12. Juli 2006, 00:05 Uhr

Die Angst der Kanzlerin vorm Elfmeter

Die Weltmeisterschaft bot der großen Koaliton die Chance, fast unbeobachtet ihre größte Reform durchzubringen. Der Gesundung des Gesundheitssystem hätte die Abwesenheit der Öffentlichkeit gutgetan. Hätte. Von Niels Kruse

Süß: Die Kanzlerin und der Klinsmann©

Wie süß, der Weltmeister der Herzen hat plötzlich eine Kanzlerin im Herzen. Süß, wie es Angela Merkel regelmäßig aus ihrem VIP-Sitz riss, wenn unser Polen-Sturm das gegnerische Tor bedrängte. Niedlich, wie die Physikerin den Kaiser dann umarmte, wenn es erfolgreich getroffen wurde. Geradezu liebevoll, wie sie nach dem "kleinen Finale" König Klinsmann nicht nur herzte sondern geradezu beschmuste. Das Land staunt: Die oft seltsam abwesend wirkende Regierungschefin gebiert sich wie ein aufgekratzter Teenager. Und plötzlich wird klar, warum sie Helmut Kohl gerne als "mein Mädchen" bezeichnet hatte.

Ich war schon immer Fußball-Fan

Merkel selbst kommentierte ihr Verhalten achselzuckend-lächelnd mit den Worten: "Ich war schon immer Fußball-Fan. Nur hat mir bislang niemand dabei zugeschaut, wie ich mir ein Spiel angucke". Dabei sollte sie es eigentlich gewohnt sein, dass man ihr ständig auf die Finger schaut: beim Gästeempfangen, beim SMS-Schreiben, beim Regieren, kurz: bei ihrer Arbeit als Kanzlerin. Es liegt in der Natur der Sache, als Politiker dem Volk jeden Tag aufs Neue Zeugnis über Tun und Sein abzulegen.

Nicht wenigen ihrer Kollegen geht die Dauer-Beobachtung auf die Nerven. Schlicht unmöglich sei es, monieren die Regierenden, einfach mal eine Idee, einen Vorschlag, einen Beitrag in Ruhe zu Ende zu spinnen, als sinnvoll oder sinnlos zu etikettieren und anschließend im Nachrichten-Regal zur Begutachtung auszustellen oder in den Keller zu verbannen.

Überall diese "gut unterrichteten Kreise"

Stattdessen lauern überall die berüchtigten "gut informierte Kreise", die, der Mobilfunktechnik sei Dank, beinahe in Echtzeit aus Ausschüssen, Gremien und Kabinettssitzungen darüber berichten, welcher Minister gerade gähnt, vor sich hinschwadroniert, laut denkt oder einfach nur einen schlechten Tag hat. Gut, die Medien sind dankbare Abnehmer für diese Form von Klatsch und Tratsch oder vornehmer ausgedrückt: Information.

Diese Umstände sind kein Phänomen des Jahres 2006. Schon oft war es so: etwa beim Versuch den Arbeitsmarkt zu reformieren und so war es auch bei der Gesundheitsreform. Doch im Sommer 2006 schien die Gelegenheit günstig: Die Nation wendete sich vier Wochen lieber gutfrisierten Rasenflächen zu, hisste Schwarz-Rot-Gold und feierte sich selbst.

Ständiges Sperrfeuer von Indiskretionären

Der Kanzlerin und ihren Ministern bot sich die Chance in relativer Ruhe vor sich hin zu arbeiten, in Ruhe zu diskutieren, in Ruhe Entscheidungen zu treffen. Das ständige Sperrfeuer von Wichtigtuern, Indiskretionären, anerkannten und selbsternannten Experten hätte im Fußballrausch untergehen können. Einige Profibeobachter fiel das auf und sie sorgten sich: Nutzt die große Koalition die Weltmeisterschaft etwa dazu, uns heimlich ein faules Ei reinzudrücken?

Die Ironie dabei: Je lauter das Volk feierte und es lieber ins Berliner Olympiastadion starrte statt ins Kanzleramt, desto verzweifelter und lauter buhlten all jene um Aufmerksamkeit, Schlagzeilen, Beifall, die schon immer was zum Thema Gesundheitssystem zu sagen hatten. Die große Koalition erhörte ihre Rufe, verlor den roten Faden und verhedderte sich in den Fallstricken von Details und Nebensächlichkeiten. Das Ergebnis war letztlich genau das Gegenteil von dem, was das schwarz-rote Bündnis eigentlich wollte.

Die Ruhe im Sturm der Weltmeisterschaft hätte Schwarz-Rot die Möglichkeit eröffnet endlich einmal ungestört, ja fast heimlich und ohne größeren Gesichtsverlust Sach- statt Machtpolitik zu betreiben. Diese Großchance wurde kläglich vergeben.

Und Merkel? Seit ihrem Geherze und Geschmuse mit den Erfolgreichen vom Platz, finden die Deutschen ihre Kanzlerin plötzlich süß. Ihr selbst mag es gefallen, nicht länger als die harte und spröde Managerin der Macht zu gelten.

Eine weiche gewordene Kanzlerin vorm Elfmeter

Nun sollte ihre Gesundheitsreform ihr vorgezogenes Endspiel sein. Doch schon in der Verlängerung des Spiels musste sie einräumen, dass sie nicht mehr die Kraft besessen hätte, sich gegen die Gesundheitslobbyisten durchzusetzen. Und auch mit den Ministerpräsidenten wollte sie sich nicht anlegen. Nun steht das Elfmeterschießen an und eine weich gewordene Kanzlerin soll verwandeln. Ihr Sieg gerät in immer weitere Ferne.

 
 
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