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Blind, Olympiasiegerin und Beraterin von Christian Ude

Verena Bentele ist seit ihrer Geburt blind - und Biathletin von Weltrang. Die Goldmedaillengewinnerin stieg dann ins Team des bayerischen SPD-Spitzenkandidaten Ude ein. Warum?

Von Hans Peter Schütz

Hoch dekoriert: Verena Bentele, hier mit der Bayerischen Verfassungsmedaille, unterstützt SPD-Spitzenkandidat Christian Ude im Wahlkampf.

Hoch dekoriert: Verena Bentele, hier mit der Bayerischen Verfassungsmedaille, unterstützt SPD-Spitzenkandidat Christian Ude im Wahlkampf.

Links sollte eigentlich strikt meiden. Und sofort die Kurve in die andere Richtung nehmen. Denn wegen der Aufforderung "Links!" erlebte sie den schlimmsten Tag in ihrer überaus erfolgreichen Karriere im Behindertensport. Bentele, 33, aufgewachsen auf einem Bio-Bauernhof in der Nähe von Tettnang am Bodensee, ist seit ihrer Geburt blind, sie kann nur hell und dunkel erkennen. Daher ist sie in ihren Disziplinen, Skilanglauf und Biathlon, auf einen Begleitläufer angewiesen. Dessen Zurufe geben ihr Orientierung, signalisieren Hindernisse oder Richtungswechsel.

"Links!" rief der damalige Begleitläufer im Januar 2009 auf der Deutschen Meisterschaft in beim 10-km-Langlauf. Verena folgte - und erlebte eine Höllenfahrt. Drei Meter tief stürzte sie in ein ausgetrocknetes Flussbett, das Kreuzband im Knie riss, kaputt die Kapseln in zwei Fingern, die Leber schwer verletzt. Und beschädigt auch eine Niere, die sie später im Krankenhaus verlor.

Ihr Begleiter hatte "links" und "rechts" verwechselt.

Trotz des Unfalls, der um ein Haar ihre glanzvolle sportliche Karriere beendet hätte - und der sie beim Gewinn einer der Goldmedaillen bei den Paralympics von Vancouver weinend jubeln ließ "Dass ich das hier noch erleben darf" - hört sie heute wieder auf "links". Intensiver sogar als jemals zuvor.

Denn Verena Bentele setzt ihre Karriere in der Politik fort, als Beraterin von , dem Spitzenkandidaten der bayerischen SPD bei der Landtagswahl in Bayern, die eine Woche vor der Bundestagswahl im September 2013 stattfindet. Sie will, wie sie sagt, das gute Gewissen der SPD sein. "Die Bürger müssen der SPD nur die Chance geben. Die anderen waren lange genug an der Macht und getan haben sie nichts!" Im Oktober 2012 holte Ude sie in ihr Team.

Christian Ude ist der "politische Mann" ihres Lebens. 2010 lernten sie sich kennen, als Ude ihr den Goldenen Ehrenring der Stadt München verlieh, eine Anerkennung ihrer sportlichen Erfolge. Da entfuhr ihr der Satz: "Ich glaube, Sie sind der einzige Mann, der mir je einen Ring überstreifen darf." Benteles Eltern, ebenfalls Gäste der Zeremonie, waren ziemlich entsetzt über den lockeren Schnabel ihrer Tochter. Ude offenbar nicht, schließlich nahm er sie später in sein Beraterteam für den Landtagswahlkampf auf.

Bentele, die gerne gesteht, "ich mag den Nervenkitzel", sieht die Szene heute als eine Art Traumstart in eine politische Beziehung. Zu stern.de sagt sie: "Ich kann mir gut vorstellen, das war der erste Punkt, wo Ude sich gesagt hat: Die merke ich mir, die ist schon ein bisschen anders". Im Rahmen der Olympia-Bewerbung Münchens für die Olympischen und die Paralympischen Winterspiele 2018 haben sie sich dann näher kennen und schätzen gelernt. Bentele: "Er ist ein sehr offener, gebildeter und eloquenter Mensch, der den Willen hat, sich in neue Themen reinzudenken."

Sie selbst sieht ihre Aufgabe – zuständig für die Bereiche Sport und Inklusion – ganz pragmatisch: "Christian Ude hat keine Behinderung und lernt viele Dinge jetzt aus meiner Perspektive kennen." Sie mache den Job als Beraterin aus großer Überzeugung, weil sie an Ude glaube. "Er ist ein sehr ehrlicher und authentischer Mensch, der keine Sachen verspricht, die er nicht halten kann - zum Beispiel barrierefreie Bahnhöfe in ganz Bayern in kürzester Zeit." Für die Supersportlerin, vierfache Weltmeisterschafts- und zwölffache Paralympics-Siegerin ist Wahlkampf wie eine Art Wettkampf. "Wir trainieren und treten an, um im September zu gewinnen." Auf den Einwand, dass die aktuellen Umfragen nicht darauf hindeuten, allen aktuellen CSU-Affären zum Trotz, antwortet sie kämpferisch: "Wer nicht daran glaubt, dass er gewinnen kann, der hat schon verloren." Politik sei mit Sport durchaus vergleichbar.

Das Engagement für Ude ist nicht ihre politische Premiere. Die baden-württembergische SPD hat sie 2010 und 2012 zur Bundespräsidentenwahl nach Berlin geschickt. Beide Mal hat sie ihr Kreuzchen in der Wahlkabine bei Joachim Gauck gemacht, dem rot-grünen Kandidaten. Eine Cousine begleitete sie. "Ich weiß, dass sie mir die richtige Stelle gezeigt hat." Heute ist sie stolz auf ihre Wahl. "Ich finde Gauck sehr gut. Denn er macht sein Amt auf sehr unaufgeregte, bedächtige Art. Ich hatte mir schon 2010 gewünscht, dass er gegen Christian Wulff gewinnt."

Ihr politischer Standort ist eindeutig. "Ich bin rot-grün gesprenkelt." Diese Kombination kennt sie gut von zuhause. Der Vater, der Biobauer, ist grün, die Mutter ist eher rot. Aber realistisch wie eine Sportlerin, die ihre Chancen ständig abschätzen muss, nun mal ist, weiß Verena Bentele, dass es in Bayern allenfalls in einer Dreierkoalition von SPD, Grünen und Freien Wähler zum Machtwechsel reichen kann. Zu einer Wette auf bestimmte Prozentzahlen lässt sie sich nicht überreden. Ihre Hauptaufgabe sieht sie darin, die Wähler zu ermutigen, überhaupt zur Wahl zu gehen. "Nur wer wählen geht, hat die Chance, etwas zu verändern."

In Sachen Sport will sie erreichen, dass es künftig im Freistaat wieder mindestens drei Stunden Schulsport gibt, "die auch stattfinden und nicht pausenlos ausfallen". Sie kann auch nicht verstehen, weshalb der Freistaat die Mittel für den außerschulischen Sport, also den Vereinssport von 52 Millionen Euro (2001) auf 42 Millionen (2010) gesenkt hat. Denn den Vereinssport hält sie für eine "Schule der Demokratie."

Sehr wichtig ist ihr aber auch das Thema "Inklusion". Das definiert sie mutig: "Inklusion bedeutet, dass wir die Gesellschaft von Anfang an so gestalten, dass es nicht eine Lebensform für Menschen mit Behinderung gibt und eine Lebensform für Menschen ohne Behinderung gibt." Menschen ohne Behinderung seien darauf angewiesen, dass ihnen Menschen mit Behinderung klar sagen, was sie brauchen. Hierfür tritt Verena Bentele an. Nicht so sehr um Ministerin zu werden, obwohl Ude schon einmal der Satz raugerutscht ist: "Ein eigenes Zimmer in der Staatskanzlei ist zugesagt."

Verena Bentele sagt, sie sei ein Mensch, der immer mal wieder die Herausforderung suche. Deshalb mache sie auch Wahlkampf. "Mein Sportlerherz braucht das". Ihrem Körper mutet sie ohnehin genug zu. 2013 bestieg sie den Kilimandscharo (5895 Meter), den höchsten Berg Afrikas und als erster blinder Mensch auch den Mont Meru (4562 Meter), einen Vulkangipfel in der Nähe. Demnächst radelt sie beim Radmarathon "Europa" mit. Von Trondheim nach Oslo. Schlappe 559 Kilometer. Oder sie eilt mal wieder zum Bungee-Springen in Hamburg, 50 Meter hinunter bis zum Hafenwasser. Verena Bentele will auch den Kick, den Nervenkitzel. Die bayerische Landtagswahl wir ihr genau das liefern.

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