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"Russland geht auf Seelenjagd in Europa"

Der Fall Lisa sei ein Propaganda-Erfolg der russischen Regierung, sagt der Schriftsteller Wladimir Kaminer. Vor dem Seehofer-Besuch bei Putin spricht er im Interview mit dem stern über Neonazis, die Sprache der Wahrheit und das Fernsehverhalten seiner Mutter. 

Paul Middelhoff

Wladimir Kaminer und protestierende Russlanddeutsche vor dem Kanzleramt

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer sagt, die Demonstranten im Fall Lisa seien "der russischen Propaganda auf dem Leim gegangen". 

Ein Mädchen verschwindet. Sie heißt Lisa, ist 13 Jahre alt und besitzt zwei Pässe: einen deutschen und einen russischen. 30 Stunden später taucht Lisa wieder auf. Sie sagt, drei Männer hätten sie entführt, sie in einer Wohnung gefangen gehalten und vergewaltigt. Und: Ihre Peiniger hätten "südländisch" ausgesehen. Kurze Zeit später läuft Lisas Geschichte auf allen großen Kanälen im russischen Fernsehen. Deutschland habe die Kontrolle über die Einwanderung verloren, heißt es da.

Eine Woche später widerspricht die Berliner Staatsanwaltschaft Lisas Darstellung: Nach einer Untersuchung des Mädchens sei nicht von einer Vergewaltigung auszugehen. Kurz darauf protestierten Russlanddeutsche vor dem Kanzleramt gegen die vermeintliche Vertuschung. 

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer, 48, kam kurz nach dem Mauerfall aus Moskau nach Berlin. Seitdem lebt er in der Hauptstadt. In seinen Büchern, darunter der Bestseller "Russendisko", beschreibt er sein Leben als russischer Auswanderer in Deutschland. Seit Jahren kritisiert er die russische Regierung für ihr aggressives Auftreten gegenüber dem Westen und den repressiven Gesetzen im eigenen Land. 

Herr Kaminer, sogar der russische Außenminister Sergej Lawrow hat sich vergangene Woche in den Fall Lisa eingemischt. Wozu das Ganze?

In einer Schwächung Europas sieht die russische Führung die einzige Legitimation ihrer eigenen Position. Angesichts der Wirtschaftskrise im Land können sie ihren Bürgern sagen: Immerhin werden bei uns keine Kinder vergewaltigt. Und Flüchtlinge nehmen wir auch keine auf.

Und die russischen Medien machen einfach mit?

In Deutschland wird der Propaganda-Krieg des Kreml massiv unterschätzt. Russland fährt große Medien-Kanonen auf, um Europa zu schwächen und die rechten Extremisten hier zu unterstützen.

Wie verunsichert ist die russlanddeutsche Community?

Die Russen, die in Deutschland leben, sind selbst Ankömmlinge. Sie sind aus einer totalitären Gesellschaft nach Deutschland gekommen und im Umgang mit Demokratie noch unsicher. Ihnen kommt dieses System wie Chaos vor.

Lustig ist: Gerade im Fall Lisa nutzen diese Menschen ihr demokratisches Recht auf Versammlungen. Und auch das Recht, Misstrauen gegenüber der Polizei zu äußern, nehmen sie in Anspruch. In Russland hätten sie das nicht gekonnt. 

Vor zwei Wochen gingen russisch-stämmige Bürger in ganz Deutschland auf die Straße. Die Proteste wurden von rechten Gruppen wie "Bärgida" und örtlichen NPD-Verbänden unterstützt. Wie kommt es zu dem Zusammenschluss?

Die Wurzel dieser Einigung sehe ich in Russland. Die russische Führung geht auf eine Seelenjagd in Europa, sie wenden sich an die Unsicheren in den westlichen Gesellschaften. Daraus entstehen dann solche seltsamen Bündnisse wie zwischen Russlanddeutschen und Neonazis.

Ist diese Angst ein Massenphänomen unter Russlanddeutschen?

Nein. Nur ein kleiner Teil der Community ist der Kreml-Propaganda auf den Leim gegangen.

Die Nachricht von Lisas Verschwinden gelangte über russische Medien rasend schnell auch nach Deutschland. Warum ist der Einfluss russischer Medien auf Auswanderer in Deutschland so groß?

Meine Mutter schaut auch überwiegend russische Kanäle. Das ist eine Frage der Sprache. Menschen, die in einer bestimmten Sprache sozialisiert sind, nehmen diese Sprache als die Sprache der Wahrheit wahr. Der angelernten Sprache, in diesem Fall Deutsch, misstrauen sie mehr als der eigenen.

Die Staatsanwaltschaft geht mittlerweile davon aus, dass Lisa sich einfach nur bei ihrem Freund versteckte. Wie geht es jetzt weiter?

Der Fall Lisa ist sicher nicht der letzte seiner Art. Die russischen Medien werden künftig noch mehr daran setzen, solche Spaltungsgeschichten zu finden. Zur Not werden sie sich eben Geschichten ausdenken.

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Axel Vornbäumen


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