Barack Obama wird gefeiert wie ein Popstar. Ein Politiker! Das wäre in Deutschland wohl undenkbar. Das glaubt auch Jenik Radon, Finanzfachmann im Wahlkampf-Komitee von Obama. Der deutschstämmige Jurist sagt im Interview mit stern.de, warum er trotzdem notfalls in eine deutsche Partei eintreten würde. Von Sebastian Christ

Wahlkampf in Deutschland: Langweilig und ohne Spirit?© Michael Urban/ddp
Ich glaube, sie könnten etwas lernen. In den USA entscheiden sich Dinge öfter über die Person als über den Sachverhalt. Am Ende gleicht es der reelle Sachverhalt nie aus, man braucht Leute, die Entscheidungen treffen. Sie brauchen Beurteilungskraft. Das ist etwas, was man in den USA in den Vordergrund stellt: Man schaut die Person an und fragt sich, ob man der Person nicht nur einfach trauen kann, sondern ob er auch die Kraft hat, Entscheidungen zu treffen. Natürlich führt das auch zu den verkürzten Statements in den Medien. Aber in den USA kann so eben auch beurteilt werden, ob jemand eine Vision hat. Und das fehlt hier in Deutschland.
Der deutsche Stil ist zu oft: Der Manager fällt eine Entscheidung, und die anderen führen es aus. In Amerika wird eher eine Richtung vorgegeben, und jeder hat dann die Freiheit, es nach seinen Vorstellungen auszuführen. Deshalb geht bei uns im Wahlkampf vieles über den Charakter. Wir wollen beurteilen, was für ein Mensch es ist. Wir versuchen zu verstehen, was für einen Charakter er hat. Und erst wenn wir wissen, was für ein Mensch es ist, dann können wir sagen, ob er Leadership hat, ob er führen kann. Für das Parteiensystem heißt das: Es wird zu oft passiert, Dinge klarzustellen, und sich später dann an seine eigenen Worte zu halten. Das würde heißen, dass man die Probleme von morgen bereits kennt. Auf manche Sachen muss man eben reagieren, und da reicht eine Richtung. Die deutschen Politiker konzentrieren sich zu sehr auf die Tat, und nicht auf dir Richtung.
Deutschland überaltert, und natürlich hat niemand Lust, dieses unangenehme Problem allein zu lösen. Dabei müsste man einfach mehr Freiheit in das System geben, in ganz kleinen Schritten. Warum darf eine Frau eigentlich nicht ihr Kind mit ins Büro bringen? Man kann in dieser Frage nicht eine Antwort finden, sondern viele.
… aber es fehlt in Deutschland am Spirit. Wo geht die Welt hin? Meine Mutter, die aus Pommern stammt, hat sich diese Frage immer wieder gestellt: Warum sind wir auf dieser Welt? Wozu?
Das Wort ist hier wohl nicht sehr erwünscht.
Ich habe gesehen, dass ihm 200.000 Menschen in Berlin zugehört haben. Was ich nicht gelesen habe: Wie alt waren diese Leute im Schnitt? Ich würde vermuten, dass die Begeisterung für das Visionäre eher bei den jungen Menschen zu suchen ist, die Älteren ziehen nicht mit. Was hier falsch läuft: Man versucht hauptsächlich, den kleinen Mann durch ein soziales Netz abzusichern. Das unterstütze ich auch vollkommen. Aber die Visionäre, die was ganz Aufregendes machen, im akademischen und wirtschaftlichen bereich, die bekommen zu wenige Chancen.
…das ist auch etwas, was ich als sehr nachteilig empfinde. In den USA ist es nicht ungewöhnlich, dass der Chef 25 oder 30 Jahre alt ist, und Angestellte mit 50 oder 60 Jahren an ihn Bericht erstatten müssen. Warum soll das unvernünftig sein? Und das betrifft auch die Politik: Wenn ich mich selbst erst innerhalb einer Partei aufbauen muss, dann begrenze ich meine Begeisterung. Ich lerne, wie ein System funktioniert, und irgendwann kann ich auch nichts anderes mehr. Das ist ein den USA anders. Barack Obama hat vor vier oder fünf Jahren noch niemand gekannt. Er kam aus dem Nichts. Sein größter Vorteil in meinen Augen: Er begeistert Leute.
Ja, wir haben einen George W. Bush, und ich bin wahrlich kein Anhänger von ihm. Aber wenn ich auf meine Erfahrungen zurück schaue, dann ist es wirklich das erste Mal, dass es völlig daneben gegangen ist. In etwa 50 Jahren!
Wollen wir es so sagen: Bush hat das Vertrauen missbraucht, wenn er wirklich alles öffentlich anders dargestellt hat, als es seinem Wissensstand entsprach. Hat er falsche Informationen bekommen, dann ist das System falsch. Ich vermute, dass er nicht ganz mit offenen Karten gespielt hat. Ich persönlich war nie davon überzeugt, dass es diese Waffen gegeben hat.
Es ist ja allgemein bekannt, dass man verdammt ist, die Geschichte zu wiederholen - wenn man sie nicht kennt. Aber wenn man nur Geschichte lebt, kommt man nicht vorwärts. Ich hatte gehofft, dass diese Einstellung mit der Wiedervereinigung verschwinden würde, aber es scheint in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Ich glaube, dass die Deutschen sich deswegen beschränken und Dinge nicht schaffen, die sie schaffen könnten. Charisma und Spirit bewegen das Leben!
Wenn ich die deutsche Staatsbürgerschaft hätte, und hier leben würde, dann würde ich es vermutlich tun. Aber ohne große Begeisterung.
Ansonsten hätte ich nichts zu sagen. Jeder Mensch hat drei verschiedene Lebensbereiche: Das Privatleben, das Berufsleben, und, drittens: das öffentliche Leben. Meine Mutter hat anscheinend wirklich einen großen Einfluss auf mich gehabt: Wozu sind wir hier? Beschränke Dich nicht immer nur auf Dich selbst. Das hat mir meine Mutter aus Pommern beigebracht! Wenn das System es nicht anders erlaubt, als in einer Partei, dann trete ich natürlich in eine Partei ein.
Ich glaube ja. Wenn ich darüber nachdenke, wo Deutschland in zehn oder fünfzehn Jahren sein wird, dann wird es immer noch da sein, wo es jetzt ist.
Zur Person Jenik Radon, geboren 1946 in Berlin, ist Anwalt für Gesellschaftsrecht in New York. Seit 2002 lehrt er auch an der Columbia University. Radon ist Mitglied im "Tri-State Finance Committee" von Barack Obamas Wahlkampf-Team.