Vereiste Gleise, kaputte Achsen, schlampige Wartung - die Bahn kommt seit Monaten nicht aus den Schlagzeilen. stern.de hat "Pro Bahn"-Chef Naumann gefragt, wie lange wir uns noch mit der Problembahn rumschlagen müssen.
…dann werde ich manchmal um den Schlaf gebracht.
Ja, weil eben viel im System Bahn nicht funktioniert.
Zum einen ist die Technik nicht so zuverlässig, wie sie sein soll. Die Industrie muss funktionierende Fahrzeuge abliefern und sie nicht nur versprechen. Der zweite Punkt: Die Politik hat jahrzehntelang den Ausbau der Bahn vernachlässigt, das führt zu Engpässen und Verspätungen. Wenn aber riesige Schneemengen runterkommen und Bäume umfallen, kann die Bahn daran genauso wenig ändern wie der Autofahrer.
Dauerbrenner sind die Berliner S-Bahn und das Problem mit den ICE-Achsen, das bis 2012 weiter bestehen wird. Das heißt, bis dahin müssen mehr Züge gewartet werden als geplant. Deswegen ist das Kontingent fahrbereiter Züge sehr knapp. Betroffen sind die Hauptstrecken der ICE-Züge, besonders kritisch beispielsweise ist die Strecke Köln-Frankfurt, weil dort ausschließlich ICE-Züge der Baureihe drei fahren können. Aber auch bei allen Neigezügen im Regionalverkehr gibt es Probleme.
Es gibt ja die gesetzlich verbrieften Fahrgastrechte. Das heißt: Ab einer Stunde Verspätung kriegt man 25 Prozent des Fahrpreises zurück. Wenn ein Zug ausfällt, hängt es davon ab, wann der nächste Zug fährt. Wenn er in 10 Minuten kommt, ist das ja relativ harmlos. Wenn ich aber über Berlin nach Rostock will und zwei Stunden später dort bin, dann habe ich den Anspruch, 50 Prozent wiederzubekommen. Oder ich breche die Reise ab und bekomme dann 100 Prozent zurück.
Der Bedarf ist eher noch höher. Die Bahn braucht insgesamt 5 Milliarden Euro pro Jahr - bekommt aber zurzeit nur 3,7 Milliarden. Davon geht ein großer Teil in die Bestandsinvestition und der kleinere Teil in den Neuausbau, das ist bei weitem zu wenig.
Nein. Wenn Sie nur die sinnvollen Projekte auf den Wunschlisten nehmen, kommen Sie auf einen Betrag von etwa 30-40 Milliarden für Projekte der nächsten 10-15 Jahre. Heißt: Man bräuchte für den Ausbau des Netzes mindestens 2 Milliarden jährlich.
Die Politik muss einfach Prioritäten setzten. Es gibt drei Bereiche, in die man Geld stecken muss: In die Ausbildung, in die Infrastruktur und in die Forschung. Wenn ich das nicht tue, mache ich Arbeitsplätze unsicher und habe in Zukunft ein großes Problem.
Stuttgart 21 ist sicherlich extrem problematisch. Das Projekt zu streichen würde insgesamt etwa 2 Milliarden bringen. Es löst aber nicht das Gesamtproblem. Ich plädiere dafür, erstmal eine Zielvorstellung zu entwickeln, wie das Bahnnetz in 2020 aussehen soll. Daraus ergibt sich, wo ausgebaut werden muss. Die Schweizer haben das beispielsweise gemacht und haben jetzt ein recht gutes Netz.
Das ist in manchen Gebieten eine durchaus realistische Befürchtung.
Es gibt zumindest Ideen. Er will den sogenannten "Deutschlandtakt" von einem externen Unternehmen durchrechnen lassen. Ich hoffe, das setzt er auch um. Und er hat ja auch schon mehrfach geäußert, dass man die Bahn fördern muss. "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube", heißt es ja bei Goethe.
Bei der Berliner S-Bahn ist es so, dass die Räder und Achswellen der Züge nicht vernünftig vom Hersteller gefertigt worden sind. Dafür kann man die Bahn nicht in Haft nehmen. Auf der anderen Seite gibt es andere problematische Führungsfehler: Schließung der Werkstätten, übermäßige Rationalisierung, da fehlte es an Verstand.