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Von der Leyen, die Kandidatin aus dem Kaffeesatz

Ursula von der Leyen wird nicht "Mutter der Nation" - weil die Kanzlerin sie gar nicht fragte. Angela Merkel legte sich früh auf Christian Wulff fest. Chronik des Präsidenten-Castings.

Von Hans Peter Schütz

Als der hochrangige CDU-Politiker vergangenen Mittwoch die Schlagzeilen las, fragte er sich: Spinnen die Medien oder spinne ich? Ursula von der Leyen sprang ihm in voller Druckerschwärze förmlich ins Gesicht. "Wird sie die Mutter der Nation?" "Wie finden Sie die Neue?" "Sie kann die Erste werden." "Ursula von der Leyen - Macht sie den Horst?"

Dann dachte der CDU-Mann, der von der Favoritenrolle der Arbeitsministerin bereits am Dienstag erfahren hätte, wenn sie tatsächlich eine gehabt hätte, noch mal nach und sagte halblaut: Die spinnen! Wenn er einmal in Pension gehe, sagt er stern.de, schreibe er ein Buch darüber, wie die deutschen Medien bei der Frage der Nachfolge von Horst Köhler an den Fakten vorbei gedichtet haben. Buchtitel: "Blindlauf in die Falschmeldung."

Runter von der Kandidatenliste

Das Buch könnte auch einen anderen Titel haben: Die riskante Selbstinszenierung der Ursula von der Leyen. Denn der Ablauf der Nominierung von Christian Wulff sah nach Angaben von Beteiligten, mit denen stern.de sprach, so aus:

Nach dem Rücktritt von Horst Köhler am Montagmittag, treffen sich die Parteichefs Angela Merkel, Horst Seehofer und Guido Westerwelle zu einem ersten Gespräch über das Thema "Wer wird Nachfolger?" Locker deklinieren sie rein theoretisch alle denkbaren Namen durch. Seehofer lässt schmunzelnd den Namen von der Leyen fallen.

Einig war man sich immerhin über zwei Dinge: Wolfgang Schäuble sei als Bundesfinanzminister unverzichtbar. Ihn brauche man bei der kommenden staatlichen Großsparaktion. Ebenfalls unverzichtbar sei Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. In ihrem Ressort, dem derzeit wichtigsten neben dem Finanzministerium, komme ein Wechsel nicht in Frage. Beide Namen seien von der Kandidatenliste zu streichen.

"Ich mache es gerne"

Am Dienstag gegen 14.30 Uhr rief die Kanzlerin bei Wulff in Hannover an: Ob er Zeit habe, mit ihr mal zu reden, fragte sie betont unpräzise. Vom Präsidentenamt war keine Rede. Am Abend musste Wulff zunächst in Hannover eine Jubiläumsfeier besuchen, auf der die Eröffnung der Expo-Weltausstellung vor zehn Jahren bejubelt wurde. Altkanzler Gerhard Schröder war auch da, die Scorpions spielten. Wulff schlich sich dezent davon und setzte sich in den Zug nach Berlin. Gegen 21 Uhr traf er mit Merkel im Kanzleramt zusammen und diskutierte bis Mitternacht mit ihr über die Kandidatur.

Merkels zentrales Problem war: Wulffs Kandidatur könne ihr als der plumpe Versuch angelastet werden, sie wolle einen lästigen innerparteilichen Konkurrenten ins Präsidialamt abschieben. Quasi den Letzten der CDU-Herren, der noch eine Kanzlerchance habe. Aber das hinderte sie nicht, trotzdem auf den Niedersachsen zu setzen. Beim Abschied sagte Wulff der Kanzlerin, er brauche Bedenkzeit. Er werde eine Nacht darüber schlafen, mit seiner Frau reden und dann entscheiden.

Am Mittwochmorgen rief Wulff Merkel an und sagte: "Ich mache es gerne."

Hollywoodreife Inszenierung

Das war's. Nirgendwo hatte bis dahin Merkel den Namen Ursula von der Leyen ins Spiel gebracht. Pikanterweise war es Wulff gewesen, der am Montag in Hannover in kleiner Runde mal en passant von der Leyen erwähnt hatte. Das nahm keiner ernst, weil alle, die dabei saßen, wussten, dass Wulff sie dort auf keinen Fall ernsthaft würde sehen wollen.

Die Familienministerin und ihre Anhänger waren es selbst, die sie am Dienstag verbal massiv zur Favoritin hoch putschten. Sie genoss es in vollen Zügen. Vor der Presse inszenierte sie sich hollywoodreif, indem sie auf die Frage, ob sie im Gespräch sei, kokett die Hand vor ihren Mund schob und wissend lächelte. Dass niemand sie jemals gefragt hatte, wollte sie wohl nicht zugeben. Sie tat, als sei sie ganz dicke im Kandidatengeschäft.

Die umfunktionierte Suchaktion

"Ursula von der Leyen hat die Suchaktion nach einem Präsidenten, in der ihr Name nie gefallen war, gezielt in eine Suchaktion nach Ursula von der Leyen umgesteuert," rügt einer der informierten Beobachter ihre Aktionen. Typisch sei gewesen, wie sie am Dienstag auch mal die Bemerkung fallen gelassen habe, sie habe auch noch einen tollen Mann. Auch stern.de sah von der Leyen zeitweise als Favoritin.

Am Mittwoch allerdings scheint sie gemerkt zu haben, dass die Kanzlerin nicht einen Gedanken darauf verwandte, sie zur Bundespräsidentin zu machen. Denn beim Auseinandergehen nach einem Gespräch in größerer Runde im Kanzleramt murmelte Merkel eher nebenbei in ihre Richtung, einen Automatismus, dass sie Kandidatin sei, gebe es nicht.

Die Kandidatenfrage - eine Existenzfrage

Von der Leyens Selbstinszenierung beeinflusste nie auch nur halbwegs die politische Diskussion, die in der CDU/CSU-Führung ablief. Von dort waren am Mittwoch warnende Wort zu hören: Seien Sie vorsichtig mit dem Namen. Sie können sich sehr täuschen.

Dass von der Leyen nie ernsthaft im Gespräch war, hatte im Übrigen nichts damit zu tun, dass konservative Wahlmänner sie wegen ihrer Frauenpolitik in der Bundesversammlung vielleicht nicht gewählt hätten. Zwar sind derartige Hinweise aus dem CDU-Landesverband Baden-Württemberg und auch aus CSU-Kreisen gekommen. Denen habe man jedoch mitgeteilt, so ein Insider zu stern.de: Egal wen die Kanzlerin vorschlägt, den müssen wir geschlossen wählen. Denn wenn ihr Kandidat nicht durchkomme, sei die Koalition am gleichen Tag beendet. Merkel sei mit einer festen Überzeugung ins Gespräch über den Präsidentschaftskandidaten gegangen: Wenn wir ihn fragen und er sagt ja, dann muss er es auch werden.

Der Rest ist Schweigen

Nur, Ursula von der Leyen hat sie nie gefragt.

Die tröstet sich mittlerweile mit dem Gedanken, eines Tages könnte sich die Union auf die Suche nach einer neuen Kanzlerin begeben.

P.S.: Ursula von der Leyen wollte sich auf Anfrage von stern.de nicht zu den Vorgängen äußern. Die Pressestelle ihres Ministeriums teilte mit: "Die behauptete These der Selbstinzenierung von Ursula von der Leyen kommentieren wir nicht."

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