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20. November 2009, 14:42 Uhr

Schaumküsse und Blutnasen

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen steckt in der Krise. Mit ihren Milliarden treiben ARD und ZDF zusehends Unfug. Und senden lieber Boxkämpfe und Daily Soaps als ihrem Bildungsauftrag nachzukommen. Von Wolfram Weimer

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Immer wieder samstags: Boxkämpfe auf ARD und ZDF© Thomas Langer/Bongarts/Getty Images

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen steckt in der Krise. Nicht in einer wirtschaftlichen. Denn unsere GEZ-Zwangsbeiträge spülen den reichen Staatssendern auch im Krisenjahr mehr als sieben Milliarden Euro in die Kassen. Die Krise ist inhaltlicher Natur. Denn mit ihren Milliarden treiben ARD und ZDF zusehends Unfug. Samstags abends zum Beispiel. Wenn die Nation wochenentspannt vor dem Fernseher sitzt, dann bieten ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Kanäle Schlägereien der übelsten Sorte als Massen-Unterhaltung an.

Sie nennen es "Boxsport", in Wahrheit aber inszenieren sie Prügelshows nach den billigsten Boulevardregeln der Kirmeskämpfe. Unter dem Gejohle des alkoholisierten Publikums schlagen sich hart gesottene Kerle gegenseitig die Schädel ein, bis das Blut spritzt, die Augen zuschwellen und Fleischwunden aufplatzen. Die scheinseriösen Reporter von ARD und ZDF fachsimpeln dazu über den Moment, indem "wunderbare Kinnhacken" die Unterkiefer zertrümmern und "entscheidende Treffer" gesetzt werden, will heißen - ein Mensch bis zu Gehirnaussetzern ohnmächtig gepeinigt wird.

Das Show-Ornament dieser öffentlich-rechtlichen Sachkompetenz kommt aus Las Vegas, die Dramaturgie stammt aus der kriminellen Unterwelt, die bedienten Instinkte lauern noch tiefer.

Öffentlich-rechtliche Gladiatorenkämpfe

An diesem Samstag macht sich das ZDF mal wieder besonders laut zum Prügelsender. Es kämpft die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Kultur bedeutsame Figur Giacobbe Fragomeni gegen den Halbschwergewichtler Zsolt Erdei. Das ZDF, ganz in der Pose seiner Gladiatorenkompetenz, prahlt: "Der Italiener Fragomeni gewann 26 seiner 28 Profikämpfe, zehn davon durch k.o.". Ist das nicht toll! Er schlägt die anderen regelmäßig bewusstlos. Das ZDF jubiliert.

Jetzt weiß man endlich, warum es überhaupt noch öffentlich-rechtliche Sender gibt: Damit die Privaten nicht immer so viel Gewalt und niveauloses Spektakel senden. Denn das ZDF kann das inzwischen besser. Im Mainzer Sender bringt es der Ungar Erdei sogar auf "17 k.o-Fights". Potzblitz, Herr Intendant. Ihr Sender hat aber auch eine Durchschlagskraft!

Wer nach diesen beiden Brutalschlägern noch nicht genug hat, den lässt das ZDF nicht allein. Schließlich ist man ja bei dem Sender, der am gleichen Samstag bereits "Mona, der Vampir", "Die Küchenschlacht", "Die Tote im See", "Lafer!Lichter!Lecker!", den Samstagskrimi "Von Fall zu Fall" und den intellektuellen Hochgenuss "Unser Charly" (Eine affengeile Sendung) ausgestrahlt hat.

Teure Boxblutereien

Wenn man nach alledem also auch den Blutboxkampf der k.o.-Herren überstanden hat, dem senden die Mainzer Leuchttürme des Qualitätsjournalismus dann einen nächsten Leckerbissen Bildungsfernsehen ins Haus: den Kampf von Humberto Gutierrez gegen Vitali Tajbert, es gehe schließlich um "die Weltmeisterschaft im Super-Federgewicht".

Das ist natürlich Unsinn. In Wahrheit geht es um ein buchstäblich brutales Geschäft. Wie Raubtier-Sensationen werden die Gladiatoren der ARD-ZDF-Boxringe vermarktet und präsentiert. Denn schließlich zahlen die Sender weit mehr als 20 Millionen Euro allein für die Übertragungsrechte der Boxblutereien. Mit allen Nebenkosten werfen unsere öffentlich-rechtlichen für die Kämpfe so viel in den Boxring wie die Welthungerhilfe als Jahresspenden erhält. Ist ja auch vergleichbar wichtig.

Da es die Sender das Körperverletzungsspektakel inzwischen aber zu weit treiben, rührt sich politischer Widerstand. Es melden sich Politiker, die den medialen Tiefschlägen Einhalt gebieten wollen.

Erinnerung an den Bildungsauftrag

Die neue Debatte hat bereits begonnen, als Bundestagspräsident Norbert Lammert ARD und ZDF vor vier Wochen an ihren eigentlichen Grundauftrag erinnerte. Denn anstatt die konstituierende Sitzung des Bundestages zu übertragen, strahlten die öffentlich-rechtlichen lieber Seifenopern. Bei der ARD gab es die TV-Komödie "Schaumküsse" zu sehen, das ZDF zeigte die Serie "Alisa - Folge deinem Herzen" und "Bianca - Wege zum Glück". Nicht nur Lammert fragt sich seither, wo die Grenzen der Zumutbarkeiten verlaufen: Wenn das deutsche Fernsehen pro Tag rund 70 Morde zeigt? Wenn Soap-Serien aus dem Krankenhaus jedwedes Tabu entäußern? Wenn Menschen niedrigen Bildungsgrades und bescheidener sozialer Herkunft in TV-Shows systematisch zum Gespött des Publikums gemacht werden?

"Fremdschämen" nennt man das schadenfrohe Vergnügen, das die TV-Industrie uns da entlocken will. In Wahrheit benutzt sie nur niederste Instinkte dazu, arme Menschen zu erniedrigen. Das Gegenteil von Respekt ist eben die Gemeinheit, und genau die lebt im dialektischen Bezug beider Kategorien auf wie selten zuvor.

Wenn die privaten Fernsehsender die Welt als einen ewigen Boxkampf inszenieren, ist das ärgerlich genug. Wenn sie aber von den öffentlich-rechtlichen dabei auch noch überholt werden, dann ist das ein Skandal.

Von Wolfram Weimer
 
 
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