Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

"Er hat die Häme nicht verdient"

Nachdem er bei einer Kontrolle mit Drogen aufgegriffen wurde, hat der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck seine Ämter in der Fraktion niedergelegt. Doch die Presse mahnt, Beck als Menschen dennoch zu respektieren.

Volker Beck

Der innenpolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck, hat seine Ämter in der Fraktion niedergelegt. Er wurde von der Polizei mit Rauschgift aufgegriffen.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck ist über schwere Drogen-Vorwürfe gestolpert. Die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigte am Mittwoch den Fund eines verdächtigen Stoffs bei dem 55-Jährigen. Beck sei am Dienstag bei einer Polizeikontrolle in Berlin mit 0,6 Gramm "einer betäubungsmittelverdächtigen Substanz" aufgefallen, sagte der Sprecher der Behörde, Martin Steltner, am Mittwoch der dpa. Die "Bild"-Zeitung hatte als erstes über den Vorfall berichtet. Dem Blatt zufolge soll es sich bei dem Fund um die synthetische Droge Crystal Meth handeln. Beck äußerte sich nicht näher zu den Vorwürfen, erklärte aber, dass er seine Ämter in der Fraktion zur Verfügung stelle. Hier ein Blick in die Presselandschaft:

"Tagesspiegel"

"Ja, Beck ist ein Moralist - und er kann kräftig austeilen. Doch ihm das nun spöttisch vorzuhalten, verbietet sich ebenso, wie das Aufkommen von Schadenfreude im Fall von Margot Käßmann falsch war. Nachsicht wiederum, aufgrund privater Schicksalsschläge oder seines Einsatzes für viele gute Anliegen, mag eine verständliche Reaktion sein, bietet aber keine solide Grundlage für das Geltendmachen mildernder Umstände. Gesetzesverstöße müssen auch dann sanktioniert werden, wenn einem der Delinquent sympathisch ist. Wenn andere durch plagiierte Doktorarbeiten ihre Ämter verlieren, kann der Konsum harter Drogen nicht wie ein Kavaliersdelikt behandelt werden. Allerdings: Volker Beck viel Kraft zu wünschen für die Zeit, die jetzt vor ihm liegt, ist ein Gebot der Menschlichkeit." 

"Süddeutsche Zeitung"

"Eine Menge Häme wird über ihm ausgekippt werden. Er hat sie nicht verdient. Volker Beck hat seine politische Karriere 1987 als Schwulenreferent bei den Grünen begonnen, seit mehr als 20 Jahren ist er Bundestagsabgeordneter. Er hat sich aufgerieben, wenn es um den Schutz von Minderheiten ging. Dieser politische Hochbetrieb geht nicht spurlos an einem Menschen vorbei. (...) All das rechtfertigt nicht, Drogen zu nehmen, die aus gutem Grund verboten sind. Deshalb ist es auch richtig, wenn er sein Amt als innenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion niederlegt. Nicht richtig wäre es jetzt, den Menschen Volker Beck abzuurteilen."

"Thüringer Allgemeine"

"Beck zeigte sich in der Vergangenheit immer als ein eloquenter Streiter für Dinge, die er als richtig und wichtig erkannt hat. Da kann er in eigener Sache nicht schweigen, wenn er etwas als Fehler erkannt hat, zumal als Bundestagsabgeordneter."

"Rheinische Post"

"Wieder ist ein Politiker in den dringenden Tatverdacht geraten, illegale Drogen zu konsumieren. Diesmal hat es den bekannten Kölner Grünen-Politiker Volker Beck getroffen. Das ist keine Kleinigkeit, denn der Innenpolitiker gehört zu den profiliertesten Vertretern der Grünen-Fraktion. Der schnelle Rückzug Becks von seinen Ämtern in der Fraktion ist folgerichtig. Wer sich um die innere Sicherheit kümmert, muss über jeden strafrechtlichen Zweifel erhaben sein. Auch über sein

Bundestagsmandat sollte Beck nachdenken. Es gilt für ihn zwar die Unschuldsvermutung. Außerdem muss ein Bundestagsausschuss über die Aufhebung der Immunität entscheiden. Wenn aber die Beweislage erdrückend wird, ist es im Interesse seiner Wähler besser, Beck legt sein Mandat nieder und bereitet sich auf ein mögliches Strafverfahren vor. Seine politische Glaubwürdigkeit hat schon jetzt gelitten. Doch man sollte auch nicht den Stab über Beck brechen. Er hat womöglich einen Fehler begangen, aber er ist kein Verbrecher, selbst wenn sich der Verdacht erhärten sollte. Stattdessen lohnt es sich, über das Verhältnis der Politik zu Drogensucht nachzudenken. Da scheint einiges im Argen zu liegen."

"Neue Osnabrücker Zeitung"

"Scharfsinnig, aber oft auch spitzfindig kämpfte Volker Beck für die gleichgeschlechtliche Ehe, machte sich polemisch über die Schweinefleisch-Schutzpläne der CDU lustig und stand, so ist zumindest einem alten Aufsatz über Pädophilie zu entnehmen, neben bewusstseinserweiternden auch sexuellen Freiheiten unangenehm offen gegenüber. Nun also gab Beck seine Ämter ab. Er machte dies schnell und ohne zu lamentieren, was Respekt verdient. Eine Erklärung mag sein, wenn auch keine Entschuldigung: Beck hat das richtige Maß auch an anderer Stelle nicht gekannt. Er war Hochleistungspolitiker, hat sich aufgerieben, hat übertrieben, war ständig auf Twitter aktiv, oft auf Reisen, streitlustig, stets ansprechbar. Ein politischer Rockstar, mitsamt den Lastern dieses Genres."

"Wiesbadener Kurier"

"Der Besitz von Crystal Meth ist auch mit grüner, liberaler Drogenpolitik nicht in Einklang zu bringen. Der Rücktritt von den Fraktionsämtern war für den langjährigen Abgeordneten daher unumgänglich. Vor allem als Innenpolitiker hätte Beck, in dieser Funktion auch für Gesetze zur Kriminalitätsbekämpfung zuständig, nicht mehr glaubwürdig agieren können. Schuldig oder nicht - mit einer politischen Dummheit hat Beck seiner Partei, zehn Tage vor drei wichtigen Landtagswahlen, einen Bärendienst erwiesen."

"Kölner Stadt-Anzeiger"

"Es war ein unvermeidlicher Schritt des Grünen-Spitzenpolitikers Volker Beck, von seinen Fraktionsämtern zurückzutreten, nachdem die Polizei ihn mit illegalen Drogen erwischt zu haben glaubt. Denn die offenbar illegale Beschaffung eines Rauschmittels ist nicht vereinbar mit dem Amt des innenpolitischen Sprechers im Bundestag, in dem man ausgerechnet an Gesetzen zur Kriminalitätsbekämpfung arbeitet. Beck hat einen großen politischen Fehler begangen. Seine Rolle als parteiübergreifend respektierter Elder Statesman seiner Partei, in die er durch seinen Einsatz für die Gleichberechtigung Homosexueller und für die deutsch-jüdische Aussöhnung gerade hineinwuchs, dürfte nun perdu sein."

amt/DPA/AFP
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools