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16. Januar 2008, 17:57 Uhr

Mitarbeiter blockieren Nokia-Werk

An der Verlagerung der Nokia-Produktion von Bochum nach Rumänien hat sich ein Streit über EU-Subventionen entzündet. Kommissionspräsident Barosso widersprach Vermutungen, die EU würde die Verlagerung mitfinanzieren. Derweil kocht die Stimmung unter den Mitarbeitern immer weiter hoch.

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Nokia-Mitarbeiter protestieren vor dem Werk in Bochum© Patrik Stollarz/Getty Images

Die EU-Kommission zahlt nicht für die mit dem Verlust von Tausenden von Arbeitsplätzen verbundene Verlegung des Nokia-Werks aus Bochum nach Rumänien. "Natürlich wäre es nicht akzeptabel, Fördermittel der Europäischen Union für Verlagerungen innerhalb der EU einzusetzen", sagte EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso.

Landes- und Bundespolitiker hatten, nach der Bekanntgabe der Produktionsverlagerung aus Kostengründen, befürchtet, dass Nokia EU-Hilfen kassieren könnte. Die NRW-Landesregierung prüft, ob bereits geflossenes Fördergeld wegen der Werkschließung von dem Handy-Riesen zurück gefordert werden können. Durch das Ende der Produktion in Bochum sind der IG Metall zufolge über 4000 Arbeitsplätze gefährdet.

Barosso verteidigt gemeinsamen Markt

Nokia werde für das neue Werk in Rumänien weder Geld aus dem Regionalfonds noch aus dem Strukturfonds erhalten, betonte Barroso im Europäischen Parlament in Straßburg. Der Kommissionschef unterstrich zugleich, dass Deutschland von der Erweiterung der EU über steigende Exporte profitiere. Dadurch entstünden neue Arbeitsplätze in der Bundesrepublik.

Barroso forderte Politiker - und "besonders unsere deutschen Freunde" - auf, "den Mut zu haben, auch über die Vorteile der EU-Erweiterung aufzuklären". Wenn Betriebe von Finnland nach Deutschland verlagert werden könnten, sollte es auch möglich sein, diese von Deutschland nach Rumänien zu verlegen, sagte Barroso.

Die Bundesregierung pochte ebenfalls darauf, dass Nokia für den Umzug keine Subventionen erhalten dürfe. Sie erklärte zugleich, "intensive Gespräche" mit Nokia führen zu wollen, wenn der Konzern seine Entscheidung noch einmal überdenken wolle.

Werkszufahrten von Mitarbeitern blockiert

Der Konzern hatte am Dienstag überraschend angekündigt, zur Jahresmitte sein Werk in Bochum mit 2300 Mitarbeitern zu schließen. Die Produktion wird in andere europäische Nokia-Werke verlagert. "Hauptsächlich nach Rumänien, aber auch nach Ungarn und Finnland", sagte Nokia-Vorstand Veli Sundbäck. Die Arbeitskosten seien in Deutschland fast zehnmal höher als in Rumänien.

Aus Protest gegen die geplante Schließung haben Mitarbeiter und Gewerkschafter die Zufahrten blockiert. Die am Mittag begonnene Blockade solle zumindest bis zum Abschluss des Besuchs von Ministerpräsident Rüttgers am Nachmittag andauern, sagte ein Vertreter der IG Metall, die zu Protesten aufgerufen hatte.

An den Aktionen beteiligten sich auch Mitarbeiter anderer Betriebe. So zogen Beschäftigte von GEA, ThyssenKrupp und Opel vor die Werkstore. Opel-Mitarbeiter hatten im Jahr 2004 mit mehrtägigen Arbeitsniederlegungen gegen Sparpläne der Konzernmutter General Motors protestiert.

Deutschlands Ende als Handy- Produktionsstandort

Das Aus für Nokia Bochum bedeutet einen weiteren Schlag für die Mobilfunkbranche in Deutschland. Die Bundesrepublik hat damit als Produktionsstandort für Handys endgültig ausgedient. Vor gut einem Jahr hatten durch die BenQ-Mobile-Pleite rund 3000 Menschen ihren Job bei der Ex-Handysparte von Siemens verloren, knapp 2000 davon in Nordrhein-Westfalen.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hatte bereits im Fall BenQ vergeblich versucht, eine Werkschließung zu verhindern. Auch die Pläne von Nokia riefen Ministerpräsident Jürgen Rüttgers auf den Plan. Er wollte am Nachmittag Gespräche mit dem Betriebsrat in Bochum führen. Rüttgers warnte Nokia indirekt vor Absatzverlusten durch einen Imageschaden in Deutschland. "Nokia muss sich überlegen, dass es weiter auf dem deutschen Markt präsent sein will", sagte der CDU-Politiker dem ZDF. Deutschland sei einer der größten Handymärkte der Welt. Zugleich bekräftigte der CDU-Politiker, dass die Landesregierung eine Rückforderung von 60 Millionen Euro Förderung prüfe, die bei der Ansiedlung in Bochum geflossen waren.

Eine Werkschließung könnte die Ruhrgebietsstadt Bochum hart treffen. Die Belegschaft des Bochumer Opel-Werks, einem weiteren großen Arbeitgeber, kämpft dort bereits seit Jahren um ihre Arbeitsplätze. Der IG Metall zufolge könnte eine Schließung des Nokia-Werks weit mehr Stellen kosten als bislang angenommen. Neben 2300 fest angestellten Nokia-Mitarbeitern und bis zu 1000 Leiharbeitnehmern könnten bis zu 1000 Jobs bei Zulieferern wegfallen. Auch für die Deutsche Post könnte die Schließung Folgen haben. Rund 200 Mitarbeiter der Tochter DHL wickeln in Bochum für Nokia die Logistik ab.

Reuters
KOMMENTARE (10 von 11)
 
muhtesem1 (17.01.2008, 13:37 Uhr)
nokia soll 80 mio. fördergelder kassiert haben,...
deutschland soll 100 mio. von der eu, also ist man doch im gewinn?! dennoch wäre ich für einen boykot der nokia handys. wenn nur 50% der zukünftigen käufer keine nokias kaufen würde, dann wäre wohl was zu erreichen. die sollen in zukunf ihre handys in rumänien verkaufen.
sintmaartenszee (17.01.2008, 10:20 Uhr)
Befristeter Boykott von Nokia Handys
Das Einzige, das in den Chefetagen verstanden wird, ist der Einbruch der Verkaufszahlen!!! Also: bis zur Revidierung der Werksschließung in Bochum KEINE NOKIA HANDYS KAUFEN BZW: BEI VERTRAGSABSCHLUSS ODER VERTRAGSVERLÄNGERUNG AUSWÄHLEN!!!!!
ganzbaf (16.01.2008, 23:10 Uhr)
Warum nicht mal enteignen...?

Artikel 14
.
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
.
(3) Eine Enteignung ist zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen.
.
Artikel 15
.
Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden. Für die Entschädigung gilt Artikel 14 Abs. 3 Satz 3 und 4 entsprechend.
Immer ran die Wuärst!.... ;-Pp
kralli19 (16.01.2008, 18:28 Uhr)
Sauber !
Na denn, an die baldigen Ex-Nokia-Mitarbeiter: Willkommen im Club des Prekariats und der "Sozialschmarotzer".
Wieder ein paar Tausend mehr, die sich von dem Geseiere der Medien einlullen lassen, weil die Realität sie längst eingeholt hat.
Mal schauen, wieviel Zuwachs die Basis hier unten noch verträgt, bis es überkocht....
Ernst1 (16.01.2008, 18:16 Uhr)
es ist schlimm wenn ein Werk schließen muß
aber es wird pervers wenn man ein Werk schließt, dass SCHWARZE zahlen schreibt. Liebe Noki Mitarbeiter. Laßt noch nicht mal ne maus durch.
StefanAugsburg (16.01.2008, 18:06 Uhr)
Ja mei, kansch nix macha ...
Freunde, unser Zorn ist verständlich und dürfte auch logisch nachvollziehbar sein. Aber lt. einem der Stern-Artikel war die Subvention an ein Versprechen von Nokia gebunden, mindestens bis Ende 2006 in Deutschland sein Werk zu halten. Nun hat man ein "Pflichtzwischenjahr" verstreichen lassen und danach ist eben Ruhe. Ob das moralisch gut ist, lasse ich dahingestellt, so haben es auch schon andere Firmen gemacht - und zwar sicher auch deutsche Firmen direkt oder über Tochterfirmen. Das ist der Preis der Globalisierung und den müssen auch wir zahlen - denn wir kassieren ja auch die Vorteile daraus ab (und das sind nicht wenige). Allerdings, und das wird ja schon seit Jahren angeprangert, sollten die EU (und die betreffenden Bundesländer) zukünftig mal ein wenig längere Werks-Lebenszeiten am jeweiligen Standort von ausländischen Investoren in die vertraglichen Verpflichtungen nehmen. Denn wenn nur subventioniert wird, um ein Werk, das 2004 bereits kurz vor der Schließung stand, weiter am Tropf zu halten - und es dann nach 3 Jahren doch dicht gemacht wird - dann fragt sich Otto Normalverbraucher schon, ob dieses Geld nicht bei einer Investition in andere Bereiche in dieser Gegend besser aufgehoben gewesen wäre. Nichts für ungut, meine Herren BRD- und EU-Politiker !!
Daisan (16.01.2008, 18:00 Uhr)
Kann ich verstehen, daß den Leuten gerade in Bochum
der Kragen platzt, die Arbeitslosigkeit dort ist ohnehin schon extrem hoch.
Den Marktfundamentalisten mags zwar als "Sozialromantik" in den Ohren klingen, aber es gibt auch eine gewisse soziale Verpflichtung der Unternehmen, wir haben immer noch eine Verfassung.
Aber wer dies in der Verfassung nicht will, soll es hier und jetzt sagen. Jedenfalls kann es nicht gut gehen, wenn die Mikroökonomie sich über die Makroökonomie erheben will.
Schuld zum grössten Teil ist jedoch die Politik, die international die Wirtschaft viel zu sehr verwöhnt hat.
Die Zeche zahlen die gegeneinander ausgespielten Völker. Traurig.
Und die Manager müssen endlich kapieren, daß ihre Konzerne letztendlich von der Makroökonomie abhängen, denn wenn sie vor lauter Rationalisierung so viele Leute auf die Strasse gesetzt haben, daß es Unruhen gibt, dann ists auch mit dem Absatz und Umsatz Essig. So sägen sie sich am Schluss selbst den Ast ab auf dem ihre geilen Konzerne sitzen. Die Bevölkerung marodiert irgendwann und ein paar dieser Elite-Fachidioten sitzen im Bonzenghetto, jeglicher Bewegungsfreiheit beraubt, weil Zustände wie in Sao Paulo herrschen. Überspitzt? Nein, dauert gar nicht mal so lange bis dies Realität ist, wenn sich nicht was ändert.
Und scheinbar ändert sich nur etwas, wenn es richtig kracht und ein paar von diesen Leuten aus den geschlossenen Fenstern ihrer Firmenzentralen fliegen.
Ich kann den Kollegen in Bochum nur alles Gute wünschen.
Intercity (16.01.2008, 17:50 Uhr)
Blockieren der Werkstore
Gerade weil Nokia das Werk letztlich doch verlegen wird, ist es richtig, schon jetzt sich nicht mehr für die Firma zu engagieren; sondern Nokia "die Harke" zu zeigen. Die Verlegung soll ihnen weh´tun. Ich hatte vor, von Nokia demnächst ein gutes Handy zu kaufen (weil Nokia hier produziert).
Doch nun warte ich ab. Wenn in Bochum das Werk geschlossen wird, kaufe ich kein Handy der Marke Nokia und auch nicht Motorola. Außerdem erwarte ich, dass NRW die Fördergleder zurück verlangt.
wwwilly (16.01.2008, 17:49 Uhr)
Verständniss
In so einem korrupten Drecksland wie Deutschland das mit extrem hohen Lohnnebenkosten, Ökosteuer und weiterem solchen Schwachsinn glänzt würde ich mir auch nur die Förderung schnappen und dann sagen "Tschüss ihr Deppen". Klingt hart aber ich würde es nicht so krass schreiben wenn andere Länder (Schweden, Finnland, Skandinavien usw.) es in vielen Bereichen, von Pisa bis Arbeitslosigkeit, bei einem ebenfalls hohen Lebensstandart nicht schaffen würden besser zu sein als unser korrupter Lobby- Überwachungsstaat dessen Politiker jedes Jahr ungestraft Milliarden an Steuergeldern verschwenden dürfen. Deutschland, geh doch den Bach runter...
Alex64 (16.01.2008, 17:48 Uhr)
Boykott??
Ja klar.
Nokia wegen der Produktionsverlagerung, MüllerMilch wegen des Genfutters, Aldi wegenLieferantenknebelung, Lidl wegen Schlechtbehandlung der Mitarbeiter, Tankstellen wegen Preisabsprachen, Dönerbude wegen Islamzugehörigkeit. Rindfleisch wegen BSE, Hähnchen wegen Tierquälerei, KIK und H&M wegen Kinderarbeit... - soll ich weitermachen?
Ich will aber doch noch leben - und hab keinen Bock, vor jedem KAuf zu überlegen, ob das jetzt p.c. ist ...
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