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5. März 2010, 20:13 Uhr

Erst 2012 wieder freie Fahrt

Vereiste Gleise, kaputte Achsen, schlampige Wartung - die Bahn kommt seit Monaten nicht aus den Schlagzeilen. stern.de hat "Pro Bahn"-Chef Naumann gefragt, wie lange wir uns noch mit der Problembahn rumschlagen müssen.

© Karl-Peter Naumann Karl-Peter Naumann, 60 ... ist seit 1996 Chef des Fahrgastverbandes "Pro Bahn" und Vizevorsitzender der "Allianz pro Schiene". Er ist seit den 80er Jahren verkehrspolitisch aktiv und war Gründungsmitglied des Verkehrsclub Deutschland.

Herr Naumann, Bitte vervollständigen Sie den folgenden Satz: Denke ich an die Bahn in der Nacht…

…dann werde ich manchmal um den Schlaf gebracht.

So klassisch?

Ja, weil eben viel im System Bahn nicht funktioniert.

Derzeit häufen sich die Ausfälle. Woran liegt's? War's Sturmtief Xynthia, die Technik oder das Geld?

Zum einen ist die Technik nicht so zuverlässig, wie sie sein soll. Die Industrie muss funktionierende Fahrzeuge abliefern und sie nicht nur versprechen. Der zweite Punkt: Die Politik hat jahrzehntelang den Ausbau der Bahn vernachlässigt, das führt zu Engpässen und Verspätungen. Wenn aber riesige Schneemengen runterkommen und Bäume umfallen, kann die Bahn daran genauso wenig ändern wie der Autofahrer.

Machen wir es konkret: Wo haben die Bahnfahrgäste dieses Jahr Behinderungen zu erwarten?

Dauerbrenner sind die Berliner S-Bahn und das Problem mit den ICE-Achsen, das bis 2012 weiter bestehen wird. Das heißt, bis dahin müssen mehr Züge gewartet werden als geplant. Deswegen ist das Kontingent fahrbereiter Züge sehr knapp. Betroffen sind die Hauptstrecken der ICE-Züge, besonders kritisch beispielsweise ist die Strecke Köln-Frankfurt, weil dort ausschließlich ICE-Züge der Baureihe drei fahren können. Aber auch bei allen Neigezügen im Regionalverkehr gibt es Probleme.

Was können die Gäste tun - ihr Geld zurück fordern?

Es gibt ja die gesetzlich verbrieften Fahrgastrechte. Das heißt: Ab einer Stunde Verspätung kriegt man 25 Prozent des Fahrpreises zurück. Wenn ein Zug ausfällt, hängt es davon ab, wann der nächste Zug fährt. Wenn er in 10 Minuten kommt, ist das ja relativ harmlos. Wenn ich aber über Berlin nach Rostock will und zwei Stunden später dort bin, dann habe ich den Anspruch, 50 Prozent wiederzubekommen. Oder ich breche die Reise ab und bekomme dann 100 Prozent zurück.

Angeblich fehlen der Bahn 500 Millionen Euro jährlich für den Ausbau ihres Schienennetzes. Stimmt das?

Der Bedarf ist eher noch höher. Die Bahn braucht insgesamt 5 Milliarden Euro pro Jahr - bekommt aber zurzeit nur 3,7 Milliarden. Davon geht ein großer Teil in die Bestandsinvestition und der kleinere Teil in den Neuausbau, das ist bei weitem zu wenig.

Spiegeln die Zahlen für den Ausbau nicht vor allem das Wunschdenken von Politikern, die in ihrem Wahlkreis die bestmögliche Anbindung haben wollen?

Nein. Wenn Sie nur die sinnvollen Projekte auf den Wunschlisten nehmen, kommen Sie auf einen Betrag von etwa 30-40 Milliarden für Projekte der nächsten 10-15 Jahre. Heißt: Man bräuchte für den Ausbau des Netzes mindestens 2 Milliarden jährlich.

Ist das überhaupt realistisch?

Die Politik muss einfach Prioritäten setzten. Es gibt drei Bereiche, in die man Geld stecken muss: In die Ausbildung, in die Infrastruktur und in die Forschung. Wenn ich das nicht tue, mache ich Arbeitsplätze unsicher und habe in Zukunft ein großes Problem.

Wenn Sie streichen müssten - was würden Sie streichen? Ist Stuttgart 21 überhaupt noch finanzierbar und vertretbar?

Stuttgart 21 ist sicherlich extrem problematisch. Das Projekt zu streichen würde insgesamt etwa 2 Milliarden bringen. Es löst aber nicht das Gesamtproblem. Ich plädiere dafür, erstmal eine Zielvorstellung zu entwickeln, wie das Bahnnetz in 2020 aussehen soll. Daraus ergibt sich, wo ausgebaut werden muss. Die Schweizer haben das beispielsweise gemacht und haben jetzt ein recht gutes Netz.

Wenn die Finanzen nicht stimmen: Kommt es in Zukunft zum "Verkehrsinfarkt", wie manche Oppositionspolitiker befürchten?

Das ist in manchen Gebieten eine durchaus realistische Befürchtung.

Hat Ramsauer einen Plan, die Bahn wieder in Schuss zu bringen?

Es gibt zumindest Ideen. Er will den sogenannten "Deutschlandtakt" von einem externen Unternehmen durchrechnen lassen. Ich hoffe, das setzt er auch um. Und er hat ja auch schon mehrfach geäußert, dass man die Bahn fördern muss. "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube", heißt es ja bei Goethe.

Eine zweite Großbaustelle ist die Berliner S-Bahn. Sie liefert nur noch ein "Rumpfangebot". Sind die Berliner von der Bahn finanziell ausgequetscht worden?

Bei der Berliner S-Bahn ist es so, dass die Räder und Achswellen der Züge nicht vernünftig vom Hersteller gefertigt worden sind. Dafür kann man die Bahn nicht in Haft nehmen. Auf der anderen Seite gibt es andere problematische Führungsfehler: Schließung der Werkstätten, übermäßige Rationalisierung, da fehlte es an Verstand.

Seite 1: Erst 2012 wieder freie Fahrt
Seite 2: Wer ist denn nun schuld: die Hersteller oder die Bahn?
 
 
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