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27. November 2009, 14:49 Uhr

Guttenbergs Stahlbad

Der Tanklaster-Skandal fordert seine Opfer: Der oberste Bundeswehr-General und sein Ex-Chef, Franz Josef Jung, müssen gehen. Von dem Durcheinander profitiert Karl-Theodor zu Guttenberg - und vielleicht die ganze Republik. Von Wolfram Weimer

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Räumt in dessen alten Revier auf: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (r.) und sein Amtsvorgänger Franz Josef Jung© John MacDougall/AFP

Inmitten der Turbulenzen wächst Karl-Theodor zu Guttenberg in eine völlig neue Rolle. War er bislang ein geschmeidiger Darling der Medien so zeigt er sich nun als knallharter Krisenmanager und Kriegsführer. Binnen weniger Stunden feuert er den Generalinspekteur und seinen Staatssekretär gleich mit. Das ganze verkündet er nicht über eine Pressekonferenz, sondern staatstragend im Deutschen Bundestag. Zugleich offenbart er mit seinem neuen Stil der Offenheit die Vertuschungen seines Amtsvorgängers und stößt den damit in den politischen Abgrund. Guttenberg ist plötzlich gar nicht mehr der nette Baron mit der diplomatischen Höflichkeit. Jetzt ist er der beinharte Kehrausminister. Er spricht offen von einem Krieg, wo Jung die heikle Vokabel über Jahre unterdrückt hatte.

Guttenbergs rasche Konsequenz in der Affäre hat Jungs Rücktritt nicht nur beschleunigt, sondern geradezu erzwungen. Die Härte mit der die Ritter-Inkarnation der deutschen Politik plötzlich zupackt, verblüfft das Publikum. Der Parzival des politischen Betriebs bekommt schlagartig eine stählerne Rüstung.

Ankläger und Aufklärer in Personalunion

Guttenberg gelingt in der Affäre, was Militärs gerne "Vorne-Verteidigung" nennen. Er greift selber an, übernimmt die Rolle des Anklägers (eigentlich macht das die Opposition) und der Aufklärers (also die Medien- und Parlamentsarbeit) und des Richters in Personalunion. Das ist außerordentlich geschickt, denn es unterstreicht nicht nur die Tatkraft des bislang vor allem Wortmächtigen, es schützt vor allem ihn selbst in dieser Affäre.

Das unglaubliche Jahres-Epos namens Guttenbergs geht also ins nächste Kapitel. Er brachte noch vor Jahresfrist so ziemlich alles mit, was für die medialen Schandmäuler der Republik ein Festmahl gewesen wäre: Ein bayerischer Jungspunt aus dem Adelsgeschlecht, mit gegelten Haaren, liiert mit einem hübschen Blondine und einer Schwäche für AC/DC-Hardrock-Musik versuchte über die CSU aus der Tiefe des provinziellen Raums kommend in Berlin Karriere zu machen. Alle Experten hätten selbst Homer Simpson mehr Chancen gegeben.

Politmärchen der Jahres

Doch nun ist alles spektakulär anders gekommen. Guttenberg ist nicht nur zum politischen Beliebtheitskönig aufgestiegen ist, er punktete nicht bloß als Überraschungs-Generalsekretär sondern stieg gleich zum Gralshüter der Sozialen Marktwirtschaft auf, ja zum gefühlten Enkel Ludwig Erhards, schließlich zum Erststimmenmeister der Republik und dann zum jüngsten Verteidigungsminister aller Zeiten. Manche halten ihn bereits für den besseren Außenminister.

Dass alles klingt nach einem Politmärchen, denn das alles ist in nur einem Jahr passiert. Der "Politiker des Jahres" (so die Auszeichnung, die er vor wenigen Tagen auch noch erhalten hat) wirkt inzwischen wie eine Mischung aus Armani und Konrad Adenauer. Vom bestangezogenen Mann bis zum besten Redner feiert man "den coolen Baron", und selbst notorisch hämische Medien legen sich ihm kreischend zu Füßen wie Groupies einem Popstar, dass man sich wöchentlich fragt, wann sich diese journalistische Hype denn ins Gegenteil verkehrt. Die Tanklaster-Affäre ist für Guttenberg daher besonders gefährlich. Bislang allerdings scheint er auch diese Krise wie ein Stahlbad zu meistern.

Mit eigener Haltung zum Erfolg

Gerade weil Guttenberg die Lage so offensiv meistert, dürfte er auch in der Afghanistanpolitik insgesamt noch für Überraschungen gut sein. Er will diesen Krieg ganz offensichtlich möglichst rasch beenden. Er mahnt als erster Bundesminister offen einen Rückzug an und organisiert erste Schritte zur "Übergabe in Verantwortung" an die Afghanen. Damit hat der neue Verteidigungsminister eine Zäsur in der Kriegsstrategie eingeleitet. Die Tanklaster-Affäre dürfte diesen Prozess beschleunigen.

Denn Guttenberg zeichnet aus, dass er eine Haltung hat und diese unbeirrt verfolgt. In der Opel-Krise hat er mitten im aufziehenden Wahlkampf die krass unpopuläre Position vertreten, dass ein geordnetes Insolvenzverfahren die bessere Alternative sei. Das hat imponiert, nicht nur weil er in der Sache richtig lag, sondern weil er ein Spektakel der Mediendemokratie gebrochen hat: Das Spiel nämlich, sich auf einem Quadratmillimeter politisch korrekter Meinungsmitte zu treffen, anstatt offen die Meinung zu sagen.

Mit der Magie des Autonomen findet Guttenberg zum Afghanistankrieg nicht nur eine neue, offene Sprache, sondern auch einen unverstellten Blick. Mit dem Komplettaustausch der militärpolitischen Führung findet er nun vielleicht auch einen neuen Ausweg aus dem Schlamassel am Hindukusch. Dann hätte die Tanklaster-Affäre einen großen Nutzen für die Republik.

Von Wolfram Weimer
 
 
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