könnten die deutschen Politiker etwas vom amerikanischen Wahlkampf lernen?

Ich glaube, sie könnten etwas lernen. In den USA entscheiden sich Dinge öfter über die Person als über den Sachverhalt. Am Ende gleicht es der reelle Sachverhalt nie aus, man braucht Leute, die Entscheidungen treffen. Sie brauchen Beurteilungskraft. Das ist etwas, was man in den USA in den Vordergrund stellt: Man schaut die Person an und fragt sich, ob man der Person nicht nur einfach trauen kann, sondern ob er auch die Kraft hat, Entscheidungen zu treffen. Natürlich führt das auch zu den verkürzten Statements in den Medien. Aber in den USA kann so eben auch beurteilt werden, ob jemand eine Vision hat. Und das fehlt hier in Deutschland.

In Amerika gibt es den Ausdruck "Leadership". Führen können, Verantwortung übernehmen, das ist in der amerikanischen Gesellschaft ein sehr hoher Wert. In Deutschland wird das etwas anders bewertet, es gibt keine Kultur des "Leadership". Wäre denn ein personalisierter Wahlkampf nach amerikanischem Vorbild überhaupt möglich? Oder würde das nicht unfreiwillig komisch wirken?

Der deutsche Stil ist zu oft: Der Manager fällt eine Entscheidung, und die anderen führen es aus. In Amerika wird eher eine Richtung vorgegeben, und jeder hat dann die Freiheit, es nach seinen Vorstellungen auszuführen. Deshalb geht bei uns im Wahlkampf vieles über den Charakter. Wir wollen beurteilen, was für ein Mensch es ist. Wir versuchen zu verstehen, was für einen Charakter er hat. Und erst wenn wir wissen, was für ein Mensch es ist, dann können wir sagen, ob er Leadership hat, ob er führen kann. Für das Parteiensystem heißt das: Es wird zu oft passiert, Dinge klarzustellen, und sich später dann an seine eigenen Worte zu halten. Das würde heißen, dass man die Probleme von morgen bereits kennt. Auf manche Sachen muss man eben reagieren, und da reicht eine Richtung. Die deutschen Politiker konzentrieren sich zu sehr auf die Tat, und nicht auf dir Richtung.

Ein Beispiel?

Deutschland überaltert, und natürlich hat niemand Lust, dieses unangenehme Problem allein zu lösen. Dabei müsste man einfach mehr Freiheit in das System geben, in ganz kleinen Schritten. Warum darf eine Frau eigentlich nicht ihr Kind mit ins Büro bringen? Man kann in dieser Frage nicht eine Antwort finden, sondern viele.

Aber manche Dinge, die in Deutschland bis ins Detail geplant werden, funktionieren ja im internationalen Vergleich relativ gut. Zum Beispiel das System der Krankenversicherungen…

… aber es fehlt in Deutschland am Spirit. Wo geht die Welt hin? Meine Mutter, die aus Pommern stammt, hat sich diese Frage immer wieder gestellt: Warum sind wir auf dieser Welt? Wozu?

Also fehlt das Visionäre?

Das Wort ist hier wohl nicht sehr erwünscht.

Das würde ich so nicht sagen. Ein Mann wie Barack Obama hat ja auch sehr viele Anhänger in Deutschland gefunden, weil er - zumindest im Vorwahlkampf - das Visionäre verkörperte.

Ich habe gesehen, dass ihm 200.000 Menschen in Berlin zugehört haben. Was ich nicht gelesen habe: Wie alt waren diese Leute im Schnitt? Ich würde vermuten, dass die Begeisterung für das Visionäre eher bei den jungen Menschen zu suchen ist, die Älteren ziehen nicht mit. Was hier falsch läuft: Man versucht hauptsächlich, den kleinen Mann durch ein soziales Netz abzusichern. Das unterstütze ich auch vollkommen. Aber die Visionäre, die was ganz Aufregendes machen, im akademischen und wirtschaftlichen bereich, die bekommen zu wenige Chancen.

Um noch einmal auf die deutsche Politik zurückzukommen: In der Regel ist es ja so, dass man mit 20, 25, 30 in eine Partei eintritt und dann mit 50 oder 60 im besten Fall einen hohen Posten abbekommt…

…das ist auch etwas, was ich als sehr nachteilig empfinde. In den USA ist es nicht ungewöhnlich, dass der Chef 25 oder 30 Jahre alt ist, und Angestellte mit 50 oder 60 Jahren an ihn Bericht erstatten müssen. Warum soll das unvernünftig sein? Und das betrifft auch die Politik: Wenn ich mich selbst erst innerhalb einer Partei aufbauen muss, dann begrenze ich meine Begeisterung. Ich lerne, wie ein System funktioniert, und irgendwann kann ich auch nichts anderes mehr. Das ist ein den USA anders. Barack Obama hat vor vier oder fünf Jahren noch niemand gekannt. Er kam aus dem Nichts. Sein größter Vorteil in meinen Augen: Er begeistert Leute.

Einerseits haben wir keinen Barack Obama in Deutschland. Andererseits gab es auch nie einen George W. Bush, was ja auch daran liegen kann, dass Parteien eine gewisse Filterfunktion haben.

Ja, wir haben einen George W. Bush, und ich bin wahrlich kein Anhänger von ihm. Aber wenn ich auf meine Erfahrungen zurück schaue, dann ist es wirklich das erste Mal, dass es völlig daneben gegangen ist. In etwa 50 Jahren!

Wurde diese Begeisterung für George W. Bush nicht an manchen Stellen missbraucht? Es gab ja viele in den USA, die 2003 wirklich geglaubt haben, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügte.

Wollen wir es so sagen: Bush hat das Vertrauen missbraucht, wenn er wirklich alles öffentlich anders dargestellt hat, als es seinem Wissensstand entsprach. Hat er falsche Informationen bekommen, dann ist das System falsch. Ich vermute, dass er nicht ganz mit offenen Karten gespielt hat. Ich persönlich war nie davon überzeugt, dass es diese Waffen gegeben hat.

Die Deutschen fürchten sich ja mitunter auch aus historischen Gründen vor zu starkem Charisma.

Es ist ja allgemein bekannt, dass man verdammt ist, die Geschichte zu wiederholen - wenn man sie nicht kennt. Aber wenn man nur Geschichte lebt, kommt man nicht vorwärts. Ich hatte gehofft, dass diese Einstellung mit der Wiedervereinigung verschwinden würde, aber es scheint in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Ich glaube, dass die Deutschen sich deswegen beschränken und Dinge nicht schaffen, die sie schaffen könnten. Charisma und Spirit bewegen das Leben!

Wenn Sie Politiker wären: Würden sie in eine deutsche Partei eintreten?

Wenn ich die deutsche Staatsbürgerschaft hätte, und hier leben würde, dann würde ich es vermutlich tun. Aber ohne große Begeisterung.

Warum?

Ansonsten hätte ich nichts zu sagen. Jeder Mensch hat drei verschiedene Lebensbereiche: Das Privatleben, das Berufsleben, und, drittens: das öffentliche Leben. Meine Mutter hat anscheinend wirklich einen großen Einfluss auf mich gehabt: Wozu sind wir hier? Beschränke Dich nicht immer nur auf Dich selbst. Das hat mir meine Mutter aus Pommern beigebracht! Wenn das System es nicht anders erlaubt, als in einer Partei, dann trete ich natürlich in eine Partei ein.

Ist die deutsche Politik stinklangweilig?

Ich glaube ja. Wenn ich darüber nachdenke, wo Deutschland in zehn oder fünfzehn Jahren sein wird, dann wird es immer noch da sein, wo es jetzt ist.

Zur Person Jenik Radon, geboren 1946 in Berlin, ist Anwalt für Gesellschaftsrecht in New York. Seit 2002 lehrt er auch an der Columbia University. Radon ist Mitglied im "Tri-State Finance Committee" von Barack Obamas Wahlkampf-Team.

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
michianso (19.10.2008, 15:01 Uhr)
Leadership
Meine Güte, Leute, informiert Euch erstmal bevor Ihr meint die Klappe aufreissen und alles 'verteufeln' zu müssen.
Googelt mal nach "Leadership Managemet", vielleicht schnallt Ihr es dann. Wer damit sofort wieder "Führerschaft" und den Österreicher assoziiert ist offenbar noch immer nicht in der Lage die Geschichte endlich ruhen zu lassen.
ganzbaf (19.10.2008, 13:36 Uhr)
Na ja...

der Russische Kommunismaus war am Sturz Hitlerdeutschlands auch nicht ganz unbeteiligt.
Ehre wem Ehre gebührt.
mramorak (19.10.2008, 12:53 Uhr)
Geschichte nur einseitig beachtet
Die Geschichte wird ja bekanntlich nur einseitig gesehen in Deutschland.
Die USA waren in ihrer ganzen Geschichte demokratisch! In Berlin degegen regierten von 33 bis 89 Gewaltherscher. In unserem Bewusstsein werden nur die ersten 12 Jahre noch gefuehrt. Die Zeit bis zur Niederlage des Kommunismus wird schamhaft verschwiegen. Warum? Es ist klar warum, wird aber immer abgestritten: Die Freiheit, unter amerikanischer Fuehrung (leadership) had den Kommunismus besiegt! Die Tatsache, dass die USA so sehr an dem Fall des Kommunismus beteiligt war, macht die Amerikaner so sehr verhasst unter den deutschen politisch aktiven "Eliten". Und dass die Aktivitaeten dieser deutschen Gruppen das Verhaeltnis Europa-Amerika vergiften ist auch klar. Die deutschen Politiker muessen endlich begreifen, dass sie gewaehlt wurden zu regieren und nicht diese Aktivisten
herrfreitag (19.10.2008, 10:44 Uhr)
keine frage...
der mann hat recht, deutsche politik ist nun mal sterbenslangweilig, weil von überalterten männern und frauen ohne charisma ,witz und lockerheit schal, dogmatisch inszeniert wird.
Schlammschwimmer (19.10.2008, 09:54 Uhr)
So
Hatte Sternenbanner-Gehabe in den USA schon einmal insgeheim Parallelen zum Hakenkreuz der NS-Zeit gezogen, nährt sich mein Verdacht weiter, wenn ich davon lese, dass in deren Politik "Führer" angesagt wären.
Und was wäre, wenn sich bei uns wieder eine Person mit "Führungsqualitäten" etablieren würde? Da hatten wie doch schon einen Gerhard, der die Stirn hatte, sich nicht in ein absehbares Desaster ziehen zu lassen. Was hat der Mann auch vom Stern Prügel bekommen, weil sich die Beziehungen zum Busenfreund Amerika verschlechterten. Statt dass man ihm dafür bis heute dankbar ist, dass bis heute noch keine mit Sprengstoff beladenen Laster bei und explodiert sind, neidet man ihm seinen rentablen Rentner-Posten. Paradoxerweise regt sich niemand wirklich über richtige Verbrecher, wie Zumwinkel auf.
Abgesehen davon würde der ZdJ beim Erscheinen des "Führers" wohl wieder sein übliches Sirenengeheul anstimmen und Koksnase Friedman seinen zweiten Frühling bei den Öffentlich Rechtlichen feiern, mit täglicher ganzseitiger NS-Kriegs Berichterstattung in der Bild.
Unsere Politik hat längst ihren Auftrag vergessen, oder missachtet ihn...wie man's nimmt. Zum Wohle des Volkes sitzt im Parlament jedenfalls keiner mehr drin. Und wer sich dessen bewusst ist,der lässt sich durch die tollste Wahlkampf-Show nicht blenden.
Nana_Xiaojie (19.10.2008, 05:56 Uhr)
Naja...
... wir haben unseren Karneval eben im Februar und nicht zum Wahlkampf.
gmathol (19.10.2008, 01:52 Uhr)
Zu langweilig? Fehlen etwa die Attentate?
Nicht das deutsche Politiker das Gelbe vom Ei waeren, aber mit derartiger Propaganda wie sie US Politiker zeigen wuerde man in Deutschland nur ein Lachen ernten.
Leadership - Fuehrerschaft, ja das gab es 1933-45 mit schlimmen Folgen, die gleichen Folgen hat uebrigens dieses Unwort fuer die USA, nur das der Bau von Konzentrationslagern und das Ausrotten von Voelkern heute den UN Qualitaetsstempel traegt.
Kroko (19.10.2008, 00:41 Uhr)
Leadership
Zitat:"In Deutschland wird das etwas anders bewertet, es gibt keine Kultur des "Leadership"."
Wahaa...was Herr Christ so alles kennt.
Keine Kultur des Leadership? --- Den "Führer" haben wir in Deutschland in der Moderne wieder eingeführt!----WIR!
Und deshalb hüten wir uns davor, so einen Mist nochmal zu beschwören.
Der Aufbau des Wahlkampfes in USA ist ein teures, schlechtes Kinderprogramm ---sonst nichts.
Und am Ende regiert dann ein drittklassiger Schauspieler, wie Reagan, weil er eine "Vision" heucheln konnte.
Wer das in Deutschland will, soll ins Kasperltheater gehen...
bissig Kroko
Intercity (18.10.2008, 21:18 Uhr)
Amerikanische Visionen
Interessant was der Autor ausführt. Doch es wird in USA überhaupt nicht wahrgenommen, dass sie über den Zenit sind. Nur mal ein Beispiel: Wie wollen die USA das riesige Leistungsbilanzdefizit überhaupt einmal abbauen? China hat dagegen einen
riesigen Überschuss und eine unterbewertete Währung. Diese Schieflage wird noch zu großen Spannungen führen. Und dabei wird die USA noch weiter absteigen.
Dann lieber eine langweilige Politik.
simie (18.10.2008, 21:14 Uhr)
etwas uninformiert
Man merkt schon, dass Herr Radon die deutsche Politik nicht unbedingt regelmäßig verfolgt, ansonsten wäre ihm aufgefallen, dass sich auch in Deutschland einiges bewegt. Die Vorhersage, dass das Deutschland in 10, 15 Jahren genau das Gleiche wie jetzt ist, ist schon sehr gewagt. Wenn man das Deutschland Mitte der 90er Jahre mit dem heutigen vergleicht, sind schon Unterschiede erkennbar (teilweise recht deutliche). Ähnlich wird es in 10 oder 15 Jahren aussehen.
Sicherlich ist der Politikstil ein gänzlich anderer, zu behaupten er wäre schlechter stimmt jedoch nicht. In jedem Land bilden sich landestypische Stile aus. Japan hat beispielsweise seit Jahrzehnten eine einzige dominierende Partei, in Frankreich ähneln die Parteien eher Zweckbündnissen, in Deutschland übernehmen die Parteien eine sehr tragende Rolle und in den USA wiederum haben einzelne Personen großen Einfluss. Jedes dieser Systeme
hat Vor- und Nachteile.
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