28. April 2008, 14:54 Uhr

Die Trickserei mit Tempelhof

Der Volksentscheid ist gescheitert, Tempelhof wird geschlossen. Das ist das offizielle Ergebnis. Manfred Güllner, Chef des Forsa-Instituts, hat sich die Daten für stern.de nochmal angeschaut - und kommt zu einem überraschenden Ergebnis, das sowohl SPD wie CDU blamiert.

Alle Macht geht vom Volke aus? Eine Hostess bei der Wahlparty der Pro-Tempelhof-Initiative in Berlin©

Aus und vorbei. Der Volksentscheid für den Erhalt des Flughafens Berlin-Tempelhof ist gescheitert. Zwar haben 60 Prozent der Menschen, die abgestimmt haben, für Tempelhof votiert. Doch in ihrer Gesamtzahl repräsentieren sie nur 21,7 Prozent der Wahlberechtigten. Für einen Erfolg hätten es 25 Prozent sein müssen. Also haben die Iniatoren des Referendums verloren: die Interessengemeinschaft City Airport Tempelhof (ICAT), die CDU, die FDP und die Wirtschaftsverbände. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Tatsächlich ist der Volksentscheid an einer strukturellen Hürde gescheitert. Das zeigen die Daten, die Forsa-Chef Manfred Güllner im stern.de-Interview präsentiert. Demnach messen die Parteien mit zweierlei Maß: Bei einem Volksentscheid ist der Anteil der Wahlberechtigten insgesamt ausschlaggebend. Bei einer Wahl ist der Anteil der abgegebenen Stimmen entscheidend. Der Vergleich in absoluten Zahlen ist verblüffend.

"Unmut stabilisiert"

Insgesamt nämlich stimmten in Berlin mehr als 530.000 Wahlberechtigte für Tempelhof. Bei der letzten Landtagswahl in Berlin im September 2006 stimmten indes nur 424.000 Wahlberechtigte für die SPD. Die CDU brachte es gerade mal auf 294.000 Stimmen. Die Tempelhof-Befürworter stellen also eine zahlenmäßig sehr große Gruppe innerhalb der Berliner Bevölkerung dar. Ihr Votum überragt das der SPD-Wähler von 2006 bei weitem. "Wir haben hier über 500.000 Berliner, die ihren Willen kundgetan haben", sagt Güllner, "und die natürlich frustriert sein werden darüber, dass dieses so beiseite geschoben wird." Diese Ignoranz werde am Ende des Tages auf alle Parteien zurückfallen, glaubt Güllner. "Der Unmut über die etablierten Parteien wird dadurch stabilisiert und sich weiter fortsetzen."

Wie groß die Schieflage durch die unterschiedlichen Auszählungsmethoden ist, zeigt ein von Forsa erstellter Vergleich. In Berlin stimmten 22 von 100 Wahlberechtigten für Tempelhof - was angeblich ein Scheitern zeigt. Bei der hessischen Landtagswahl stimmten 23 von 100 Wahlberechtigten für die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti - die daraus schlussfolgerte, sie hätte ein Anrecht auf das Amt der Ministerpräsidentin. In vielen anderen Bundesländern wäre die SPD gottfroh, wenn sie eine Zustimmung wie die Tempelhof-Befürworter hätten. Bei den letzten Landtagswahlen in Baden-Württemberg bekam sie nur 13 Stimmen unter 100 Wahlberechtigten, in Bayern waren es 11, in Sachsen-Anhalt 9, in Thüringen 8 und in Sachsen 6. Im Vergleich dazu war das Tempelhof-Referendum in Güllners Augen sehr erfolgreich. "Hier ist schon eine massive Bewegung in Gang gesetzt worden."

Kräftemessen der Lager

Ein Erfolg des Tempelhof-Referendums wäre zwar rechtlich nicht bindend gewesen - hätte aber die rot-rote Landesregierung unter Druck gesetzt. Der Streit um den Flughafen hatte sich in den vergangenen Wochen zum Kräftemessen hochgeschaukelt: Auf der einen Seite CDU, FDP und die Wirtschaft, auf der anderen Seite der rot-rote Senat, die Grünen und die Umweltschutzverbänden. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte vor der Abstimmung dazu aufgerufen, mit Nein zu stimmen, um den Bau des Großflughafens BBI in Schönefeld nicht zu gefährden. BBI soll 2011 fertig sein - der defizitäre City-Airport Tempelhof aber schon Ende Oktober dicht gemacht werden.

lio/lk/DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Countryjoe (30.04.2008, 09:15 Uhr)
Trickserei
Natürlich ist das Trickserei und das mit der Absicht die Volksabstimmungen grundsätzlich zu entwerten.
Wäre ja alles nicht so schlimm wenn die Parteienparlamente so funktionierten wie in der Theorie. Aber die Praxis heißt Lobbyismus und Eigeninteressen und damit wird die Demokratie an sich entwertet.
tri.star (29.04.2008, 11:35 Uhr)
Wowereits "Demokratie"-Verständnis
Ich mag die CDU nicht, das vorab, aber wer sich so wie Klaus Wowereit schon vorab über Volkes Willen hinwegsetzt, der hat das Amt des Regierenden Bürgermeisters nicht verdient. Die Zahlen im Artikel zeigen das, was auch für die wahl von Frau Merkel gilt, sie hat ca. 21% der Stimmen der Wahlberechtigten bekommen und plustert sich seit dem als Bundeskanzlerin auf. Entweder kommt mal eine Reform, die den Nichtwählern auch ein Gewicht gibt, also eine Art Mindestwahlbeteiligung, damit die Wahl übrhaupt als gültig anerkannt wird oder die Parteien lügen sich nicht länger ihre Wählerprozente schön. Zumindest die Medien sollten in ihren Grafiken den Anteil der Nichtwähler mit anzeigen.
Von der Einführung einer Wahlpflicht möchte ich ausdrücklich Abstand nehmen. Stimmenthaltung und ungültige Stimmen sind ein Teil der Demokratie.
Administrator (29.04.2008, 08:57 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Beiträge. Wir haben an dieser Stelle einige Kommentare gelöscht, da diese off topic gelaufen waren. Eine Debatte über den Holocaust knüpft nicht an das Thema des Artikels an.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
ganzbaf (29.04.2008, 08:39 Uhr)
Natürlich ist der Wähler nicht dumm

Er ist der "Publikumsjoker", der sich nur selten irrt...!
(Im Gegensatz zu den meisten Politikern.) (-;
turbohempel (28.04.2008, 22:36 Uhr)
Echtes Wahlverhältnis
Die Wähler sind nicht so dumm, wie immer wieder vermutet: Nichtwählen führt zur Ablehnung des Votums, so ist es geschehen.
ericmaves (28.04.2008, 21:50 Uhr)
In jeder Hinsicht interessant
wie ein scheinbar eindeutiges Ergebnis garnicht mehr so eindeutig ist, wenn man nur mal den Blickwinkel ändert. Auch sehr interessant wie sehr diese Sichtänderung in einigen der hier vorliegenden Kommentaren angefeindet wird. Offenbar gefällt da einigen Leuten nicht, daß jede Wahrheit nun mal immer nur relativ ist. Formell ist das Begehren ohne Zweifel gescheitert, aber absolut gesehen darf man als Politiker wohl kaum die Meinung von über 500.000 Wählern ignorieren. Es sei denn, man möchte politischen Selbstmord begehen.Und es übelste Polemisierung auf Niveau unserer sauberen Politiker und der "Bild"-Zeitung, deswegen gleich die Neutralität des "Sterns" in Frage zu stellen, nur weil er etwas schreibt, was einem nicht gefällt. Klassischer Satz mit X, meine vereehrten Damen und Herren.
Mostarac (28.04.2008, 21:21 Uhr)
Abstimmung ist gescheitert?
Also daß die Absctimmung gescheitert ist kann ich nciht so recht fassen. Vor allem, Abstimmung über was? Über Tempelhof? Pustekuchen! Tempelhof wäre dank unseren "Ach-So-Feinen-In-Die-Kammeras-Dauergrinsenden-Bürgermeisters" eh geschlossen worden. Was bringt es da wählen zu gehen? Ich bin gegen die Schließung von Tempelhof, doch ich war nicht bei der Wahl. Einfach aus dem Grund, weil dieser obengenannte arrogante Mensch schon von vorneherein die Wahl als "Nonsens" und "Belanglos" abgecancelt hat. Was hätt es gebracht da wählen zu gehen? Nix! Vor allem an einem so schönen Sonntag (Sonne satt). Aber demnächst gibt es dann die richtigen Wahlen und mal gucken, wie dann diese Leute ihre Hälse aus der Schlinge rausziehen wollen... Bin mal gespannt.
oscarherz (28.04.2008, 20:59 Uhr)
Schlangenmensch
Es ist wie im Zirkus, Forsa und Stern winden sich so gut es geht. Leider sprechen die Zahlen, ohne Emotionen betrachtet, eindeutig die Wahrheit. Das Begehren ist gescheitert ohne wenn und aber.Mit diesem Artikel demaskieren sich Güllner und Stern, so daß es mir durchaus verständlich ist, daß die Sternauflage im Sinkflug ist.Schade eigentlich, denn ich habe den Stern mal gern gelesen.
knilch_59 (28.04.2008, 20:52 Uhr)
Zweierlei Maß ist okay
Nach unserer Verfassung haben wir eine parlamentarische Demokratie und keine Forsakratie, wie sie Stern und Herr Güllner wohl hätten. Zu allem und jedem das Volk befragen bringt nichts, das war den Vätern unserer Verfassungen klar. Deshalb haben sie die Verantwortung in die Hand der Parlamente mit ihren Abgeordneten gelegt.
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Folgerichtig kann es nicht sein, dass eine Pseudomehrheit mit merkwürdigen Konstellationen die Parlamentsrechte beschneidet. Wenn überhaupt, dann darf das nur eine hinreichend qualifizierte Mehrheit können. Und diese Pseudorelative Mehrheit, die jetzt hier konstruiert wird, reicht nicht zur Änderung!
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Pflüger = feige und hinterhältig: es ist leicht, sich aus der Opposition heraus auf den abfahrenden Zug einer Bürgerinitiative zu schleichen und aus purem Opportunismus zu versuchen die Regierung zu schwächen. Widerlich hinterhältig und eine grauenhafte Vorstellung, einen solchen Typen mit Staatsmacht auszustatten.
holzspalter (28.04.2008, 20:09 Uhr)
CDU-BERLIN
Herr Pflüger ist mit der Absicht gescheitert, den gewählten Senat in einen Dauerwahlkampf zu zwingen. Nun steht Bruchpilot Pflüger dumm da, wenn auch die Leitmedien (incl. Stern)etwas anderes zurechtrechnen. Es sind nun mal nur 21,7% der Wahlberechtigten. Warum sollten die Befürworter der Schließung wählen gehen?? Es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht geschieht. Es ist sehr positiv, dass sich die Wähler nicht durch die Springerpresse ihren Sinn für Realität vernageln ließen. Selbst die verlogene Hilfe von Frau Merkel zog nicht.
Hoffentlich bleibt die Art und Weise des Bruchpiloten Pflüger in den Köpfen erhalten. Diesen Herrn braucht die CDU Berlin nicht und die Berliner schon gar nicht. Der Wähler hatte wohl sehr genau die Unterlagen des Wahlleiters gelesen. Ein Bravo dafür. Bild Dir Deine Meinung!!!!, wie die Postille von sich sagt. Der Schuß ging nach hinten los. Nicht alles kann Springer mit der CDU und FDP steuern. Das ist gut so, sagt unser Bürgermeister.
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