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Ein Tag mit Gemüsesuppe und Ex-Terroristinnen

Seit anderthalb Jahren wird in Stuttgart gegen Verena Becker prozessiert, der die Beteiligung am Buback-Mord vorgeworfen wird. Doch der Kampf um die Wahrheit ist längst vorbei. Es geht nur noch darum, irgendwie aus der Nummer rauszukommen.

Von Manuela Pfohl, Stuttgart

  Frühere RAF-Terroristin: Verena Becker hat dem Gericht nichts zu sagen

Frühere RAF-Terroristin: Verena Becker hat dem Gericht nichts zu sagen

  • Manuela Pfohl

Wollen Sie da rein, oder müssen Sie, fragt der Mann, der den Weg zum Stuttgarter Landgericht weist. Die Antwort, Verena Becker sitze dort auf der Anklagebank und das sei doch spannend, nimmt der ältere Herr mit Schulterzucken hin. "Wer soll das sein?" Der heiße Herbst, die RAF, die "Bewegung 2. Juni", Notstandsgesetze, Straßenschlachten und Gefangenenbefreiungen sind offenbar längst vergessen, wie auch das Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback vom 7. April 1977. An den Zeitungskiosken der Stuttgarter Innenstadt melden die Blätter am Freitagmorgen neue Einzelheiten zur Affäre Wulff und dem Untergang der Concordia. Vom Prozess gegen das Ex-RAF-Mitglied Verena Becker, die am Buback-Mord beteiligt gewesen sein soll, ist nichts zu lesen.

Der Kampf des Staates gegen die linken Staatsbekämpfer, der jahrelang die Öffentlichkeit beschäftigte, ist zu einem juristischen Spiegelfechten geworden, das seit mittlerweile anderthalb Jahren vom Oberlandesgericht Stuttgart geführt wird. Und es interessiert eigentlich kaum noch jemanden, obwohl der Buback-Mord bundesrepublikanische Politikgeschichte geschrieben hat. Immerhin war er der Auftakt der "Offensive 77", mit der die Rote Armee Fraktion seinerzeit eine ganze Anschlagsserie startete. In bislang 72 Verhandlungstagen hat der Staatsschutzsenat versucht herauszufinden, ob stimmt, was der Generalbundesanwalt der 58-Jährigen vorwirft. Nämlich, dass sie entgegen früherer Erkenntnisse, doch an der Schießerei in Karlsruhe beteiligt war, bei der Buback sowie dessen Fahrer und ein Justizwachtmeister ums Leben kamen. Und es geht, zumindest indirekt auch um die Frage, ob Verena Becker nur deshalb jahrelang unbehelligt blieb, weil sie die RAF für den Verfassungsschutz ausspionierte.

Die Suche nach der Wahrheit ist 34 Jahre nach der Tat mühselig. Im März 2011 blockiert das Bundesinnenministerium die Freigabe von Akten des Verfassungsschutzes. Anfang August belastet ein ehemaliger "Bild"-Reporter die Angeklagte. Doch zwei Wochen später wird sie von einem ehemaligen Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) entlastet. Die damals Involvierten widersprechen sich. Manche erinnern sich nicht mehr. Eine Zeugin will partout nicht aussagen, ein anderer kann nicht, weil er inzwischen dement ist und ein dritter fällt ebenfalls aus, weil er bereits verstorben ist. Detailfragen werden gestellt, akribisch seziert und schließlich beantwortet, ohne dass für einen Außenstehenden ersichtlich wäre, wozu das Ganze führt. Zum Ziel jedenfalls nicht, wie es nach der langen Verfahrensdauer scheint. Und: Das Ganze ist noch nicht einmal besonders aufregend für diejenigen Zuschauer, die sich doch ab und an auf der Suche nach den letzten Resten vom heißen Herbst in den Prozess verirren. Es gibt keine mit Sturmmasken ausgerüsteten und schwer bewaffneten Spezialeinheiten, die Verena Becker in den Verhandlungssaal bringen. Keine Einlasskontrollen mit Abtasten und "Hände hoch", nicht einmal Fotografen sind da an diesem Freitag.

Der eigentliche Gegner ist der Sohn von Siegfried Buback

Das Verfahren gegen die einstige Staatsfeindin, deren Fahndungsfotos früher in jeder Bahnhofshalle hingen, findet in Saal 153 im ersten Stock des wuchtigen Betonbaus statt. Der lange, breite Gang vor dem Saal ist leer, in der Luft hängt der Geruch von Reinigungsmitteln gemischt mit einem Hauch von Knoblauch.

Auch heute sitzt die zierliche Frau in Jeans, blauweiß gestreifter Bluse und Wollpullover wortlos zwischen ihren beiden Verteidigern. Sie trägt wie immer eine dunkle Brille, die jedoch nicht verbergen kann, dass sie jede Sekunde dieses Prozesstages aufmerksam verfolgt und jeden einzelnen Beteiligten genau im Blick hat. Ihr gegenüber die beiden Vertreter der Bundesanwaltschaft in roten Roben. Vorn die fünf Richter des 6. Strafsenats. Doch der eigentliche Gegner ist Michael Buback, Sohn von Siegfried Buback, schräg links vor ihr. Er ist im Prozess als Nebenkläger zugelassen und hat es sich zur Aufgabe gemacht zu kontrollieren, was die Juristen da tun.

Eine Notwendigkeit, wie er meint, denn er zweifelt, dass bei den Ermittlungen zum Tod seines Vaters immer alles mit rechten Dingen zugegangen ist und argwöhnt, dass auch jetzt an mancher Stelle gemauert werde. Er ist ein freundlicher älterer Herr mit grauem Sakko, schwarzer Hose und schütterem weißen Haar, der auf seinem Stuhl sitzt, manchmal demonstrativ gelassen hin und her wippt, die Beine übereinanderschlägt und sich sehr oft nach hinten dreht, in die Besucherreihe, wo die Journalisten sitzen. Vor sich hat er einen Laptop und wenn er nicht darauf tippt, dann stellt er Fragen, mischt sich ins Prozessgeschehen ein, kritisiert das Gericht, die Bundesanwaltschaft, die Verteidigung – kurz: alle. Warum er das tut, kann jeder im "Buback-Blog" nachlesen. Es ist, so scheint es wenigstens, längst kein Kampf mehr um die Wahrheit, sondern einer um die Meinungshoheit.

Mitglied der "Bewegung 2. Juni" sagt aus

Auch an diesem Freitag vergehen Stunden mit prozessualen Fragen, es werden seitenlange Begründungen verlesen, warum eine Zeugin nichts zur Aufklärung beitragen kann, Anträge für weitere Zeugenvernehmungen werden gestellt. Ginge es nach Verena Beckers Verteidigung müssten demnächst alle 26 Mitglieder einer damaligen Sonderkommission des Verfassungsschutzes zur Befragung antreten. Der Vorsitzende Richter, ebenfalls ein freundlicher älterer Herr mit schütterem weißen Haar, notiert, moderiert, ignoriert, je nach Notwendigkeit, bis endlich Mittagspause ist. In der Kantine gibt es Gemüsesuppe und Schnitzel.

Am Nachmittag wird es spannend, hatte ein Prozessbeteiligter vor Tagen versichert. Es käme eine Zeugin, die Mitglied der "Bewegung 2. Juni" war. Tatsächlich füllt sich der Saal. Mit Journalisten, mit Neugierigen und mit einzelnen Herren, die mit einen Knopf im Ohr in der hintersten Besucherreihe Platz nehmen und so offensichtlich uninteressiert wirken, dass zwei Zuschauer flüsternd erklären, man sehe es ihnen an, dass sie von irgendeinem Verfassungsschutz kämen.

Dann geht es los. Die Zeugin, die als Diplomsoziologin in Hamburg arbeitet und früher mal zu 15 Jahren Haft wegen ihrer Beteiligung an diversen Straftaten des "2.Juni" verurteilt worden war, soll Licht ins Dunkel und eigentlich Antwort auf die Frage bringen, ob Verena Becker an dem Buback-Mord beteiligt war, oder womöglich sogar selbst geschossen hat. Doch stattdessen wird sie danach gefragt, wer sich wann und mit welchem Decknamen in einem Wüstencamp im Jemen aufhielt, wie gut die Verbindungen zwischen der RAF und der "Bewegung 2. Juni" waren, ob es stimmt, dass gefangene RAF-Mitglieder in der Haft heimlich Marzipan herstellten und während des Hofganges anderer Gefangener aus den Zellenfenstern warfen.

Zweieinhalb Stunden später ist klar, dass auch dieser Verhandlungstag nicht mehr als vergeudete Zeit war. Es ist, als gebe es - warum auch immer - eine stillschweigende Vereinbarung, am eigentlichen Thema vorbei zu prozessieren. Um 16 Uhr bläst der Vorsitzende Richter die Verhandlung für heute ab. In der Gerichtskantine gibt’s frischen Kaffee, Donuts und belegte Brote. Am Stuttgarter Marienplatz rutscht eine Frau fast im glitschigen Schneematsch aus. Die Radionachrichten melden den ersten Feierabendstau und die Pleite von Schlecker. Von Verena Becker melden sie nichts.

Von Manuela Pfohl, Stuttgart

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