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Interview

"Hin und wieder hat es im Kabinett Kohl schwer gekracht"

Widerworte hat er respektiert, Illoyalität gehasst – Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe spricht im stern-Interview über die späten Bonner Jahre Helmut Kohls.

Helmut Kohl und Volker Rühe

Volker Rühe war in den 90er Jahren Verteidigungsminister im Kabinett von Helmut Kohl

Herr Rühe, Sie waren unter drei Jahre lang CDU-Generalsekretär und dann, von 1992 bis 1998, Verteidigungsminister und dabei einer der wenigen, die dem Kanzler auch mal Paroli geboten haben. Hat ihm das imponiert?

Er hat es respektiert, wenn ich auch mal unabgestimmt vorangeprescht bin.

Gab es Momente, in den Sie sich auf  Augenhöhe gefühlt haben?

Nicht auf Augenhöhe, auch wenn man als Generalsekretär sehr nah mit dem Parteichef zusammenarbeitet. Kohl wollte damals mit mir das Signal setzen, dass die Partei nicht nach rechts rückt – nachdem mit das Vertrauensverhältnis zerstört war. Ich habe mich dann dazu bereit erklärt, obwohl es eher nicht meinem Fähigkeitsprofil entsprach.

Es wurde auch schon mal gebrüllt.

Ja, das ist richtig. Wenn kein anderer dabei war, dann ging das auch. Auch die Wortwechsel Kohls mit seinem Berater Horst Teltschik hatten es in sich. Der hat dann  oft die Tür hinter sich zugeschmissen. Solche Leute fehlen heute vielleicht auch in der Politik.


Kohl war in dieser Hinsicht nicht nachtragend?

Nein. Wenn er gemerkt hat, dass es nichts mit Illoyalität zu tun hat. Nachtragend war er, wenn sich jemand illoyal verhalten hat. Aber Kohl hatte ein Gespür dafür, dass es in der Politik Gewicht und Gegengewicht geben muss. Und er hatte begriffen, dass jeder, der an der Spitze ist, Leute braucht, die einem widersprechen.

Und damit sind Sie im persönlichen Verhältnis gut gefahren?

Ja. Ich habe beispielsweise die Nato-Öffnung nach Polen und schon in den frühen 90er Jahren angestrebt. Da hat er mir zweimal gesagt: "Halt Dich da raus. Der russische Präsident Jelzin hat sich über Dich beschwert." Er hat meine Position aber respektiert, weil er registriert hat, dass es keine Illoyalität war.

Als Verteidigungsminister sind Sie mal mit dem direkt vorm Kanzleramt gelandet. Das soll ihm nicht so gut gefallen haben.

Das stimmt. Ich hatte auf der Hardthöhe noch den argentinischen Verteidigungsminister zu Gast. Und die Zeit bis zur Kabinettssitzung war knapp. Dann haben mir meine Leute gesagt: "Du musst jetzt mit dem Hubschrauber runterfliegen, sonst kommst Du nicht pünktlich." Die Hubschrauber-Besatzung ist dann irrtümlicherweise direkt neben der Plastik von Henry Moore gelandet. Dann hat Kohl mich schwer angemacht, als ich in die Sitzung kam.

Und Sie haben zerknirscht Ihren Fehler eingeräumt?

Nee. Ich habe gesagt: "Ich bin nur die Vorhut, die Fallschirmjäger kommen etwas später." Das hat dann die Atmosphäre ein bisschen gelockert.

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Es waren die späten Jahre der Bonner Republik. Wie lief in dieser Zeit eine typische Kabinettssitzung unter Kohl?

Vieles war vorher geklärt, in Vier-Augen-Gesprächen. Aber hin und wieder hat es schon schwer gekracht. Einmal hat Kohl Post-Minister Christian Schwarz-Schilling in den Senkel gestellt. Kohl hatte sich aufgeregt, dass die Telefonhäuschen in Magenta gefärbt waren. Er konnte sich nur gelbe Telefonhäuschen vorstellen. Der arme Schwarz-Schilling kam gar nicht mehr zu Wort. Angela Merkel hat mal eine Kabinettssitzung weinend verlassen. Und den FDP-Außenminister Klaus Kinkel hat er hart angegangen. Aber er hatte dann immer wieder die Fähigkeit, Versöhnung herbeizuführen.  

Im Kabinett saß auch die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel. Unvorstellbar damals?

Ja, absolut. Sie hat sich in jener Zeit im Kabinett sehr zurückgehalten. Dass Merkel weitergehende Ambitionen hatte, ist erst in ihrer Zeit als Generalsekretärin aufgefallen.

In den späten 90ern entstand eine "Kohl-muss-Weg-Stimmung" im Land, die letztlich zur ersten Rot-Grünen Koalition unter Gerhard Schröder geführt hat. Hat Kohl das gespürt?

Ja, das hat er. Ich bin häufig mit ihm in Bonn vom Kanzleramt durch den dunklen Park zum Bungalow gelaufen. Da hat er oft davon geredet, dass er als Kanzler nach Berlin wollte. Das war für ihn ganz wichtig. In den späten Jahren haben wir viel über Bismarck gesprochen. Konrad Adenauer hatte er da ja zeitlich schon überholt.

Einer der wesentlichen Beweggründe Kohls für eine weitere Kandidatur 1998 war, dass er niemand anders zugetraut hat, den Prozess der Euro-Einführung erfolgreich zu begleiten. Ein Fehler?

Er hat in der Tat gedacht, dass es niemand anders durchsetzen konnte. Es gab ja im Volk große Skepsis die D-Mark aufzugeben. Für Kohl war der Euro aber die Voraussetzung für eine weitere Vertiefung der Europäischen Union. Er sah sich in der Pflicht, trotz dieser spürbar negativen Stimmung ihm gegenüber wieder zu kandidieren.

Hat er seinen Herausforderer Gerhard Schröder ernst genommen?

Ja, vor allen auch wie Schröder es geschafft hat, mit seinem Erfolg in Niedersachsen SPD-intern seinen Kontrahenten Oskar Lafontaine aus dem Rennen zu werfen. Aber Kohl hatte auch dieses Gefühl, dass die Sozialdemokraten in all den Jahren nicht richtig auf die Deutsche Einheit vorbereitet waren. Deswegen hat er Schröder wahrscheinlich auch ein bisschen unterschätzt.

Empfand er seine Abwahl als ungerecht?

Nein, er hat sich nicht weiter beklagt. Auch intern nicht. Ich habe am Abend der Wahlniederlage noch lange bei ihm im Kanzleramt gesessen, Wolfgang Schäuble war auch dabei. Da war jedenfalls keine Depression. Und öffentlich hat er seine Wahlniederlage dann auch sehr schnell eingeräumt.

Ein gutes Jahr nach dem Machtverlust traf die CDU-Spendenaffäre die Partei wie ein Keulenschlag. Damit waren auch Ihre Chancen dahin, ab 2000 Ministerpräsident in Schleswig-Holstein zu werden. Sauer auf Kohl?

Zu dem Zeitpunkt? Absolut. Ich hadere aber heute nicht mehr mit ihm, weil ich ihm sehr viel zu verdanken habe. Ich habe ihn vor zwei Jahren noch einmal in Oggersheim besucht. Da hatte mich seine Frau gefragt: "Sind Sie uns noch böse?" Da habe ich nein gesagt.

Warum?

Kohl hatte mich als Hamburger CDU-Mann gefördert, obwohl ihm das machtpolitisch gar nichts gebracht hat. Das hat er mit anderen auch gemacht, einfach, weil er geglaubt hat, sie wären für die CDU gut. Aber es stimmt: Ich hätte die Wahl glasklar gewonnen. Ich lag vor Bekanntwerden der Affäre in den Umfragen bei 48 Prozent.

Die CDU musste "schwarze Konten" einräumen und Kohl weigerte sich bis zu seinem Tod, die Namen der anonymen Spender zu nennen. Ein klarer Rechtsbruch.

Es gibt Spezialisten, die das womöglich beantworten können. Dazu gehöre ich nicht. Wolfgang Schäuble glaubt ja felsenfest, dass es überhaupt keine Spender gab. Vielleicht ist es so. Vielleicht auch nicht.

Für eine kurze Zeit sah es danach aus, als ob sich die CDU davon nicht mehr erholen könnte. Hatten Sie damals Angst um die Zukunft der CDU?

Es war eine harte Zeit. Aber Existenzangst um die CDU hatte ich nicht, dazu hat sie zu viele Beiträge in der deutschen Nachkriegsgeschichte geleistet. Und Helmut Kohls Bild in der Geschichte wird mehr als alles andere durch die Deutsche Einheit und seine Leistungen für Europa geprägt.

Politikertypen wie Helmut Kohl gibt es heute nicht mehr?

Nein, die gibt es nicht mehr. Niemand hätte 1989/90 die Chancen so ergreifen können wie Helmut Kohl. Keiner aus der nachfolgenden Generation. Weder ich noch Schäuble noch sonst jemand. Und ob es Helmut Schmidt so zupackend gemacht hätte, der Kohl in vielen Dingen überlegen war – das bezweifele ich. Kohl war furchtlos,  mutig in einem wichtigen Moment der Geschichte.


Interview: Axel Vornbäumen

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