25. Mai 2010, 20:56 Uhr

Bouffier soll Koch beerben

Landesvorstand und Kreisvorsitzende sind sich einig: Nach dem Rückzug Roland Kochs soll Innenminister Volker Bouffier die CDU Hessen führen - und wohl auch die Geschicke des Bundeslandes. Der "Schwarze Sheriff" ist in vielerlei Hinsicht ein Hardliner.

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Einstimmige Nominierung: Volker Bouffier soll den CDU-Landesvorsitz von Roland Koch übernehmen©

Er gilt als der treueste Mitstreiter von Roland Koch, jetzt soll Innenminister Volker Bouffier seinen langjährigen Chef als Landesvorsitzender und im Amt des hessischen Ministerpräsidenten beerben. Aus Sicht der CDU ist das nur konsequent: Der 58 Jahre alte Mittelhesse Bouffier ist wohl der Mann, der in der Parteibasis den meisten Rückhalt hat. Dies zeigte sich bereits am Dienstagabend, als eine Konferenz aus Kreisvorsitzenden und Mitgliedern des Landesvorstandes - alles andere als überraschend - einstimmig für Bouffiers Kandidatur votierte.

Ganz leicht dürfte dessen Benennung der Öffentlichkeit aber nicht zu vermitteln sein, hat der Minister doch schon seit geraumer Zeit mit diversen Affären zu kämpfen und sieht sich derzeit gar einem Untersuchungsausschuss gegenüber. Möglicherweise wird Bouffier daher mehr eine Art Übergangs-Ministerpräsident, der den Weg für eine jüngere Generation bereiten muss. Am Abend erklärte er zunächst einmal, er empfinde das Votum der Landesspitzen "als große Ermutigung und als Verpflichtung - ich freue mich über die Herausforderung". Am 12. Juli soll Bouffier in Willingen nun zum neuen Vorsitzenden der hessischen CDU gewählt werden. Ende August wird der Posten des Ministerpräsidenten frei.

Der "Schwarze Sheriff" übernimmt

Der in Gießen geborene und aufgewachsene Jurist war immer Roland Kochs Mann fürs Grobe. Ob Rasterfahndung, Kennzeichenlesegeräte oder Telekommunikationsüberwachung - Bouffier hat sich auch in der Innenpolitik stets für die Verschärfung oder den Einsatz neuer Überwachungsmethoden eingesetzt. Seine kompromisslose Haltung bei der Kriminalitätsverfolgung brachte ihm den Spitznamen "Schwarzer Sheriff" ein: Für die Opposition war das ein Schimpfname, für seine Partei ein Ehrentitel.

Seine politische Laufbahn begann Bouffier in der Jungen Union, deren hessischer Landesvorsitzender er von 1976 bis 1984 war. Schon seit 1978 gehört Bouffier dem Landesvorstand der hessischen CDU an, saß von 1979 bis 1993 im Gießener Stadtrat und bis 1999 im Kreistag. In die erste Regierungsverantwortung holte ihn der damalige CDU-Ministerpräsident Walter Wallmann: Bouffier war bis zur Abwahl der CDU/FDP-Koalition 1991 Staatssekretär im Justizministerium. Mit Roland Koch kehrte er an die Macht zurück und wurde 1999 Minister für Inneres und Sport.

Hessische Polizei modernisiert

Für Bouffiers harte Linie in der Innenpolitik wurde ihm zweimal der kritische "Big Brother Award" wegen Verletzung der bürgerlichen Freiheiten verliehen. Als Antwort auf die Terroranschläge in New York am 11. September 2001 führte Bouffier erneut die Rasterfahndung in Hessen ein. Er startete den Freiwilligen Polizeidienst, ließ Abschiebungen von Flüchtlingen kompromisslos umsetzen und setzt sich vehement für Onlineüberwachung und Datenspeicherung ein.

Bouffier modernisierte aber auch die hessische Polizei und machte sie zum Vorreiter bei der Bekämpfung der Internetkriminalität. Zum größten Erfolg seiner Amtszeit werden die Aufdeckung der sogenannten "Sauerland-Gruppe" und die Vereitelung ihrer islamistisch motivierten Anschläge gezählt. Im Jahr 2002 stellte sich Bouffier hinter den Frankfurter Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner, der dem Entführer des Bankierssohn Jakob von Metzler, Markus Gäfgen, Folter angedroht hatte, um das Versteck des Jungen zu erfahren. In seine Amtszeit fiel 2007 auch ein Skandal um rechtsradikale Umtriebe bei Personenschützern des TV-Moderators und ehemaligen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedmann. Auch machte das Frankfurter Polizeipräsidium Schlagzeilen, weil etwa Polizisten Razzien im Drogenmilieu verrieten.

Hohes Ansehen in der Landespartei

Bislang konnten Bouffier all diese Vorgänge nichts anhaben. Die Partei stand stets geschlossen hinter ihm, Roland Koch sowieso. Doch zurzeit läuft ein Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags, der dem Innenminister erheblich mehr schaden könnte: Die Opposition wirft Bouffier vor, im Juli 2009 seinen Parteifreund Hans Langecker zum Präsidenten der hessischen Bereitschaftspolizei ernannt haben - ohne ein vorheriges Auswahlverfahren und sogar unter Missachtung eines Gerichtsbeschlusses. Bouffier weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Dass der 58-Jährige Minister nun trotzdem Nachfolger Kochs werden soll, liegt schlicht an seiner Beliebtheit in der Partei. Als Koch 2008 mit 95,3 Prozent als Chef der hessischen CDU wiedergewählt wurde, war nur einer besser: Bouffier wurde mit 96,3 Prozent als stellvertretender Landesvorsitzender bestätigt. Ihm wird nun am ehesten zugetraut, die mehrheitlich konservative hessische CDU zusammenzuhalten und kraftvoll in den nächsten Wahlkampf zu führen. Doch auch Bouffier muss die Frage beantworten, die Koch ihm hinterlassen hat: Wie ein Generationenwechsel und damit die Ausrichtung der hessischen CDU auf längere Sicht aussehen könnte.

Gisela Kirschstein/APN
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
schade77 (27.05.2010, 10:03 Uhr)
Vetternwirtschaft?
Ich bin kein Hesse (auch wenn ich sehr nah dran wohne) und ich dachte auch, bitte nicht den Bouffier als Nachfolger, weil er mir fast doch noch unsympathischer ist als Koch (vor allem frage ich mich, wieso man sich als Minister keinen Besuch beim Zahnarzt leisten kann). Aber wenn man die Umstände des Rücktritts betrachtet, kann man Koch doch keinen Vorwurf machen, dass er seinen Wunschpartner als Erbe installiert. Er wurde weder vom Volk oder Partei abgewählt, noch verjagt oder verhaftet. Er tritt aus einer momentan starken Position zurück und da hat er noch alle Zügel in der Hand und er wär auch blöd, wenn er nicht seine Handschrift weiterleben lassen würde, zumal er es einfach machen KANN.
REINI2 (26.05.2010, 17:39 Uhr)
Der kommt wieder....als insm Lobbyist!
Womöglich ist er durch seine
<Brutalst mögliche Aufklärungsarbeit> auf seine eignen Verfehlungen gestoßen??
Obwohl...die hätte er dann wohl vertuscht...oder denk ich jetzt zu schlecht von ihm. ;-)))
Was mir noch in Erinnerung bleibt:

Schwarzgeld, der <Brutalst mögliche Aufklärer>.....
Studiengebühren, die von Ypsilanti abgeschafft wurden und bei Koch nie wieder zur Debatte standen,
Diffamierung von Ausländern
<Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben>...so konnte man sein <Anliegen> interpretieren!

Er wollte schon 12 Jährige ins Gefängnis stecken! Soll er mal aufpassen, dass ER nicht bald dran ist....

Münchhausen wäre ein Papstanwärter gegen ihn....
Ein Machtmensch, der nun bei der Wirtschaft unterkommt, nachdem er alles erdenkliche für die Unternehmer auf den Weg gebracht hat!

Schröder war trotzdem noch eine Nummer besser, beim verschachern des Sozialstaates an die Wirtschaft!
Vielleicht schreibt er mit schröder zusammen ein Buch...Titel:
<Was haben wir das Volk verdummt!>
gesox (26.05.2010, 12:30 Uhr)
Kontinuität?
Als Nachfolger Kochs "für Kontinuität" zu stehen kann man als Auszeichnung sehen, muß man aber nicht. Kochs Skandale um Parteispenden, Folterandrohung, das brutale Kaltstellen unliebsamer Steuerfahnder, Wahlkampagnen, die den inneren Frieden zerstören, eine allzu enge Verbundenheit mit der Fraport AG, Privatisierungen, die wenigen nützten und vielen schadeten, und unsäglich schlimme Aussagen zu sozial Schwachen, das ist ebenso das Erbe Kochs wie die maroden Landesfinanzen: in Kochs Regierungszeit fiel Hessen vom Status des reichsten Bundeslandes in nie für möglich gehaltene Tiefen, die Verschuldung hat extreme Formen angenommen. Die politische Kultur in Hessen zeichnet sich durch verbissene Grabenkriege aus, wie man sie sonst nirgends in Deutschland kennt, auch das ein Erbe des streitsüchtigen Eschborners.

Wenn Hessen etwas verdient hat dann bestimmt nicht Kontinuität. Ein radikaler Wandel wäre wünschenswert.
Gaffelfall (26.05.2010, 11:06 Uhr)
Josh67 (25.05. - 22:00 Uhr
"Das Recht kann bestritten werden, die Macht ist deutlich kenntlich und unbestritten. So konnte man dem Recht nicht zur Macht verhelfen, weil die Macht das Recht bestritt und behauptete, es sei unrecht, und behauptete, sie wäre es, die das Recht sei. Und da man nicht erreichen konnte, daß das, was recht ist, mächtig sei, machte man das, was mächtig ist, Rechtens."

So soll das Blaise Pascal zu Zeiten des Sonnenkönigs formuliert haben, Josh.
Und genau so scheint mir die Antwort auf Deine Frage, weshalb heute die NRW-LINKE vom Verfassungsschutz beobachtet wird und nicht die Hessen-CDU, zu lauten.
Sononja (26.05.2010, 11:04 Uhr)
Hier ein hessischer Kommentar
für alle, die meinen, die Hessen seien selber schuld oder dumm oder sonstiges.

Wir gehören zu den Bürgern, die die CDU nicht gewählt haben, die unter Koch gelitten haben und jetzt wohl unter Buffie auch.
Wenn es uns nach ginge, gebe es Neuwahlen. Vielleicht sind dann hier so einige Großbauern usw. so schlau, und wählen keine CDU mehr.
Man kann das ganz nicht verstehen. Vor allem, dass Koch schon fast 12 Jahre dran ist. Jetzt tritt sein Freund die Nachfolge an. Vetternwirtschaft ist das.
Wir werden genauso wie immer hier in Hessen garantiert keine CDU wählen. Schwarzgeldaffären, Sparmaßnahmen bei Bildung und Kinderbetreung, das ist nicht das, was Hessen braucht und auch nicht das, was es verdient hat.
Wir brauchen eine Regierung, die Hessen nicht runterwirtschaftet und sich rückentwickelt.
Schade nur, das vernünftige Politiker erst geboren werden müssen, bis es hier in Hessen voran geht.
auwei (26.05.2010, 11:02 Uhr)
@knilch
Wie es aussieht, wird die hessische CDU, wenn sie denn wirklich so ein rechtskonservativer Kampfverband ist wie man sagt, sowiso künftig einige Probleme zu bewältigen haben. Ohne eine Galleonsfigur wie Koch könnte es durchaus sein, dass sie als politisch irrelevanter Rechtsaußen-Altherrenverband endet, der inmitten einer sich (vordergründig?) modernisierenden Union zum musealen Kuriositätenflügen mutiert. Eigentlich käme es genau jetzt darauf an, die personellen Weichen zu stellen. Wie das vom Auslaufmodell Bouffier geleistet werden soll, bleibt ein Rätsel. Nunja, Hessen MUSS ja auch nicht tiefschwarz -schwarzgelb regiert werden, oder?
knilch_59 (26.05.2010, 10:45 Uhr)
@Tempelhofer
Im Zusammenhang mit Roland Koch Begriffe wie Fairness zu gebrauchen, verbietet der Anstand. Ganz abgesehen davon, dass Herr Koch derjenige wäre, der das am Wenigsten zu würdigen wüsste!
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Koch hat keine Lust mehr, das ist sein gutes Recht, eine zu akzeptierende persönliche Entscheidung. Aber wer "die Krise als Chance" wahrnehmen möchte, müsste den Anlass nutzen, um die Weichen in einer bestimmten Richtung zu stellen. Dass hierzu der Anlass nicht genutzt wird, muss deutlich gesagt werden!
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Das CDU-geführte Hessen ein Erfolgsmodell? Wenn man sich alle (!) Zahlen aus 11 Jahren Koch ansieht, sieht man, dass das Gegenteil der Fall ist. Hessen voran war einmal, es ist bei allen wichtigen Zukunftsdaten abgerutscht. Andere Länder schaffen die Anpassung an die Zukunft besser als Koch & Co, ausdrücklich auch CDU-geführte. Aber mit Bouffier will man diesen Weg des allmählichen Sinkens weiter gehen.
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Nein, ich mag als Minister keine 30-jährigen Grünschnäbel wie seinerzeit Claudia Nolte oder heute Christina Schröder. Aber ich mag auch keine abgewrackten Apparatschiks vom Schlage eines Volker Bouffier, der sich für öffentliche Auftritte am Besten das Verfallsdatum gleich mit ans Revers heftet: ?Spätestens verbrauchen bis Januar 2014?.
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Und wenn in der hessischen CDU niemand in Sicht ist, der zwischen 40 und 50 Jahre alt ist und Erfahrungen sowohl in der Politik, als auch in der freien Wirtschaft gesammelt hat, dann weist das auch auf ein Manko von Roland Koch hin: 11 Jahre CDU-Landesvorsitzender und jeden Potenzialträger so weit weggebissen, dass nur noch Speichellecker und seine alte Seilschaft übrig geblieben ist. Das soll gut für Hessen sein? Und das Potenzial von Volker Bouffier ist klar beschrieben. Er hat keins (mehr).
Berggeist1963 (26.05.2010, 10:07 Uhr)
Der Nächste bitte
Es naht nun also der nächste "Ausgeb(o)uffte". Mein Beileid, Ihr armen hessischen Nachbarn...
Tempelhofer (26.05.2010, 09:47 Uhr)
@ knilch_59
Nun bleiben Sie mal fair. Wenn politische Seiteneinsteiger wie Frau Schröder oder Herr Rösler Regierungsverantwortung übernehmen, dann wird gehöhnt, dass diese viel zu jung und unerfahren sind.

Greift man auf bewährte Regierungsmitglieder zurück, sind diese wieder zu alt. Gesucht wird also der unbelastete, jugendliche Regierungseinsteiger mit 20-jähriger Politikerfahrung.

Sie machen hier ein bißchen viel Polemik.
insLot (26.05.2010, 09:43 Uhr)
Lachhaft
Dann soll er die 25% zusätzlichen Schulden aus der Amtszeit Kochs gleich mit nehmen.
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Er war umstritten, aber auch verkannt. Denn in Roland Koch steckte immer mehr als nur der kaltblütige Machtmensch. Das zeigte auch sein Abgang.

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