Startseite

Die 41-Stunden-Truppe

Die Armee bekommt feste Arbeitszeiten. Doch das Ministerium hat die Umsetzung der Reform verschlafen, viele Soldaten sind frustriert.

Von Paul Middelhoff und Ruben Rehage

Matrosen der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" auf dem Hamburger Hafengeburtstag 2008

Matrosen der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" auf dem Hamburger Hafengeburtstag 2008

Es kommt Bewegung in den Wohnungsmarkt von Wilhelmshaven. Über 1200 Bundeswehrsoldaten ­suchen derzeit nach Unterkünften in der Nähe ihres Marinestützpunkts außerhalb der Stadt. Sie tun das nicht freiwillig, ein neues Gesetz zwingt sie dazu. Anders als früher dürfen sie nicht mehr auf den Schiffen schlafen. Das nämlich führt zu Mehrarbeit – und die ist für deutsche Soldaten künftig tabu.

Seit Anfang des Jahres gilt für die gesamte Truppe die 41-Stunden-Woche mit vollem Freizeitausgleich für Überstunden. Bis dahin waren an einem Standort 42 Stunden Normarbeitszeit üblich, an einem anderen 44, was darüberlag, wurde meist ausbezahlt. Aber Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will aus der Bundeswehr einen attraktiven Arbeitgeber machen. Im Wettkampf um qualifizierten Nachwuchs soll sie künftig eine echte Alternative zur Tischlerlehre oder dem Wirtschaftsstudium sein. Dafür baut von der Leyen die Truppe um – mit vielen Milliarden für neues Gerät, aber auch mit Teilzeit, Kinderbetreuung und der 41-Stunden-Woche. Für die Bundeswehr ist das eine Revolution.

Nachteil für Matrosen

Doch das Verteidigungsministerium hat die Umsetzung verschlafen, die 41-Stunden-Woche läuft nur schleppend an – und sorgt in der Truppe für Frust. So erfahren derzeit die ­Marinesoldaten in Wilhelmshaven, was es heißt, normale Arbeitnehmer zu sein. Damit sie auf den Schiffen schlafen können, müssen bislang rund um die Uhr Soldaten Wachdienste schieben und die Technik betreuen – dafür reicht die Manpower aber künftig nicht mehr aus. "Wir müssen unseren Soldaten klarmachen, dass wir unsere Jahresarbeitszeit für unsere Aufträge brauchen – und die sind immer mit Seefahrt verbunden", sagt Fregattenkapitän Karsten Mauersberger, der dafür sorgen soll, dass die neue Arbeitszeitregelung bei der Marine ohne Probleme anläuft. Bei der Bundeswehr heißt es, die freien Schlafmöglichkeiten seien ein Privileg gewesen, das es so nicht mehr gebe. Und das ja auch bei anderen Unternehmen nicht üblich sei.

Die Reform macht den Matrosen das Leben gleich doppelt schwer: Viele von ihnen müssen sich auf eigene Kosten Wohnungen an Land mieten, weil die Kasernen im Hafen bereits belegt sind. Und da sie nachts nicht mehr auf dem Schiff sein dürfen, fallen auch die Überstundenzahlungen für die Dienste weg.

Dünne Personaldecke

Die Folgen der 41-Stunden-Woche mit Freizeitausgleich reichen jedoch weit über Wilhelmshaven hinaus. 270.000 Überstunden häufte die Bundeswehr bislang jede Woche an. Da sie nun abgefeiert werden müssen, stehen plötzlich 6500 Soldaten weniger zur Verfügung. Hinzu kommt, dass sich pro Jahr nur 25.000 junge Frauen und Männer verpflichten, während im selben Zeitraum 29.000 Soldaten in den Ruhestand gehen.

Trotz wachsender Anforderungen schrumpft die Truppe also. "Das neue Arbeitszeitmodell wird zeigen, wo die Personaldecke zu dünn ist", befürchtet der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Hans-Peter Bartels (SPD). Er wirft dem Ministerium vor, die Umstellung viel zu spät angegangen zu sein: "Man hätte das schon vor sechs Monaten klären können." Tatsächlich hat das Ministerium immer noch keine konkreten Dienstvorschriften für die neuen Arbeitszeiten ­erlassen. Obwohl die Verordnung offiziell seit Wochen gilt. Es gibt eine Menge Ausnahmen und Sonderregeln – nur welche, überblickt offenbar niemand genau. CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter forderte bereits die Aussetzung der Reform.

Problem Stechuhr

Nicht nur die Durchführungsbestimmungen aus dem Ministerium lassen auf sich warten. Der Bundeswehr fehlen bis heute auch die Stechuhren, mit denen die Arbeitszeit minutengenau erfasst werden kann – sie sind die Voraussetzung für eine exakte Berechnung der Überstunden und des noch einsetzbaren Personals. Derzeit werden die Soldaten in internen Unter­lagen angewiesen, ihre Überstunden per Hand auf Papier zu notieren, bis eine geeignete Software zur Verfügung steht. Der Auftrag für die Herstellung der Uhren wurde erst kurz vor Weihnachten vergeben. Offenbar hatten Justiz- und Verteidigungsministerium monatelang über Einzelheiten gestritten. Das Problem lässt sich nicht mehr schnell beheben. Die Bundeswehr bekommt die Geräte wohl nicht vor 2018 – zwei Jahre zu spät.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools