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15. September 2006, 12:18 Uhr

Hauptstadt mit Hartz

Berlin ist pleite. Berlin gehen die Jobs aus. Na und? Jeder Zweite lebt hier nicht vom Lohn eigener Arbeit - und lebt trotzdem nicht schlecht. Berlin ist zum Big Apple für Arme geworden. Und die werden dafür sorgen, dass auch die Wahl am Sonntag daran nichts ändert. Von Walter Wüllenweber

Der Angler: Hartz-IV-Empfänger Sven Sigbjoernson, 35, geht fast täglich mit seiner Profi-Ausrüstung auf Raubfische in Berlin-Mitte. In der Spree beim welt-berühmten Pergamonmuseum beißen sie besonders gut.© Eva Häberle

Sie kennen keine Gnade. Und keine Noten. Untalentierte Musikanten quälen die Fahrgäste der Berliner S-Bahn. Irgendwo zwischen Bahnhof Zoo und Friedrichstraße packen zwei blonde Männer ihre Folterwerkzeuge aus, Gitarre und Klarinette, und dudeln ihr Lied. Vermutlich "Strangers In The Night". Auf Höhe des Bundeskanzleramtes beginnt der Klarinettenmann mit einem Pappbecher Geld zu sammeln, eine Prämie fürs Aufhören. Er kommt zu einer typischen Berliner Göre mit Scout-Schultasche auf den Knien, vielleicht zehn oder elf Jahre alt. "Wat bist du denn für eener", schnauzt sie ihn an. "Kriste keen Hartz?" Der Musikant lächelt und sagt: "Doooch."

Wie man ohne Job über die Runden kommt, weiß in Berlin jedes Kind. Dabei ist die Hartz-Reform nicht mal zwei Jahre alt. Innerhalb kürzester Zeit hat sich Arbeitslosengeld II, wie Hartz IV im Amtsdeutsch heißt, in der Hauptstadt als Lebensform etabliert. Über 17 Prozent der Berliner leben von Hartz, fast doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Berlin geht die Arbeit aus. Beinahe monatlich verkünden hier Großunternehmen die Streichung von Jobs, meistens gleich ein paar hundert auf einmal: Samsung, Bosch-Siemens, der Elektronikkonzern JVC oder die Fiat-Tochter CNH. Die Liste ist endlos. Berlin ist Exportweltmeister von Industriearbeitsplätzen, seit der Wende rund 175 000, fast zwei Drittel des ehemaligen Bestandes. Inzwischen ist die Arbeitslosenquote in Berlin (17,4 Prozent) schon höher als im Schnitt Ostdeutschlands. Das sind Horrordaten. Sie klingen nach Depression, nach Weltuntergangsstimmung, nach hängenden Köpfen.

Von wegen. "Seid ihr jut drauf?", ruft der Klaus auf der Bühne ins Mikro. 30 000 Berliner antworten: "Ja." "Das reicht noch nicht", findet der Klaus und versucht es noch mal und noch lauter: "Seid ihr richtig jut drauf?" Aber jetzt: "Jaaaaahh", jubeln sie Klaus Wowereit zu, ihrem Bürgermeister. Der schaut mal schnell im Wannseebad vorbei. Die Sonne scheint. Junge Menschen liegen am Ufer oder im lauwarmen, seichten Wasser. Auf einer riesigen, schwimmenden Bühne spielen die angesagtesten Bands für Ohren unter 25 Jahren. Am Abend beleuchtet ein Feuerwerk den Himmel. Und das Beste: Es kostet nichts. Der Veranstalter, der Radiosender NRJ, nennt die Party das "größte Gratis-Hit-Festival Europas". Das passt, denn gerade die Jungen sind in Berlin besonders von Arbeitslosigkeit betroffen. Es ist ein perfekter Termin für einen kurzen Wahlkampfauftritt von Klaus Wowereit.

Am Sonntag wählen die Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. 17 Jahre nach dem Fall der Mauer lautet die große, die wahlentscheidende Frage nicht mehr: Ost oder West? Sie lautet: arbeiten oder nicht arbeiten? Gerade mal 39 Prozent der Berliner leben vom Lohn eigener Arbeit. 49 Prozent hingegen leben von staatlichen Transferleistungen, etwa von Arbeitslosengeld I oder II, von Sozialhilfe oder Bafög. Auch die Rentner werden von denen finanziert, die heute einen Job haben. (Die restlichen 12 Prozent sind nicht erwerbstätige Ehegatten und Kinder der Arbeitenden.) Wer für seinen Lebensunterhalt selbst arbeitet, gehört in der Hauptstadt zu einer immer kleiner werdenden Minderheit. In der Mehrheit sind diejenigen, die aus öffentlichen Kassen unterhalten werden. Und Mehrheiten entscheiden Wahlen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2006

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