Kaum hatte der Wahlleiter bestätigt, dass die CDU mit 0,1 Prozentpunkten Vorsprung stärkste Kraft bleibt, jubelten sich die Konservativen im Fraktionssaal die Kehlköpfe wund. Das ändert indes nicht die politische Diagnose: Roland Koch wird in die Geschichte eingehen - als bester Wahlkampfhelfer der SPD. Von Lutz Kinkel, Wiesbaden

Das Eregbnis traf Roland Koch sichtlich unvorbereitet© Michael Dalder/Reuters
23 Uhr 20. Gedränge im Keller des Wiesbadener Landtags, die Kameraleute lassen ihre Scheinwerfer aufblitzen. Vorne ein Pult, der Landeswahlleiter soll in wenigen Minuten das amtliche Endergebnis verkünden. An den Wänden flimmern Wahlsendungen über die Flatscreens. Eine letzte Hochrechnung: Die CDU liegt mit 0,1 Prozentpunkten vor der SPD. Ungläubiges Staunen. "Das rettet seinen Arsch", raunt ein Journalist.
Der Wahlleiter tritt ans Pult. Er wolle, um die Neugier zu befriedigen, zunächst zwei Dinge sagen. Erstens: Die hessische CDU bleibe die stärkste Kraft. Zweitens: Die Linkspartei habe den Sprung in den Landtag geschafft. Ein Blick auf die Flatscreens. Live-Schaltung in den Fraktionssaal der CDU, sechs Stockwerke über dem Keller. Jubel, Lachen, Biergläser. Die blauweißen Schilder, die stundenlang unbeachtet in der Ecke lagen, tanzen wieder durch die Luft. "Starkes Hessen. Roland Koch" steht darauf. Oder: "Roland Koch. Wer sonst." Welch eine perfide Wendung. Was für ein lächerlicher, kleiner Triumph.
Roland Koch hatte einen Wahlkampf geführt, der das ganze Land emotional auseinander riss. Er operierte mit Ressentiments gegen Ausländer. Mit dem Schreckgespenst einer kommunistisch inspirierten Rotfront im Landtag. Er scheute auch nicht davor zurück, beides miteinander zu verquirlen: Auf seinen Plakate warnte er vor "Ypsilanti, Al-Wazir und Kommunisten", vor einer fremdartigen, anti-bürgerlichen Unterwanderung. Das war selbst der Bundes-CDU zuviel. Die Parteivorsitzende Angela Merkel stellte sich zwar offiziell hinter Kochs Vorschläge zur Bekämpfung der Ausländerkriminalität. Aber sie vermied tunlichst jede Zuspitzung. CDU-Ministerpräsident Christian Wulff, der parallel in Niedersachsen wahlkämpfte, ließ sich erst gar nicht in Kochs Niederungen herab.
Die Meinungsforscher prophezeiten Koch, dass ihm die Kampagne auf die Füße fallen werde. Denn er hatte die Fachleute und die öffentliche Meinung gegen sich. Kochs Strategie war zu durchsichtig, er selbst zu unglaubwürdig. Die Zeitungen hielten ihm die Versäumnisse seiner eigenen Amtszeit vor: deutlicher Anstieg der Gewaltkriminalität in Hessen, weggekürzte Planstellen bei Polizei und Gerichten, lange Verfahrensdauer bei Gewaltdelikten, zu wenig Plätze im Strafvollzug. Koch galt rasch als skrupelloser Kampagnero.