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19. Mai 2009, 14:39 Uhr

Extremistische Gewalt ufert aus

Alarmierender Verfassungsschutzbericht: In Deutschland ist die Zahl politisch motivierter Straftaten im vergangenen Jahr dramatisch angestiegen. Besonders im rechten Spektrum registrierten die Verfassungsschützer eine zunehmende Gewaltbereitschaft. Zudem warnen sie vor Islamisten.

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Neonazi bei einer Demonstration in Köln: Die Verfassungsschützer registrierten 2008 einen deutlichen Anstieg rechtsradikaler Straftaten© Oliver Berg/DPA

Die rechtsextremistische Szene in Deutschland wird immer gewalttätiger. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes hat sich in den vergangenen Jahren ein autonomer Block von 400 bis 500 Neonazis herausgebildet, der bei Demonstrationen gezielt Randale anzettelt. Verfassungschutzpräsident Heinz Fromm sprach am Dienstag bei der Vorstellung des Jahresberichts seiner Behörde von einem "neuen Phänomen". Die Zahl rechtsextremistischer Gewalttaten stieg im vergangenen Jahr um 6,3 Prozent auf 1.042. Die Gesamtzahl der Straftaten erreichte mit 19.894 einen Höchststand.

Schäuble gegen NPD-Verbotsverfahren

Innenminister Wolfgang Schäuble will den Kampf gegen rechte Gewalt zum Schwerpunkt der Innenministerkonferenz in Bremerhaven Anfang Juni machen. Er verwies darauf, dass Neonazis in der NPD immer mehr Einfluss gewännen. Trotzdem lehnte er einen neuen Anlauf zu einem Verbot der rechtsextremistischen Partei ab. "Ich halte nichts davon, Verbotsverfahren zu betreiben, die auf tönernen Füßen stehen", sagte er.

Der CDU-Politiker verwies auf die hohen Hürden, die das Bundesverfassungsgericht für ein Verbot aufgestellt hat. Ein erstes Verbotsverfahren war 2003 gescheitert, weil ein Teil des Beweismaterials auf Informationen von V-Leuten des Verfassungsschutzes basierte. Die SPD-Innenminister hatten vor zwei Wochen einen neuen Vorstoß für einen Verbotsantrag gestartet und eine Materialsammlung vorgelegt, die die Verfassungsfeindlichkeit der Partei belegen soll.

Schäuble nannte die NPD zwar "besonders widerlich". Das Risiko des Scheiterns eines Verbotsverfahrens schätzt er aber weiterhin für zu hoch ein. Es wäre "eine ziemliche Werbeveranstaltung für die NPD" wenn die Partei vor dem Verfassungsgericht gewinnen würde. "Das ist ungefähr das Dümmste, was man machen kann, wenn man die NPD bekämpfen will", sagte er.

Spekulationen über einen baldigen finanziellen Kollaps der NPD wies Verfassungsschutzpräsident Fromm zurück. Er sehe "auf absehbare Zeit nicht", dass die schwere finanzielle Krise der NPD zu einer Handlungsunfähigkeit der Partei führen wird. Die Rechtsextremisten waren unter anderem wegen einer Strafzahlung an den Bundestag nach Abgabe eines fehlerhaften Rechenschaftsberichts in Schwierigkeiten geraten.

Besondere Sorge bereiten Schäuble und Fromm derzeit die "Autonomen Nationalisten", die zehn Prozent der gesamten Neonazi-Szene mit etwa 4800 Mitgliedern ausmachen. Als Beispiel für deren zunehmende Gewaltbereitschaft nannten sie Ausschreitungen bei Demonstrationen in Hamburg und Dortmund am 1. Mai 2008 und 2009. In Dortmund hatten in diesem Jahr rund 300 Rechtsextreme gezielt Teilnehmer einer DGB-Demonstration mit Holzstangen und Steinen angegriffen. Im Vorjahr war es in Hamburg zu Ausschreitungen gekommen.

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) nannte die Zunahme rechter Gewalt Besorgnis erregend. Die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes deckten sich mit den Erfahrungen der Polizei, "die zunehmend auch zur Zielscheibe rechter Gewalt wird", erklärte GdP-Chef Konrad Freiberg. Das Auftauchen der Nationalautonomen signalisiere, dass die rechte Szene nach dem Vorbild der Linksautonomen ihre Truppen für den Straßenkampf aufstelle und rüste.

Der Verfassungsschutzbericht bestätigte auch, dass die Bedrohung Deutschlands durch islamistische Terroristen eine neue Qualität erreicht hat. Fromm verwies darauf, dass in den vergangenen Monaten erstmals Terroristen Drohbotschaften in deutscher Sprache und direkt an Deutschland gerichtet im Internet verbreitet haben. Schäuble fügte hinzu, dass es in Deutschland ein "erhebliches islamistisches Personenpotenzial" gebe, zu dem auch Konvertiten gehörten.

Michael Fischer, AP
 
 
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