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Der coole Baron

Ein Aufsteiger, der von oben kommt - das gab es in der deutschen Politik noch nie. Mit rasender Geschwindigkeit hat sich Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bei den Deutschen beliebt gemacht. Schon fragen die ersten: Kann er auch Kanzler?

Von Axel Vornbäumen

Der Seehofer hat dann doch noch eine Mail geschickt. Mitternacht ist schon vorbei, und Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg muss tatsächlich noch mal an seinen Blackberry. Für ein paar Minuten kehrt jetzt Stille ein im Fond des Audi, der mit 160 Sachen durch die bayerische Nacht brettert. Der Wirtschaftsminister hat die Innenbeleuchtung angeknipst. Guttenberg tippt konzentriert. Der 17-Stunden-Tag soll schließlich korrekt zu Ende gehen.

Der Seehofer ist wichtig. Er ist Guttenbergs Mentor gewesen. Er hat ihn erst zum CSU-Generalsekretär und dann zum Bundeswirtschaftsminister gemacht. Bayerns Ministerpräsident hält Guttenberg für "den Besten unter den Guten" - und irgendwann einmal sogar für höchste Aufgaben tauglich. In seinen wenigen Amtswochen hat der junge Polit-Aufsteiger aus Oberfranken den Politikbetrieb in Berlin aufgemischt wie lange kein anderer mehr.

Es ist, als ob das frische Gesicht mit dem markanten Kinn beim Wahlvolk in eine Marktlücke gestoßen wäre. Nach Monaten der Krise, nach fast vier Jahren zäh vor sich hin werkelnder Großer Koalition, nach den ewig nörgelnden Westerwelles und den notorischen Lafontaines ist da plötzlich jemand auf die Überholspur gezogen, der anders ist als die anderen: jung, korrekt gekleidet und mit blumiger Sprache. Ein Adliger ohne Allüren, millionenschwer, mit einer Familientradition, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, verheiratet mit der Ururenkelin von Bismarck. Ein Aufsteiger, der von oben kommt. Das gab es noch nie.

Jung und beliebt

Und die ungewöhnliche Mischung zeigt Wirkung. So schnell war schon seit Langem niemand mehr so beliebt. Wie ein Popstar wird Guttenberg dieser Tage fast überall im Land empfangen, ob beim Wirtschaftstag der Union im noblen Interconti in Berlin, in Bayerns Bierzelten oder in der Berliner Kongresshalle. Dort will bei der Verabschiedung des Wahlprogramms von CDU und CSU der Beifall kein Ende nehmen - dabei ist er lediglich zur Diskussionsrunde aufs Sofa gebeten worden.

In der aktuellen stern-Umfrage liegt Guttenberg hinter der Kanzlerin auf Platz zwei. 61 Prozent der Deutschen haben Vertrauen in den jüngsten Wirtschaftsminister, den dieses Land je hatte - und das mitten in der größten Krise, die dieses Land je hatte. Mit seinen stetig steigenden Beliebtheitswerten hängt er mittlerweile nicht nur verdiente Polit-Schlachtrösser wie den Krisenmanager Peer Steinbrück (SPD) und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier ab. Er hält auch Horst Seehofer deutlich auf Distanz. Seehofer, seinen Gönner.

So richtig erklären kann er sich das alles selbst nicht. Der junge Minister lächelt ein wenig in sich hinein. Im Profil erinnert er in manchen Momenten an Lothar Matthäus, aber das kann es ja nun wirklich nicht sein. Guttenberg grübelt. Vielleicht, sagt er nach einer kleinen Pause in typischem Guttenberg-Deutsch, sei es doch "der Neue-Gesichts-Faktor". Er will jetzt auch nicht allzu viel sagen. Er ist gerade in einer Phase, in der er die Euphorie, die um ihn herum entstanden ist, ein wenig steuern muss. Das ganze Gewese, das derzeit um ihn gemacht wird, hat auch seine Schattenseiten. Er kennt die "exponentiell steigende Unruhe", die auch im eigenen Lager entstanden ist, weil er längst auf dem Weg zum "Liebling Krise" ist. Kritisch wird beäugt, wie einer da die Leiter emporstürmt - auch ein stern-Titelbild ist da schon ein Problem.

Abnabelung vom Mentor

Nach dem Ausscheiden des farblosen Vorgängers Michael Glos hatte Horst Seehofer ihn eigentlich als seine Stimme an Angela Merkels Kabinettstisch installieren wollen. Doch das ist, nun ja, schiefgegangen. Zu verschieden sind die Grundauffassungen, wie Politik in Krisenzeiten betrieben werden sollte. Der Freiherr ist längst so frei, die Dinge gelegentlich anders zu sehen. Mit jedem Tag im Amt wächst das Selbstbewusstsein. Statt "his master's voice" zu sein, ist er plötzlich auf dem Weg zum Kanzler der Herzen.

Karl-Theodor zu Guttenberg hat seinen Blackberry wieder weggelegt und greift noch mal tief in die Tüte mit sauren Stäbchen. "Die Medien versuchen in diesen Tagen ständig einen Haarriss zwischen Seehofer und mir zu finden", seufzt er, "aber das ist Quatsch."

Doch was es auch immer ist, Haarriss, Emanzipation, Abnabelung vom Chef oder bereits ein ausgewachsener Machtkampf - sogar bis hoch ins Kanzleramt wird mittlerweile interessiert beobachtet, was der Neue im Amt so aushalten kann. Angela Merkel ist optimistisch, dass Guttenberg erhobenen Hauptes den CSU-internen Zwist übersteht.

Schmeichelde Aussagen

Und dann? Wo endet die Leiter? Im Internet wächst die Fangemeinde derzeit sprunghaft an. "KAY-T-Free for Bundeskanzler" fordert einer bei Facebook im Gästebuch.

Könnte er Kanzler? Der kleine Jet, der Guttenberg an diesem Samstag von Düsseldorf nach Nürnberg bringt, ist noch im Steigflug. Die Flugbegleiterin will Kanapees mit zwei silbernen Gabeln servieren, aber der Minister sagt: "Machen Sie sich keine Umstände" und nimmt das mit Tomaten und Mozzarella belegte Schnittchen mit der Hand vom Servierteller. Er kann auch unprätentiös sein. Jetzt verhilft das Schnittchen zu einem Zeitgewinn.

Eben ist er noch von Wolfgang Schulhoff, dem Präsidenten der Handwerkskammer Düsseldorf, überschwänglich begrüßt worden. Wie sehr er sich freue, dass Guttenberg auf Platz zwei liege - "ich hoffe, Angela Merkel hält das aus", hatte Schulhoff gleich zweimal gesagt. Beim ersten Mal, unbeobachtet im Zwiegespräch, hatte Guttenberg noch geschmeichelt gelächelt. Beim zweiten Mal, im voll besetzten Saal, wo zu früher Stunde und bei bestem Badewetter Jungunionisten und Mittelständler in gedeckten Anzügen vor sich hin schwitzen, um ihrem ordnungspolitischen Hoffnungsträger zu lauschen, da hat er lieber ungerührt geguckt.

Harte Arbeitstage

Kann er Kanzler? Die Frage wird auf ihn zukommen. "Nicht den Schimmer eines Gedankens" habe er bislang auf diese Frage verwendet, sagt Guttenberg, als der Jet gerade eine leichte Linkskurve fliegt. Nicht den Schimmer eines Gedankens - das klingt irgendwie anders als beispielsweise bei Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, der in einem stern-Interview im vergangenen Sommer gesagt hatte: "Kanzler trau ich mir nicht zu."

Guttenbergs Arbeitspensum hat schon Kanzlerdimension. Derzeit reiht sich ein 16-Stunden-Tag an den anderen. Mehr als sechs Stunden Schlaf sind nicht drin. Seine beiden Töchter Anna und Mathilda sieht der Frühaufsteher Guttenberg fast nur noch morgens, bevor die Schule losgeht - immer voller werden nun auch die Wochenenden. Die Familie lebt in einer Villa im Berliner Westend, der Kinder wegen eher zurückgezogen. Seine Frau Stephanie überredet er gelegentlich, auf offizielle Termine mitzugehen, "damit ich wenigstens ein bisschen mit ihr zusammen sein kann". Ihr gehe der Prominentenstatus mittlerweile schon etwas auf die Nerven. Die Gelegenheiten, unerkannt in die Stadt zu gehen - sie werden weniger. Auf dem Flug nach Nürnberg hofft er, am anderen Tag "eine Stunde im Wald spazieren gehen zu können, das wäre mal wieder schön".

Ein Sommer entscheidender Weichenstellungen liegt vor ihm, mit seinen zahllosen Wahlkampfterminen. Es wird mörderisch. Er hat zudem noch ein paar "day-trips" nach Rom, London, Paris, und Ende August muss er für zwei Tage nach Brasilien. "Man geht an seine Grenzen", sagt Guttenberg, "nach dem 27. September werde ich ein Sauerstoffzelt brauchen." Es fällt schwer zu glauben, dass er das alles nur für Gott und das Vaterland und die deutsche Wirtschaft tut - und vielleicht noch für eine CSU, die ihm bisweilen so wesensfremd ist in ihrer gelegentlichen Schlichtheit und ihrem Unwillen, die Dinge differenzierter zu betrachten.

Ein schmaler Grat

Im Bierzelt ruft er schon mal: "Das mag jetzt saudumm klingen, aber ich denke nicht in Karriereschritten." Im Flieger nach Nürnberg sagt er: "Ich bin kein Polit-Junkie." Doch schon in seinem engsten Umfeld sind sie sich da nicht so sicher. Suchtgefahr besteht potenziell. Im Ministerium staunen erfahrene Mitarbeiter über Guttenbergs "ausgeprägten Machtinstinkt" und seine Risikofreude. "Guttenberg", sagt einer, der schon viele Minister hat kommen und gehen sehen, "ist im Augenblick unangreifbar."

Doch es ist ein schmaler Grat. In der konservativen "Welt" hat der Wirtschaftsminister für sein zunächst langes Schweigen in der Frage, wie denn nun genau das Versandhaus Quelle gerettet werden soll, die "Kopfnote" 5 bekommen. Mangelhaft. Man hat ihn abgestempelt als Mal-so-mal-so-Politiker. Das hat ihn sehr irritiert. Er hat selbst eine Zeit lang mal als freier Mitarbeiter für die "Welt" geschrieben. Seitdem weiß er, wie Medien ticken. Er hat noch gute Kontakte in die Redaktion. Nun haben die Kollegen von früher ihm dieses vernichtende Urteil ausgestellt, ihm, dem Haltung über alles geht.

Es war ein ernsthafter Schuss vor den Bug. Ein Zeichen dafür, dass er auch als Projektionsfläche herhalten muss. Als strammer Vertreter der reinen ordnungspolitischen Lehre. Je strammer, je besser. Er ist ja gestartet als Ausbund an Prinzipienfestigkeit. Das ist sein Kapital.

Unter scharfer Beobachtung

Wie ein Image sich verfestigen kann, ist schön an Kleinigkeiten zu beobachten. Als er kürzlich entsprechend korrekt lässig in Jeans, Jacke und T-Shirt auf einem AC/DC-Konzert war, haben ihm noch anderntags die Ohren gepfiffen. Seitdem hält es so ziemlich jeder zweite Mittelständler für eine originelle Idee, dem Minister bei einem Besuch eine CD der Hardrocker zu überreichen.

Ja, das Image. Guttenberg weiß, wie sehr nun jede seiner Entscheidungen beäugt wird. Wie in diesen Tagen jede Staatshilfe, gegen die er sich zuvor bedächtig gewehrt hat, als persönliche Niederlage auf sein Konto gebucht wird. Er weiß, dass dann auch sein Politikstil infrage steht. Sein ständiges Gerede von Kriterien und Maßstäben und tragfähigen Konzepten - womöglich wirkt das dann ganz schnell nur noch wie ein Sammelsurium von Worthülsen. Doch nur Politikergeschwätz?

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Er hat noch 80 Tage bis zur Bundestagswahl. Das Ziel ist in Sicht. Er will es mit Anstand erreichen, man könnte sagen: nach seinen Maßstäben und Kriterien. Es wäre so wichtig für die Zeit danach. Karl-Theodor zu Guttenberg redet doch recht häufig davon, dass seine Amtszeit im Wirtschaftsministerium begrenzt sei. Nicht immer wirkt es wie Koketterie.

Auf zu neuen Ämtern

Vielleicht hat er längst gemerkt, wie wenig er gestalten kann in diesen Zeiten, in denen in der Wirtschaft so viel zusammenbricht. Und er weiß, dass sein selbst gesetzter Auftrag, Optimismus zu verbreiten, auf Dauer doch recht flau wirken kann. Noch freuen sie sich ja an Sätzen wie "Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, sollte man den Kopf nicht hängen lassen". Noch denken sie nicht so recht darüber nach, was er meint, wenn er sagt: "Wer sich mit Kassandra ins Bett legt, muss sich über den Mundgeruch am anderen Morgen nicht wundern." Aber wie lange noch? Wahrscheinlich, um es auf Guttenbergisch zu sagen, wäre er "alles andere als unglücklich darüber", wenn nach den Bundestagswahlen ein anderes Amt auf ihn wartete - das des Verteidigungsministers zum Beispiel, oder, um den Staatshaushalt macht er sich ohnehin die größten Sorgen, das des Finanzministers.

Er tauscht sich in diesen Tagen regelmäßig mit seinem Vater aus, Baron Enoch, dem Dirigenten. Es ist ein Vertrauensverhältnis, gewachsen in der Zeit, als der Vater nach der Scheidung die Söhne Karl-Theodor und Philipp allein erziehen musste. Der Vater hat ihm beigebracht, Verantwortung zu tragen. Schon im Alter von 13, 14 Jahren hat er "Schirmherrvertretungen" übernehmen müssen, wenn der Baron verhindert war. Das prägt. Der Kontakt riss nie ab, obwohl sich der Sohn mit dem Vater oft über dessen "apokalyptische Sichtweise in Umweltfragen" gezofft hat.

Für den Eintritt in die CSU war dann auch ein anderer verantwortlich. Sein damaliger Lateinlehrer Dieter Friedel machte ihm klar, dass es in der Politik auch darum ginge, etwas zu erreichen. In Bayern ist das am leichtesten in der CSU, aber so schnell so weit bringt man es auch in dieser Partei nur selten. Als er 2002 in den Bundestag einzieht, ist er gerade mal 31 Jahre alt, sechs Jahre später übernimmt er für 100 Tage den Job des CSU-Generalsekretärs. Im Jahr zuvor macht der studierte Jurist und Politikwissenschaftler nebenbei noch seinen Doktor.

Sich selbst treu bleiben

In der Familie haben sie oft darüber geredet, wie wichtig Aufrichtigkeit im Leben sei. Das, sagt Guttenberg, sollte auch Grundlage von Politik sein. Doch ganz ohne das Spiel über Bande geht es in Berlin nicht. Er ist nun doch recht schnell in die Situation gekommen, vor der der Vater immer Sorge gehabt hat - ob sich der Sohnemann selbst treu bleiben könne, als Delfin im Berliner Haifischteich.

Noch hat das geklappt. Aus seiner ersten empfindlichen Niederlage ist er in der öffentlichen Wahrnehmung in geradezu wundersamer Weise gestärkt hervorgegangen. Populär wie einst Flipper. In der legendären Opel-Nacht hatte er im Kanzleramt Angela Merkel seinen Rücktritt angeboten, weil er vom Rettungskonzept des Investors Magna nicht überzeugt war. Zornig war er da. Und isoliert. Last man standing.

Damals hat er sich ins Morgengrauen retten müssen mit der mühsamen Formel, dass man Respekt vor der jeweils anderen Position habe und bei gewissenhafter Prüfung der Unterlagen auch zu einem anderen Ergebnis kommen könne. Er erzählt das oft, seitdem. Er selbst hat seit dieser Nacht vor allem vor einem Respekt: vor dem machtstrategischen Geschick der Kanzlerin.

Unwirksame Kritik

In der SPD haben sie ihm den Titel "Insolvenzminister" verpasst und den Eindruck erweckt, er sei in der Opel-Nacht heillos überfordert gewesen. Doch verfangen hat das bei den Wählern nicht. Sie haben ihn auch den "Baron aus Bayern" genannt, in Anlehnung an Paul Kirchhof, die Figur des kaltherzigen "Professors aus Heidelberg", mit der vor vier Jahren Kanzler Gerhard Schröder einen aussichtslosen Wahlkampf fast noch gedreht hätte. Sie haben alle Klischees bemüht - doch Guttenbergs vermeintlich kaltes Herz wurde im Volk als gesunder Menschenverstand bewertet. Forsa-Chef Manfred Güllner erklärt die guten Zahlen so: "Guttenberg wird von den Deutschen als eigenständig empfunden. Zudem haben die Menschen das Gefühl, dass er sich nicht nur, wie im Fall Opel oder Arcandor, an die Großen ranschmeißt, sondern sich auch um die kleinen Unternehmen kümmert."

Doch nach der Opel-Nacht hatte es für einen kurzen Moment den Anschein, als könne er den Sozis zur Hassfigur im Wahlkampf taugen. Er hat nichts dagegen. "Das gehört doch zum Geschäft", sagt er - und redet, wie Polit-Junkies reden. Im Bierzelt im bayerischen Irgertsheim teilt er mit fränkischer Klangfärbung selbst gern aus. Seinen pinkfarbenen Schlips, den er sich zuvor erst im dritten Anlauf hinreichend korrekt im Hubschrauber umgebunden hat, hält er plötzlich ins Publikum: "Ich sag jetzt nicht, dass das ein Tribut an den Regierenden Bürgermeister in Berlin ist." An den Biertischen verschlucken sie sich vor Freude über so viel subtile Hinterfotzigkeit.

Mittlerweile tourt er mit seinem Konter gegen die Sozis im Allgemeinen und Schröder im Besonderen durch die Lande. Was zählen schon die Urteile eines "Gazprom-Diplomaten"? Oder eines Mannes wie Müntefering, dem er "nur so weit traut, wie ich einen Konzertflügel schmeißen kann". Im Bierzelt haben sie sich auf die Schenkel geklatscht vor Freude über die lustige Metapher. Beim Wirtschaftstag der Union im Hotel Interconti lächeln sie an gleicher Stelle - weil, den Schröder, den haben sie noch nie leiden können. Guttenbergs Geheimnis: Er kann das "Ich-bin-einer-voneuch-Gefühl" auf einer ganz erstaunlichen Bandbreite bespielen. Als er im Interconti seine Schachtelsätze mit einigem Erfolg aus dem grammatikalischen Niemandsland geführt hat, erheben sie sich zu Standing Ovations. Im Rausgehen schwärmt ein Zuhörer: "Endlich haben wir mal wieder einen Politiker mit Charisma."

Der Erzähler

Er spielt damit - und gelegentlich nutzt er es, um sein Auditorium mit seiner Weltsicht zu strapazieren. Seine Zuhörer werden zu Testpersonen. Im Bierzelt in Irgertsheim redet er unvermittelt über die in Guantánamo einsitzenden Uiguren. In Düsseldorf, vor Junger Union und Mittelständlern, lässt er deutlich erkennen, für wie problematisch er Steuerversprechen im Wahlkampf hält. Es ist nicht einfach zu beantworten, ob Guttenberg in dieser Frage der Kanzlerin so nah oder doch eher so fern ist. Merkel glaubt insgeheim auch nicht, dass man die Steuerversprechen wird halten können. Guttenberg glaubt, dass man nicht mit Heilsversprechen in den Wahlkampf ziehen sollte, so vage sie auch formuliert sein mögen.

Am vergangenen Donnerstag liest er in Berlin Dritt- und Viertklässlern Märchen vor. Der Minister hat sichtlich Spaß am eigenen Vortrag, er fränkelt und sächselt und wiehert und grunzt, als er den Kindern "Hans im Glück" vorträgt. Er weiß um die heikle Symbolik und hat sie gleich zu Anfang thematisiert: "Das ist mal was, dass ein Politiker Märchen vorliest, der sonst nur Märchen erzählt." Die Kinder verstehen das noch nicht so recht, aber da geht es dem Minister auch nicht anders als bisweilen im Bierzelt. Er hat die bläulich schimmernde Krawatte mit den Pinguinen abgelegt, nicht ohne die Schüler vorher um Erlaubnis zu fragen.

Nach einiger Zeit meldet sich ein Mädchen und sagt, dass ihr Opa in zwei Tagen Geburtstag habe. "Der liebt Pinguine."

Es ist der Klassiker. Karl-Theodor zu Guttenberg, der Politiker, kann nun eigentlich nichts mehr falsch machen. "Na", sagt der Minister, "dann bring sie deinem Opa mal zum Geburtstag mit." Zu Hause gab es dann allerdings schon ein bisschen Ärger für Karl-Theodor, den Ehemann. Die Krawatte war nämlich ein Geschenk seiner Frau.

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