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Röslers Debakel

Knapp 2 Prozent: Exit der Berliner FDP. Das ist auch Röslers Verschulden. Sein Euro-Gefummel hat niemanden überzeugt. Zu Besuch auf der liberalen "Wahlparty".

Von Lutz Kinkel und David Weyand

Zirka 200 Anhänger der Liberalen haben sich in das Thomas-Dehler-Haus gewagt, die Berliner Parteizentrale. Hier soll die "Party" nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus stattfinden. "Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt", sagt Timo Bergemann, 18, Mitglied der Jungen Liberalen im Bezirk Reinickendorf. Er glaubt noch kurz vor der ersten Prognose, dass die FDP über die 5 Prozent-Hürde kommen wird.

18 Uhr, angespannte Ruhe. Leichte Verluste für die regierenden Parteien SPD und Linke - Klatschen im Saal. Zugewinne für die CDU - Klatschen. Grüne bei 18 Prozent - Stille. FDP: Zwei Prozent - tosender Applaus, junge Leute fallen sich in die Arme, werfen Konfetti und singen: "Endlich raus, endlich raus!" Empörung, Unsicherheit, Wut unter den Liberalen: Wer ist das?

Es ist die Spaßfraktion der Hedonistischen Internationalen, und es sind Anhänger des Satirikers Martin Sonneborn, der "Die Partei" gegründet hat. Ungefähr 30 Leute insgesamt, sie haben sich unerkannt in das Foyer der FDP-Parteizentrale geschlichen. Sonneborn will noch einen oben drauf setzen. Mit einem "Die Partei"-Transparent in der Hand stürmt er die Bühne und stellt sich ans Mikrophon des verwaisten Stehpults. Er kommt nicht mehr zum Reden. Sicherheitsbedienstete führen ihn von der Bühne.

Zurück bleibt die Schmach. Niemand scheint die FDP noch ernst zu nehmen.

"Die Guidos"

Die Berliner Liberalen wussten, dass sie um ihre Existenz kämpfen müssen. Und der Parteivorsitzende Philipp Rösler auch. Bei seinem Antritt versprach er: "Ab heute wird geliefert". Was er lieferte, waren Wahlniederlagen - in Bremen, in Mecklenburg-Vorpommern. Das sollte sich in Berlin nicht wiederholen. Also griff Rösler die euro-skeptische Haltung der Bürger auf und sprach öffentlich von einer möglichen Insolvenz Griechenlands. Der FDP-Landesvorsitzende Christoph Meyer formte daraus - in Abstimmung mit Rösler - ein Wahlkampfthema. "Berlin-Wahl ist Euro-Wahl", ließ er plakatieren. Die FDP als Schutzmacht des deutschen Steuerzahlers. Zu dumm, dass die Bürger den Liberalen in der Euro-Politik so gut wie keine Kompetenz zumessen. Sie stehen im entsprechenden ARD-Ranking noch hinter der Linkspartei.

Christoph Meyer tritt als erster ans Mikrophon im Thomas-Dehler-Haus. Er ist blass, spricht stockend. Es sei eine "bittere Niederlage" sagt er, über die Konsequenzen müsse in Ruhe beraten werden. "Es werden auch wieder bessere Tage für uns kommen", sagt er. Da platzt dem Mediziner Eckerhart Frantz, 55, der Kragen. "Nein, es wird nicht mehr besser!" ruft er laut zurück. Etwas leiser sagt er zu den Umstehenden: "Die Mövenpick-Steuer hat uns das Genick gebrochen". Anfang 2011 trat Frantz bei den Liberalen aus, er kommt jetzt nur noch aus Neugier. Die Partei, sagt Frantz, habe momentan keine Kraft, sich für eine echte Steuerreform einzusetzen. Es fehle auch an personellem Sachverstand, weil junge, ehrgeizige Männer, die direkt vom Studium in die Politik wechselten, zuviel Einfluss bekommen hätten - Frantz nennt sie "die Guidos".

"Ein schwerer Weg"

Einer der "Guidos" löst endlich den gequälten Meyer ab. Um 18.40 Uhr tritt Generalsekretär Christian Lindner ans Mikrophon. "Das Ergebnis ist ein Tiefpunkt und Weckruf zugleich" sagt er. Lindner rät zur Besinnung, zur Nachdenklichkeit, es sind Worte, die so ähnlich häufig in den vergangenen Monaten gefallen sind. Aber niemand weiß mehr so genau, worauf er sich besinnen soll. "Wir dürfen keine reine Wirtschaftspartei bleiben", sagt die 19-jährige Elisabeth Oehler. Andere fordern eine Renaissance des Themas Bürgerrechte. Oder muss Guido Westerwelle nun gehen, weil er als personelle Altlast gilt? "Eine Personaldebatte können wir jetzt jedenfalls überhaupt nicht vertragen", sagt Nils Augustin, Chef des Ortsverbandes Hackescher Markt. Er war wegen Westerwelle in die Partei eingetreten.

Der Euro, das Megathema des Berliner Wahlkampfs der Liberalen, wird die Partei fürs erste noch auf Trab halten. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler organisiert gerade eine Mitgliederabstimmung, er will keinen Cent mehr für die Griechen hergeben. Hat Schäffler Erfolg, wird sich Rösler noch viel weiter vom Kurs der Kanzlerin entfernen müssen, als er das ohnehin schon getan hat. Wie die schwarz-gelbe Koalition dann noch zusammenarbeiten soll, kann keiner sagen.

Am Abend sitzt Rösler bei "Günther Jauch", er sieht niedergeschlagen aus, aber auch gefasst. "Für mich war klar, das wird ein schwerer Weg werden", sagt er. Persönliche Konsequenzen will er aus dem Wahldebakel nicht ziehen.

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und David Weyand