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25. Juni 2008, 15:35 Uhr

"SPD ist besser als jeder Deohersteller"

Ist die SPD ein Auslaufmodell? Hat sie ihre besten Tage hinter sich? Nein! Das sagt Werbeprofi Sebastian Turner im Interview mit stern.de. Sie müsste allerdings ein Thema finden, das die Menschen begeistert - und das nichts mit "Sozialismus" zu tun hat.

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"Beck hat absolut das Potenzial, den Draht zur Bevölkerung zu finden", glaubt Werber Turner© Picture-Alliance

Herr Turner, erste Frage an den Werbe-Profi: Ist die SPD als Produkt noch vermarktbar, oder ist sie schon längst ein Ladenhüter?

Ja natürlich, sie ist vermarktbar. Selbst bei den schlechtesten Umfragen ist ihr Marktanteil größer, als sich das ein Deohersteller vorstellen kann. Er liegt bei 20 Prozent und hat das Potential der Verdopplung. Vor gar nicht allzu langer Zeit hat die SPD in den Umfragen mehr als 30, zum Teil fast 40 Prozent gehabt.

Das war, bevor der Frust über die Agenda 2010 traditionelle SPD-Wähler scharenweise in die Arme der Linken getrieben hat. Zum bisher letzten Mal lag die SPD bei der Bundestagswahl 1998 über 40 Prozent.

Damals war die SPD die Alternative, wenn man der alten Regierung Kohl einen Denkzettel verpassen wollte. Das heißt: Sie bekam die Stimmen ihrer eigenen Anhänger - und derjenigen, die Kohl satt hatten. Jetzt ist das anders. Die SPD ist in der großen Koalition zu Kompromissen gezwungen und verliert dadurch Anhänger. Und die Unzufriedenen und Protestler haben auch einen neuen Hafen, sie laufen zur Linkspartei und den Grünen über.

... was aber nur funktioniert, wenn die Linkspartei im Westen ihren Protestkurs beibehält. Für die Linke kommt immer dann die Delle, wenn sie als Regierungspartei den Realitätstest macht. Auf Bundesebene steht das noch aus. Das ist ihr Glück. Einen ersten Vorgeschmack haben wir bei der Abstimmung über den neuen EU-Vertrag bekommen. Wenn das Wohl des deutschen Industriearbeiters von irgendwas abhängt, dann von offenen Märkten für unsere Exportwirtschaft. Und was sagen die Arbeiterfreunde von der Linken? Sie sind gegen den EU-Vertrag, der von linken Parteien in ganz Europa akzeptiert wird. (Die Linke veranlasste Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit dazu, sich im Bundesrat bei der Abstimmung über den Vertrag seiner Stimme zu enthalten, weil sie das Werk als "militaristisch" und "neoliberal" ablehnte, d. Red.). Die Linke gab es unter dem Namen PDS ja auch schon vor 2007. Selbst bei den Bundestagswahlen 1998 schafften sie den Sprung ins Parlament - mit einer festen Stammklientel im Osten. Als Regionalpartei ist die PDS-Linke für die SPD lästig, als gesamtdeutsches Phänomen ist es eine grundlegend neue Frage.

Die Westexpansion der Linken ist vor allem ein Projekt von Parteichef Oskar Lafontaine. Ein früherer SPD-Vorsitzender.

Er ist die Personifizierung dieses Dilemmas. SPD-Vertreter sagen: Das ist ein unverantwortlicher Demogoge. Der Wähler fragt zurück: Schlimm, schlimm - aber wie konnte so einer euer Vorsitzender werden? Und Finanzminister? Irgendwas stimmt da nicht. Jede Partei kann Lafontaine als Person angreifen - aber bei der SPD stellt sich immer die Frage, wie glaubhaft ist das. Für Historiker wird es interessant sein, zu untersuchen: Inwiefern war die Spaltung der politischen Linken das Ergebnis von zwei Männern auf Egotrip?

Nun hat die SPD ja nicht nur einen Gegenwarts- sondern auch ein Zukunftsproblem. Immer weniger junge Leute engagieren sich noch politisch, die Jusos haben nur noch 70.000 Mitglieder. Wie will die SPD denn künftig wieder den Nachwuchs an die Politik heranführen?

In der Tat, die SPD läuft zum zweiten Mal Gefahr, eine ganze Generation von politischen Talenten zum größten Teil zu verpassen. Schon die Grünen haben aus dem Potential der SPD gesaugt. Wer jung-ungestüm-leidenschaftlich und gerne auch idealistisch links fühlt, der hat heute drei Angebote, die in den Bundestag führen. Das Potenzial wird hier also gedrittelt, was für den alten Supertanker SPD immer ein Bedeutungsverlust ist.

Was müsste sich denn ändern?

Ich sehe da für die SPD zunächst zwei unerfreuliche Wege: Zur Zeit ist die SPD in vielen Fragen gespalten. Ein Teil ist für die Schröder-Reformen, einer dagegen. Ein Teil ist für Koalitionen mit der Linken, ein Teil dagegen. Gleiches gilt für Rente mit 67 oder auch ein Treffen mit dem Dalai Lama. Wenn die SPD unverändert immer zwei widersprüchliche Standpunte vertritt und es Parteien gibt, die homogen dafür oder dagegen sind, wird sie immer weiter verlieren. Also: Soll sie sich doch gefälligst entscheiden. Das aber hat auch massive Einbußen zur Folge - die Unterlegenen und ihre Anhänger könnten sich abwenden. In so schwierigen Situationen ist der - schmale, schwierige - Königsweg, ein großes, neues, umfassendes Thema zu finden und zu besetzen. Eine Opositionspartei greift da am liebsten zu so einem Zauberwort wie Wechsel - was sich auf Englisch noch verheissungsvoller anhört: In "Change" kann jeder hineindenken, was er will. Beim Thema "Mindestlohn" ist das nicht drin. Das ist als Thema zu klein und inhaltlich vermutlich auch zweischneidig.

Warum?

Bei einem vernünftigen Mindestlohn fliegt im Osten die letzte Friseurin aus der Festanstellung und die Leute schneiden sich gegenseitig zu Hause die Haare. Und dann kommt die Linke und sagt: Das war die böse SPD.

Die Jusos haben nun ein Papier präsentiert, in dem sie die Überwindung des Kapitalismus und die Einführung des Sozialismus fordern. Könnte das denn ein Ansatz sein?

Die SPD scheint vom Nachwuchs nicht nur weniger, sondern auch besonders Verträumte zu bekommen. Wenn Sozialismus so ein Bringer ist, dann hätte sich die PDS-WASG doch auch "Die Sozialisten" genannt. Tatsächlich ist bei denen das S-Wort weg. Markenstrategisch war das ein genialer Zug. Sozialismus ist im Westen nicht vermittelbar, er wird mit dem System der DDR assoziiert. Da mag es zwar Träumer geben, aber in den Köpfen von vielen Millionen Westdeutschen ist der Sozialismus Mangel, Gängelung und Bedrohung.

Viele junge Parteimitglieder sehen darin eine Konfrontationsmöglichkeit mit den Linken.

Linke Themen und Sozialismus sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Wenn die SPD die Linke links überholen wollte, wird sie feststellen: Da ist keine Straße mehr.

Viele Menschen sehnen sich heute nach den großen Politikerköpfen von früher. Sogar Gerhard Schröder galt ja noch als großer Wahlkämpfer - was viele von Kurt Beck nicht erwarten. Politiker sind vorher immer Würstchen und später Heroen. Auch Merkel und Kohl wurden erst verspottet. Nein, es ist ein anderes Problem als das der Köpfe. Es geht um Themen. Nebenbei bemerkt: Für mich hat Beck schon ganz zu Beginn seiner Amtszeit als Parteichef enorm an Sympathie gewonnen. Als er von einem Angetrunkenen auf einem Marktplatz angepöbelt wurde, und genauso reagiert hat, wie es handgestoppte 98 Prozent der Deutschen für richtig halten: Bevor du was verlangst, leiste wenigstens ein Minimum. Mit dem Rasieren und Waschen hat er das auch noch unübertroffen anschaulich gesagt. Beck hat absolut das Potenzial, den Draht zur Bevölkerung zu finden. Leider wird er immer wieder von seiner Partei zu Hanswurstiaden gezwungen. Das unterminiert seine Glaubwürdigkeit. Jedem anderen SPD-Vorsitzenden würde es genauso gehen, solange die Partei zerrissen ist. Gibt es denn nun ein Thema, mit dem die SPD dauerhaft aus ihrem Tief herauskommen könnte? Diese Frage kann ich nicht beantworten. Das hängt vom Ideenreichtum der Mitglieder ab, und von aktuellen Ereignissen. Dazu unterhalten die Parteien ja Stiftungen und Parteizentralen. Vielleicht könnte man sich in Zukunft aber auch Mühe geben, das nächste große Thema besser zu benennen. Die letzte große SPD-Vision trug die Registerbezeichnung eines Aktenordners: Agenda 2010.

Patient SPD Verliert die SPD den Charakter einer Volkspartei? Stürzt Parteichef Kurt Beck? Warum verlieren die Jusos immer mehr Mitglieder? stern.de untersucht in einer neunteiligen Artikelserie den Zustand der SPD. Die Artikel werden in den kommenden drei Wochen in loser Reihenfolge publiziert.

Zur Person

Zur Person Sebastian Turner ist einer der bekanntesten deutschen Werbeprofis. Er gilt als Urheber des Slogans "Wir können alles - außer Hochdeutsch", mit dem das Land Baden-Württemberg für sich wirbt. Turner ist Vorstand des Art Directors Club Deutschland.

Eine große Analyse

Eine große Analyse ... der SPD lesen Sie im aktuellen stern

Interview: Sebastian Christ
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Gernspieler (12.06.2008, 17:24 Uhr)
Stern-ein Anti-SPD-Kampfblatt?!
Was ist nur aus dem STERN geworden? Jahrzehntelang meine Lieblings-Wochenlektüre ist sie klammheimlich zum Anti-SPD-Kampfblatt mutiert. Ich habe mein Abo vor Monaten abbestellt, weil ich diese unseriöse SPD-Hetze nicht mehr finanzieren will.
Dass die SPD es in Zeiten der Globalisierung als Regierungspartei schwer hat, ihr Wählerpotential richtig zu bedienen, ist klar.
Dass aber zwischen Umfragen und Wahlergebnissen Welten liegen können, scheint den STERN nicht zu interessieren. Wer dann noch alles zur Situation der SPD gefragt wird, da kann ich mich ja wirklich kaputtlachen!
Die Krise der SPD geht mit der Krise des einstmals informativen STERN einher.
nightmare_online (12.06.2008, 16:36 Uhr)
Vergleiche
Die Parteienlandschaft hier und anderswo verhält sich nicht viel anders wie die Tierwelt. Jede Art hat ihre ökologische Nische. Verlässt sie diese, bekommt sie ein Konkurrenzproblem. Und potentiell ein Existenzproblem.
Ebenso hat jede Partei ihre potentielle Zielgruppe. Wenn sie diese nicht mehr vertritt, werden sich die Wähler Parteien zuwenden, die dies ihrer Meinung nach tun.
Andererseits gewinnt die entsprechende Partei aus ihrer neuen Zielgruppe sehr viel schwerer Wähler.
Wen vertritt die SPD? Wenn man mich fragt: Niemand.
Den sprichwörtlichen "kleinen Mann" jedenfalls seit der Gerd-Show nicht mehr. Was aktuell passiert ist schlicht und ergreifend primär Effekt der Politik während der Gerd-Show (auch wenn die Rolle des Dilettantismus der aktuellen Führung nicht zu negieren ist).
Vergleicht man die Entwicklung der SPD hier in D mit der Entwicklung von Labour in GB, so verläuft diese weitgehend parallel. Und das ist kein Zufall. Beide Parteien versuchten (Schröder-Blair-Papier) die "politische Nische" zu wechseln. Und beide scheinen damit auf die Nase zu fallen.
Asteriskina (12.06.2008, 16:14 Uhr)
Das Floß SPD
Zitat: "Die letzte große SPD-Vision trug die Registerbezeichnung eines Aktenordners: Agenda 2010."
-------
Genau, das war der Grund, warum der mächtige Tanker SPD zu einem morschen Floß wurde, das jeden Moment zu kentern droht. Und nicht etwa interne Personalien, sie sollen nur vom eigentlichen Leck ablenken. Ist jedoch der Grund des Lecks erst erkannt, könnte es an die Arbeit gehen. Zunächst muss das Leck repariert werden und das heißt: Wieerherstellung einer sozialen Marktwirtschaft und eines Arbeitsmarktes, der diesen Namen verdient.
Der_Zufriedene (12.06.2008, 16:09 Uhr)
Respekt,
eine wirklich gute und realitätsnahe Betrachtung durch Herrn Turner! Lust auf Politik!? :o)
acenes (12.06.2008, 16:05 Uhr)
Das PDS-Original wählen!!!
Wählt die PDS, das Original, dann müsst ihr euch nicht mit solchen unfähigen Laien-Politikern wie Fett-Gabriel und Fett-Beck abgeben.
NeuerMensch (12.06.2008, 15:47 Uhr)
@stern00
"Da ist jemand tatsächlich stolz darauf, die serbischen Massaker zu der Zeit lieber nicht verhindert haben zu wollen"
Gibt es tatsächlich noch Leute, die die alte Kriegspropaganda von damals immer noch glauben? Bei Google-Video mal nach 'es begann mit einer Lüge' bzw. 'it started with a lie' suchen. Tolle Doku über die Kriegpropaganda Deutscher Politiker mit entlarvenden Originalbildern und Statements von OSZE-Beobachtern und -Kommisaren vor Ort.
stern00 (12.06.2008, 15:43 Uhr)
Es kann einem Grausen wenn man liest..
"Die SPD hörte auf , als sie Bomber nach Belgrad schickte, ..."
Da ist jemand tatsächlich stolz darauf, die serbischen Massaker zu der Zeit lieber nicht verhindert haben zu wollen.
Naje, man sieht wes Geistes Kind der typische "Die Linke" Wähler ist.
Holger566 (12.06.2008, 15:13 Uhr)
Cool, die SPD ist eine Marke
Sogar eine bessere als jedes Deo. Liegt bestimmt am Bekanntheitsgrad.
Die SPD war mal eine Partei, welche antrat das Leben der arbeitenden Menschen zu verbessern. Sie war die Schutzmacht des kleinen Mannes, welche der Ausbeutung der " Mächtigen" ausgesetzt waren. Der erste Riss kam 1914 als man mit dem Kaiser in den Krieg zog. Die anschließende Spaltung nur konsequent. Die SPD hörte auf , als sie Bomber nach Belgrad schickte, US Bomber von Ramstein zum Irak fliegen ließen und letztendlich die Arbeitnehmer, Rentner und Schwachen der Gesellschaft mit ihrer Agenda 2010 verrieten.
Wie wäre es mit einem Deo "SPD"?
Man bekommt beim "Hartz IV Amt" bestimmt sofort einen freien Sitzplatz und hat viel Platz um sich herum.
ganzbaf (12.06.2008, 15:10 Uhr)
"Nichts mit...

Sozialismus"...?
Warum?
.
Artikel 20
(1)Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
.
Obacht. Sonst "Widerstand"... (-;
Marty_D (12.06.2008, 15:07 Uhr)
im großen und ganzen
müssen wir nur darauf achten das weder die extremen von rechts noch von links das rennen machen.
Die SPD ist doch voll mittig unterwegs, super! Endlich nicht mehr ganz so sozialistisch! Links oder Rechts? da bleibt doch nur die mitte! Unsere Freiheit darf nicht noch mehr in Gefahr geraten!
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