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20. Januar 2008, 10:19 Uhr

Die Reisen des Herrn T.

Er ist der Mann mit den Kerzen und dem Plakat mit der Aufschrift "Warum?": Timo Tasche ist Berufsdemonstrant. Sein jüngstes Projekt: Die Schließung des Nokia-Werkes in Bochum verhindern. stern.de hat den Arbeitslosen begleitet. Von Matthias Lauerer

Timo Tasche mit seinen selbstgemalten Plakaten vor dem Nokia-Werk in Bochum© Matthias Lauerer

Es gibt Millionen Menschen, die einfach nur Nachrichten hören. In fünf Minuten informieren sie sich über die Neuigkeiten des Tages Danach leben sie ihren Alltag weiter. Doch Timo Tasche, 28, tickt anders. Denn der Arbeitssuchende handelt. Er fährt quer durch Deutschland zum Tatort des Tages. Ob bei den sechs Toten vor dem Restaurant "da Bruno" in Duisburg oder dem Prozess gegen die Bundeswehrsoldaten in Münster: Timo Tasche stellt sich einfach an den Ort des Geschehens und demonstriert. Stumm. Stundenlang. Tagelang. Immer mit dabei im Kofferraum des alten silbernen Opel: seine selbst gemalten Schilder. Damit drückt er Kummer und Wut aus, immer dort, wo etwas Schreckliches im Land passiert ist.

Diese Woche führte ihn die Aktualität nach Bochum. Mit weißem T-Shirt, schwarzer Jacke, weißem Stirnband und blauer Hose stand er schon am Dienstag vor dem Nokia-Werkseingang. 2.300 Menschen will das Unternehmen entlassen. Dort hat Tasche seine Papp- und Pressspan-Platten an einen Baum gelehnt. Immer malt er die Protest-Plakate selbst. Immer verwendet der stille Aufmerksam-Macher sein Lieblingswort, das schon zu seinem Markenzeichen wurde: "Warum?". Vier Schilder hat er in Bochum dabei, sieben brennende Kerzen stehen vor dem kahlen Baum auf dem matschigen Grasboden. Warum Kerzen? "Die Kerzen sind immer dort dabei, wo etwas stirbt. Oder, wo etwas schon gestorben ist", sagt Tasche. Ein viertes, großes, braunes Schild hat er an diesem Tag an den nächsten Baum genagelt. Darauf steht: "Demonstrieren wie damals bei Opel". Und auf der Protest-Tafel darunter dann: "An Nokia Bochum: Standort Bochum erhalten." Seine Beweggründe formuliert der Demo-Star so: "Mich treibt die Ungerechtigkeit an, diese maßlose Gemeinheit."

600 Euro gibt Tasche im Jahr für Sprit aus

Eigentlich wollte Tasche seine Arbeit als Berufsdemonstrant nach der Katastrophe von Darry an den Nagel hängen. Im Dezember 2007 hatte dort eine junge Mutter ihre fünf Kinder im Schlaf getötet. "Was sollte ich noch erreichen?" sagte er damals resigniert. Doch dann las er die Nachricht von der Werksschließung bei Nokia in Bochum. Tasche setzte sich in den klapprigen Pkw, fuhr ins 25 Kilometer entfernte Bochum. Da der Marler arbeitslos ist, muss er sich überlegen, ob er sich die Fahrten überhaupt leisten kann. Doch irgendwie klappt es immer. 600 Euro verfährt der Demonstrant pro Jahr.

Mittlerweile hat er sich zum Phänomen entwickelt. Selbst einen Film hat man über ihn, den Spontan-Demonstranten, gedreht. Der WDR zeigt ihn in seiner Reihe "Menschen hautnah" am 13. Februar um 22.30 Uhr.

Doch bereits vor sieben Jahren, im März 2001 startete Tasche seinen ungewöhnlicher Job. Damals verschleppte ein zunächst Unbekannter Ulrike B. in Eberswalde. 14 Tage suchte man die Vermisste. 2800 Polizisten, Hubschrauber, Hunde und Bundeswehr-Tornados waren im Einsatz und fanden die Leiche im Wald. Stefan J. wurde als Täter festgenommen. Der damals 21-Jährige Timo Tasche wollte da nicht stillhalten. Spontan fuhr er die 586 Kilometer nach Eberswalde und stellte seine Schilder zum ersten Mal auf. Als Katastrophen-Tourist sieht er sich jedoch nicht. "Nein, man könnte es eher so formulieren: dem Unheil hinterher. Ich bin ja nicht nur bei Katastrophen, sondern auch bei anderen Sachen." Dann ging er immer wieder auf Tour durch die Republik.

Tasches Traumberuf: Gerichtsreporter beim Amtsgericht

Doch bevor Tasche vor sieben Jahren zum Profi-Demonstranten wurde, hatte er in seinem Leben vieles versucht, um auf die Beine zu kommen. "Nach der Gesamtschule und meiner Fachoberschulreife, ging ich auf die höhere Handelsschule, war Verkäufer, Taxifahrer. Ich fing sogar eine Lehre an der Ruhruniversität zum MRT an, arbeitete beim Beerdigungsinstitut und auf der Kirmes. In den Jahren waren es so an die 30 Jobs und Praktika", sagt er. Doch sein Traum ist mittlerweile ein anderer: "Ich würde gerne als Prozessberichterstatter arbeiten und sei es nur am Amtsgericht." "Schilder", sagt der 28-Jährige gut gelaunt weiter, "sind gut. Aber ich will das noch steigern und vielleicht Geld damit verdienen." Ein mehrmonatiges Praktikum hat er in seiner Heimatstadt bei der "Marler Zeitung" gemacht. Doch "nach der Zeit war Schluss". Warum? Das weiß er nicht. Und wenn das mit dem Job am Gericht nicht klappt, dann würde er gerne in die Politik gehen.

Doch bis es soweit ist, will der Reisende einfach eine Chance vom Leben. Denn bisher lebt der Alleinstehende von Hartz IV, doch er sagt: "Ich will unbedingt arbeiten!" Deshalb reist er weiter rastlos von Geschehen zu Geschehen. Geschätzte 150 Orte besuchte der Demonstrant in all den Jahren. Im vergangenen Jahr legte der dunkelhaarige Mann gute 12.000 Kilometer zurück.

Tatortplanung per Internet

Ein ungewöhnlicher Schatz lagert bei Tasche im heimischen Keller. Dort sammelt er möglichst viele Zeitungs-Ausschnitte seiner Demo-Arbeit und archiviert sie. Daneben stehen die vielen, vielen Schildern, die er aufbewahrt hat, und sein Zugang zur Welt. Ein guter Freund bastelte ihm aus alten Computern einen funktionierenden PC zusammen. An diesen setzt er sich regelmäßig gegen 6 Uhr morgens. Dann ruft er google.news auf, und sieht nach, was der Tag wohl bringen mag. Dort findet er sie, die aktuellen Tages- Tatorte. Nokia war ihm ein neuer Ansporn, nach Darry doch noch weiterzumachen. Ihn ärgert dabei, dass "die Chefs nur das Geld im Kopf haben. Ich habe gehört, dass sie in Rumänien zehn Mal billiger produzieren können, als hier in Bochum. Die Mitarbeiter sind denen doch völlig egal. Mir geht der Zeitgeist auf den Zeiger".

Bereits den dritten Tag steht er jetzt in Bochum vor dem Werkstor. Sein Wunsch: "Ich habe die Hoffnung, dass das Werk erhalten wird. Vielleicht wird das hier so, wie damals bei Opel in Bochum." 2004 hatten Tausende Opelaner teilweise in wilden Streiks erfolgreich gegen die geplante Werksschließung demonstriert und so teilweise ihre Arbeitsplätze erhalten.

Am Rande der für kommenden Dienstag angekündigten Großdemo der IG-Metall will Timo Tasche wieder demonstrieren. Auch für diesen Tag hat der Idealist einen Wunsch: "Hoffentlich kommen viele Menschen vorbei und machen mit!"

Von Matthias Lauerer
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Louyi (21.01.2008, 19:06 Uhr)
ich finde er ist mehr als ein Demonstrant
He- Leute die da schimpfen gegen den Herrn T.???!!!! Auch wenn
einige meinen er wäre Arbeitloser Selbstdarsteller, evtl.etwas zu heiss gebadet worden, oder hätte nichts zu sagen. Ich meine er hat mehr zu sagen als manche bisherige Kommentare hier. Er handelt einfach intuitiv wie ein sozialkritischer Künstler mit seiner Kunst. Und es gibt nun mal Kunst da versteht nicht jede/r die Message. So wenig wie Kunst verstanden werden muss, so wenig muss er sich erklären.Er ist einfach da und das reicht;auch ich versuche seine Einstellung (als Kunst- als eine Art soziale Plastik
siehe J. Beuys )http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Beuysnur subjektiv zu interpretieren.

Und in der heutigen Zeit des Turbokapitalismus wo tausende dadurch Arbeitlos werden-zumindest sozial ins Abseits geraten (wie er selbst -trotz seiner Schulbildung)
hat er mehr Mut öffentlich dagegen zu demonstrieren wie der typische deutsche Michel -der vor dem Fernseher sitzt und anderen Leuten
per Tageschau zuschaut wie es heute vielen Menschen mehr denn je in Deutschland schlecht geht.
Somit demonstriert er übersensibel also symbolisch für sich -und für deren alle die das Demonstrieren verlernt haben - aber genauso
notwendig hätten. Gründe gibts derzeit genug .
Verstanden ??
exutiva (21.01.2008, 15:47 Uhr)
@Vincent_Vega
das sie geliebte menschen verloren haben tut mir schrecklich leid...
nur ist das keine hetze sondern tatsachen.... und die rede war nicht von finanzieller hilfe für andere länder... sondern für die hilfe untereinander unter deutschen... einer für alle alle für einen... das zählt in diesem land schon lange nicht mehr... sowas wie ein zusammengehörigkeitsgefühl existiert hier doch gar nicht....
um aufs spenden zu kommen:
wer was spendet und wieviel das bleibt jedem sich selber überlassen! jeder das was er zu geben vermag... der eine mehr der andere weniger...
Matze83 (21.01.2008, 10:04 Uhr)
Definitiv ein Katastrophen-Tourist
Ich glaube nicht dass er wirklich eine Botschaft verkünden will.
Ich denke es geht ihm viel mehr um Aufmerksamkeit. Das denke ich, weil er immer wieder die gleichen Schilder benutzt, fast immer die gleiche Farbe, immer das gleiche Wort "Warum?".
Das ganze hat ja eine Art Widererkennungsfaktor, und dadurch regt sich der Verdacht, dass er nur in den Medien auftauchen will um bekannt zu werden.
Er plaziert seine "Warum?" Schilder ähnlich wie die Sprayer ihre Graffitis und Tags an Orten, wo sie jeder sieht. Nur mit dem Zweck auf sich selbst aufmerksam zu machen.
Vincent_Vega (21.01.2008, 09:29 Uhr)
@executiva
Lassen Sie mal Ihre Hetze gegen DIE DEUTSCHEN.
"aber ihr deutschen habt das ja so an euch... euren egoismus.... ihr mitläufer und arschkricher.... feiglinge wie sie im buche stehen...."
Es gibt auch so sehr viele, die für ihre Rechte demonstrieren.
Mich würde da mal interessieren, welche Nationalität Sie haben und wieviel Geld Sie spenden, um Hungernden zu helfen.
Was mich angeht, habe ich aufgrund einer sehr langen Beziehung nicht nur viel Geld für eine Art von Entwicklungshilfe verloren, sondern auch meine Frau und unser ungeborenes Kind begraben müssen. Mein Bedarf, anderen Bedürftigen ist daher gedeckt. Immerhin muss ich so egoistisch sein, mich um unser überlebendes Kind zu kümmern.
vubler (21.01.2008, 07:59 Uhr)
krank?
Nun ja, viele bezeichnen Timo als krank. Ich möchte es nicht beurteilen, ich kenne Ihn nicht persönlich. Auf jeden Fall setzt er sich für etwas ein und wenn bald Millionen Deutsche auf Kommando fröhlich Hellau schreiben und Ihre Pappnasen aufsetzen, ist das noch lange nicht normal - höchsten süblich!
Ach ja, viele Menschen die sich den ganzen Tag in den deutschen Foren tummeln und über Lebendentwürfe anderer Menschen urteilen und richten (egal ob 68er, wilde Ehe, Kinde rode rnicht...) halte ich für bedenklicher.
vondervogelwheyde (20.01.2008, 23:18 Uhr)
@exutiva
Hallo exutiva! Es wäre doch sicherlich auch für Sie interessant zu erfahren, was für ein Mensch Timo ist. Der Artikel von stern.de lässt das völlig offen. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: die Aktionen von Timo sind aller Ehre wert und ich stelle auch nicht in Abrede, dass Timo damit auf seine Art seine Anteilnahme bzw. Solidarität ausdrücken möchte. Ich glaube auch nicht, das Timo ein Selbstdarsteller ist. Seine Aktionen finden trotz der Öffentlichkeit isoliert statt. Nie in Gemeinschaft mit anderen. Wir kennen sein soziales Umfeld nicht. Aber der stern.de hat es m.E. versäumt der Frage nachzugehen: was ist los mit Timo Tasche? Statt dessen wandelt der Autor den Titel eines Romans ("Die Reisen des Mr.Leary")in die Überschrift um: die Reisen des Herrn T. . Der Roman erzählt übrigens von den Alltagsproblemen eines etwas kauzigen Amerikaners...
Sionnach (20.01.2008, 22:23 Uhr)
Seltsames Gefühl
Ich finde gut das jemand sich für etwas einstetzt und dafür sich auch öffentlich hinstellt. Der gute Mann hat sollte aber einen Psychologen besuchen, was er macht ist zwar harmlos aber nicht normal. In meinen Augen setzt er sich nicht für die Sache ein, sondern für sich selber. Die Anerkenung die er bekommt, weil er sich für die Aktion hinstellt und die unbekannten Leute und Presse die ein nettes Bild machen und ihn auf die Schulter kloffen, brauch er um sich selbst zu bestättigen. Auf der anderen Seite bekommt er sein Leben nicht auf die Reihe. Ich glaube wenn man sich längere Zeit mit ihn unterhält hätte man eine Eindruck warum. Der tut mir mehr leid, als das ich ihrgendwelche Bewunderung empfinde.
mutti1 (20.01.2008, 20:23 Uhr)
ja er macht sich lächerlich, weil er keine hundert arschk.... um ihn rum hat wie bestimmte
STARS,die ihre plaste busen hochbinden, oder kerle mit ihren dulla-frisuren und gezupften brauen.er macht den eindruck, den jeder allein macht.verloren...aber es gibt auch 1 idiotische werbung, mit dem becherchen, da geh ich jedesmal auf 200 blutdruck.dafür zahlen die käufer mit, und unser gehirn wird strapaziert mit ewig dem selben schiet,was sagen die abgeordneten von bochum eigentlich ,nun muß beschäftigung bei, das sind alles fachkräfte in der feinmechanik? spielzeug für indien, china, rumänien, und wenn es babyartikel sind,besonders die chefs ausschliesen u. die maschinen erst frei geben, wenn sie abbezahlt sind an den staat.
mutti1 (20.01.2008, 20:15 Uhr)
ja er macht sich lächerlich, weil er keine hundert arschk.... um ihn rum hat wie bestimmte
politiker im wahl-tingel tangel.außerdem muß sich 1 alg2 empfänger laufend meldenund bewerben.es scheint immer noch keiner zu merken, das die meckerer selbst niemand einstellen o. beschäftigen wollen, verlangen aber, das er bei ANDEREN was findet. man es gibt nun mal 5-10 millionen arbeitslose auch viele schlaue dabei. das ist ja das problem. sie sind aufsässig, und man kann sie nicht ausbeuten. sie sind störrisch u.danken innerlich ab.er kann machen was er will, hätte er zu tun, dann hätte er dafür keine lust.nokia ist out. rette sich wer kann.
Daisan (20.01.2008, 19:38 Uhr)
Ich finde es gut
egal aus welchen Motiven der Mann handelt, es ist nicht das schlechteste zu demonstrieren.
Wäre auch schön, wenn das mal mehr Leute täten, es würde so manches ändern.
Wenn ich manche Kommentare hier lese, wie z. B. Zitat Anfang: "...wust garnicht,das es jetzt schon ein beruf ist löl.der soll mal lieber arbeiten gehen...." Zitat Ende - bekomme ich ein ungutes Gefühl, wenn ich sehe wie viel bornierte Intoleranz in Verbindung mit mangelnder Bildung und fehlender Schreibkompetenz im Forum unterwegs ist. An der Schreibkompetenz kann man arbeiten, aber ob sich die Einstellung mancher Leute ändern lässt, bezweifle ich.
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