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Frau Merkel sucht das Glück

Well-being für die Kanzlerin: Die deutsche Regierungschefin will Lebenszufriedenheit nicht mehr nur im Wirtschaftswachstum finden und lädt Glücksexperten ein. Wie kommt sie nur dazu?

Von Lutz Meier

  Lachen kann sie: Kanzlerin Merkel möchte nicht immer nur über Wachstum reden - sie sucht ein Barometer, dass die Lebenszufriedenheit der Deutschen misst.

Lachen kann sie: Kanzlerin Merkel möchte nicht immer nur über Wachstum reden - sie sucht ein Barometer, dass die Lebenszufriedenheit der Deutschen misst.

  • Lutz Meier

Die selbstgemachte Kartoffelsuppe, ein bisschen Entspannung in der Uckermark, ein guter Rotwein am Abend: Oft genug hat die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland Reportern erzählt, was für sie, bei allem Stress, Lebensqualität bedeutet. Doch viel Zeit bleibt dafür nicht in diesen Tagen, die Regierungschefin muss das deutsche Wirtschaftswachstum retten, dessen Aussichten fürs laufende Jahr der IWF Anfang der Woche halbiert hat, sie muss den Euro vor dem Absturz sichern und dann kommt auch noch eine kleine Flutkatastrophe dazwischen. Der Wahlkampf beginnt und längst scheinen Merkels Leute die Botschaft dafür vorbereitet zu haben: Merkel ist die Frau für die harten Zeiten und für die harten Themen.

Merkel interessiert sich für das "Bruttonationalglück"

Denkste. Merkel will erst einmal vom Glück reden. Für Mittwoch hat die Kanzlerin eine Konferenz organisieren lassen, in der es genau um diese Fragen gehen soll: Wo suchen wir das Glück, wie messen wir Zufriedenheit und hilft es uns, wenn wir ständig auf die Wachstumsprognosen des IWF und andere Meldungen vom Bruttoinlandsprodukt glotzen, als seien es die schicksalsentscheidenden Pegelstände? Merkel hat illustre Gäste für ihr "1. internationales Deutschlandforum" (dem weitere Veranstaltungen dieser Art folgen sollen) ins Kanzleramt gebeten: Lord Richard Layard ist dabei, Direktor des "Well-Being-Programs" aus Großbritannien oder Karma Tshiteem aus Bhutan, Sekretär der Gross National Happiness Commission in dem Himalaya-Königreich.

Unsere Kanzlerin also redet plötzlich über das schöne Leben statt über Wachstum. Müssen wir uns Sorgen machen?

Merkel ist nicht die erste Regierungschefin, die plötzlich das Glück entdeckt. Da ist nicht nur der König von Bhutan, der schon seit 1972 das "Bruttonationalglück" anstelle des Bruttonationalprodukts propagiert. Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy hat vor ein paar Jahren die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen über die Frage brüten lassen, wie sich Wohlleben messen lässt. Großbritanniens David Cameron hat sein Well-Being-Program, die Europäische Union plant ein eigenes Zufriedenheitsranking, und selbst im Deutschen Bundestag hat sich zweieinhalb Jahre lang eine Enquête-Kommission Gedanken über das Thema gemacht.

Längst gibt es alle möglichen internationalen Ranglisten, mal ist Costa Rica das glücklichste Land auf Erden, mal Australien. Wachstum ist out, Glück ist in! Wie aber kommt Merkel dazu? Die nüchterne Physikerin, der Fakten und Machtfragen liegen und esoterische Diskussionen über Befindlichkeiten ein Graus scheinen - was findet die an all dem Geplänkel? Fest steht, dass die Kanzlerin von Beginn an interessiert war. Schon als Sarkozy 2008 die Glückskarte zog und viele ein Ablenkungsmanöver von den schlechten Wirtschaftsdaten vermuteten, ließ sich die Kanzlerin persönlich auf dem Laufenden über den Report halten, wie ihr Umfeld berichtet. Sie setzte eine deutsch-französische Kommission zum Thema ein und drängelte auch ihre eigene Partei, sich tiefer damit zu beschäftigen. Öffentlich mag die Kanzlerin weiter tagein, tagaus vom Wachstum geredet haben, vielleicht geht es ihr in ihrem tiefsten Innern ja doch um Glück.

Konservative im Sinnvakuum

Fest steht, dass die Diskussion in Wahrheit schon fast vierzig Jahre alt ist. Der "Club of Rome" hatte sich einst Gedanken über die "Grenzen des Wachstums" gemacht. Dennoch ist erklärungswürdig, wie die Debatte vom akademischen Geplänkel von Ökos und Sozialwissenschaftlern zum Spielfeld konservativer Regierungschefs werden konnte. Es könnte mit dem Sinnvakuum der Konservativen zu tun haben. Ihre Parteien suchen Werte, die weiter tragen, als die überholten Grundsätze von Heimat und Kernfamilie, denn allein die Verteidiger des Turbokapitalismus wollen sie auch nicht sein. Es könnte auch an der Finanzkrise liegen, die gerade beim konservativen Publikum für Verunsicherung gesorgt hat mit dem alten Dogma, dass mehr Wachstum auch mehr Wohlstand für alle bringt.

"Merkel ist viel zu klug, um einfach nur den alten Stiefel weiterzufahren", sagt Ulrich Brand über die Konferenzaktivitäten der Kanzlerin. "Sie hat genug Gespür, um die Verunsicherung in der Bevölkerung aufzunehmen." Brand ist Professor für Internationale Politik in Wien und war als Sachverständiger Mitglied der Enquêtekommission des Bundestags, die den schönen Namen trug: "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität". Für diese Rolle wurde er von der Linksfraktion benannt. Zweieinhalb Jahre lang hat sich die Kommission aus Abgeordneten und Wissenschaftlern Gedanken gemacht.

Erst am Donnerstag soll der Abschlussbericht im Bundestag behandelt werden. Einige Mitglieder zeigen sich nun ein wenig konsterniert, dass die Kanzlerin dem Vorhaben jetzt durch ihr "Deutschlandforum" die Show stiehlt - wo doch in der Kommission die Koalitionvertreter immer nur gebremst hätten. "Die Konservativen waren tief zerrissen", hat Brand festgestellt. Der Kanzlerin liegt das Ganze offenbar mehr am Herzen, als Teilen ihrer Partei. "Mich wundert, dass Merkel die Vertreter aus Bhutan einlädt", sagt Daniela Kolbe, die sozialdemokratische Vorsitzende der Bundestagskommission: "In der Kommission haben sich die Leute der Kanzlerin noch dagegen gewehrt, deren Themen überhaupt zu diskutieren."

Die Glücksformel, die es in die "Tagesschau" schafft

Als die Arbeit damals anfing, dachte Kolbe, am Ende würde man eine Zahl finden - einen Indikator für das Wohlfühlniveau des Landes, eingängig genug, dass er in der "Tagesschau" gleichrangig neben den Wachstumsperspektiven für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verkündet werden könnte. Das hat nicht geklappt. So einfach ist das Glück nicht zu fassen. Stattdessen kam ein 1000-Seiten-Bericht heraus, auf den sich immerhin die Vertreter von SPD, Union und FDP einigen konnten. Und statt einer Glückszahl für alle schlagen die Experten zehn "Dimensionen" vor - etwa Gesundheit, Verteilung, Artenvielfalt. "Die 'Tagesschau' wird sicher nie alle zehn nennen", gibt Kolbe zu. Aber vielleicht ändere sich ja dennoch etwas.

Alles viel zu kompliziert, meckerten Grüne und Linke. Sachverständiger Brand wittert sogar Kalkül dahinter, dass die Mehrheit die Suche nach der Glücksformel aufgegeben hat. "Der Indikator wird so lange verwässert, damit das BIP umso heller strahlt", sagt er. Auch Anke Hassel saß als Sachverständige in der Kommission, die Professorin für Public Policy an der Hertie School of Governance hält aber die Suche nach der "Tagesschau"-tauglichen Zahl für Quatsch. Die ganze Debatte sei auch ohne Zufriedenheitsindikator ein Erfolg: "Man kann jetzt nicht mehr sagen: Wir kurbeln die Wirtschaft an, Hauptsache, es wird produziert." Mal gucken, was die Kanzlerin dazu sagt. Nicht auszuschließen, dass der Besuch aus Bhutan sie inspiriert.

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