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Fukushima meets Wendland

Sie waren die heimlichen Stars der Anti-Castor-Demonstrationen. Frauen und Kinder aus aus Fukushima sollten berichten, wie es sich mit einer Atomkatastrophe lebt. Da jagte ein Termin den nächsten.

Von Manuela Pfohl, Dannenberg

  Weltweiter Protest: Sie sind aus Fukushima gekommen, um im Wendland zu prostestieren

Weltweiter Protest: Sie sind aus Fukushima gekommen, um im Wendland zu prostestieren

Dixieklo. Rein, Sekunden zählen. Raus. Draußen stehen schon die anderen aus der Gruppe und wollen weiter. Termindruck. Samstag, 15 Uhr, auf der Demowiese vor Dannenberg. Zum großen Anti-Atom-Event sind über 23.000 Aktivisten aus dem ganzen Land gekommen. Mehr, als die Organisatoren erhofft hatten. Die Bilder der bunten Widerständler, die sich auf dem Acker getroffen haben, um dem Castortransport, dem Endlagerplan Gorleben und der Atomkraft überhaupt den Kampf anzusagen, werden in den Abendnachrichten zu sehen sein. Und sie werden auch Kanako Nishikata zeigen, die eben aus dem Dixieklo gekommen ist, immer noch tapfer lächelnd, obwohl sie kaum eine ruhige Minute hatte an diesem Tag. Sie und ihre beiden Kinder Kaito und Hu sind zusammen mit einer Biobäuerin aus Fukushima ins Wendland eingeflogen worden. "Fukushima ist überall", steht auf einem großen Transparent. Kanako soll den deutschen Aktivisten berichten, wie es sich acht Monate nach der Reaktorkatastrophe in ihrer Heimat leben lässt. Begleitet von einer Greenpeacedelegation und einem japanischen Kamerateam, das jede einzelne Begegnung filmt.

Schon morgens kurz nach zehn Uhr hatten sie die ersten Interviewtermine im Camp der Castorgegner in Dannenberg. Die neunjährige Hu hat den Streuner der Volxküche entdeckt. Ein brauner Mischlingshund, der gestreichelt werden will. Aber Hu hat zu tun. Das ZDF will sie filmen, wie sie mit ihrer Mutter und dem Bruder "ganz ungezwungen durchs Camp schlendert". Ein Bild mit Transparent und alternativem Adventskranz, eine Nahaufnahme mit Aktivisten, dann eine Frage an die Mutter: "Glauben Sie, dass Fukushima überall ist?" Kanako Nishikata lächelt. "Ja, das glaube ich." Weiter geht´s. Das nächste Team wartet.

Fukushima ist kaum noch Thema

Eine Woche lang ist die japanische Greenpeacedelegation in Deutschland. Zwei Tage sind fürs Wendland eingeplant, dann müssen sie nach Berlin. Die Frauen könnten viel erzählen von der Verzweiflung, die sie befiel, als im Leben plötzlich nichts mehr war, wie zuvor. Als der Atomreaktor von Fukushima außer Kontrolle geraten war und die japanische Regierung gleich mit. Stattdessen ist Kanako Nishikata in den vergangenen Tagen unzählige Male gefragt worden, wo sie am 11. März war, als das Erdbeben ihre Heimatstadt erschütterte und das AKW den Geist aufgab. Eine Frage, die für sie schmerzhaft sein muss und die keine Aufklärung bringt.

Von 1980 bis 1999 hat Kanako Nishikata in Fukushima gelebt. Nach der Heirat ging sie mit ihrer großen Liebe nach Hokkaido. Vielleicht hätte sie dort bleiben sollen. Vielleicht müsste sie sich dann jetzt keine Sorgen um den elfjährigen Kaito und die kleine Hu machen. Doch Kanako und ihre Familie zogen 2004 wieder an die Küste von Fukushima. Wer hätte auch ahnen können, was ein paar Jahre später passieren würde. Und schlimmer noch: Nie hätte Kanako gedacht, dass sie danach auch noch gegen den AKW-Betreiber Tepco kämpfen muss, der - so sagt sie in die Kameras - mit allen Mitteln versucht, sich vor der Verantwortung zu drücken.

Kriegt hier in Deutschland überhaupt einer mit, dass eine norwegische Studie gerade eben erschreckende Zahlen zur radioaktiven Belastung der Region um Fukushima herausgegeben hat? Einer Belastung, die viel höher ist, als offiziell zugegeben. Deutschland hat längst wieder andere Sorgen, Fukushima ist kaum noch Thema, erfahren die Frauen von ihren Gastgebern. Und: Umso wichtiger seien die Begegnungen mit den Opfern der Atomkatastrophe.

Posing für Protestbilder

"Next date" raunt eine Stimme ihr freundlich zu und irgendwer drückt Kanako Nishikata eine kleine Anti-AKW-Windmühle in die Hand. Auf zur Demo. Es ist kurz nach 13 Uhr. Die Familie soll an der Spitze des Zuges unter einem riesigen Transparent laufen. Das gibt gute Bilder. Die Kameramänner bringen sich in Position. Laufen rückwärts. Kanako lächelt. Was soll sie auch sonst tun?

Stunden später, gegen 16.30 Uhr, ist die Großdemo von Dannenberg fast vorbei. Der Acker auf dem die Castorgegner mit Musik, Biobratwurst und ein paar kämpferischen Reden die Bewegung gefeiert haben, lichtet sich. Die meisten Aktivisten ziehen weiter. Viele wollen jetzt zu den Blockaden. "Wie fanden Sie das hier", fragt jemand die Japanerinnen. "Oh, it was great", antworten sie. "So great."

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