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4. Mai 2007, 18:15 Uhr
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Hallo, Orwell!

Er will alles sehen: Fingerabdrücke, Passfotos, Maut-Daten. Sogar unter Folter im Ausland erpresste Informationen würde Innenminister Wolfgang Schäuble zur Terrorabwehr nutzen. Ein Gespräch mit dem Großen Bruder.

Wolfgang Schäuble, 64, will Fingerabdrücke bei den Behörden speichern lassen. Sein Vorgänger Schily hatte versprochen, dass sie nur im Pass erfasst werden© Jens Neumann

Herr Schäuble, wann haben Sie das letzte Mal George Orwell gelesen?

Oh, das ist lange her. Bevor ich eine Falschaussage mache: Ich weiß es nicht.

Was Sie mit den neuen Sicherheitsgesetzen vorhaben, führt uns direkt in Orwells Welt. Schreckt Sie das überhaupt nicht?

Nein. Ganz und gar nicht. Diese Art der Hysterie ist mir fremd. Es gibt eine geordnete Gesetzgebung aus jeweils sehr begründetem Anlass. Wir haben den elektronischen Pass. Und alles, was zur Onlineübertragung von elektronischen Bildern geplant ist, ist völlig einvernehmlich in der Regierung beschlossen worden.

Es geht nicht ums Verfahren. Es geht darum, was Regierung und Koalition planen. Jetzt soll es einen Onlinezugriff auf Passfotos, später auch auf Fingerabdrücke geben. Die Behörden bekommen den gläsernen Bürger.

Ich kann an unseren Plänen nichts Schlimmes erkennen. Es war immer üblich, dass Passfotos per Fax weitergegeben werden. Jetzt kommen neue Informationstechnologien dazu. Das ist in Ordnung.

Für uns nicht. Wir sind gerne hysterisch, wenn es darum geht, dass unser Innenminister unfreiwillig das Geschäft der Terroristen besorgt, indem er die freiheitliche Gesellschaft so abschnürt, dass die Freiheit stirbt.

Das ist nun wirklich Unsinn. Wenn man Passbilder heute elektronisch speichert, dann ist es nur richtig, darauf auch elektronisch Zugriff zu haben und dafür die rechtliche Grundlage zu schaffen. Das kann einen solchen Vorwurf nicht rechtfertigen. Durch die öffentliche Darstellung gewinnt man den Eindruck, die Leute hielten mich für einen Besessenen.

Wir tun das auch. Sind Sie besessen?

Nein. Ich bin überhaupt nicht besessen. Ich bin ein Mann, der um die Verantwortung eines Innenministers weiß, der für die Sicherheit der Menschen in diesem Land zuständig ist. Wir machen nicht immer neue Sicherheitsgesetze. Wir tun, was wir tun müssen: Durch die Föderalismuskommission hat das Bundeskriminalamt die Befugnis für die Gefahrenabwehr im Kampf gegen den internationalen Terrorismus erhalten. Dafür müssen wir die rechtliche Grundlage schaffen. Und ich werde das mit der nötigen Mischung aus Entschlossenheit und Gelassenheit tun.

Mit Entschlossenheit und Gelassenheit beschneiden Sie immer weiter die Freiheit. Im Namen des Rechtsstaates.

Der Rechtsstaat, so wie ich ihn mir vorstelle, beschneidet überhaupt nicht Freiheit. Der Rechtsstaat bemüht sich, die Freiheit zu schützen. Und zu der Freiheit gehört auch die Freiheit vor existenziellen Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus. Die Gewährleistung von Sicherheit für Leib und Leben ist wesentlicher Teil der Aufgabe des Staates. Sie sichert uns eine Freiheit, die wir früher nicht hatten: weltweit zu reisen, zu kommunizieren, Geschäfte zu machen.

Das heißt: Unser alter Freiheitsbegriff ist ein Opfer der Globalisierung?

Die Welt verändert sich durch die technischen Entwicklungen und durch die Globalisierung. Wir haben heute nicht weniger, sondern mehr Freiheit - und eine andere. Wir reisen so viel wie nie zuvor. Wir bekommen Informationen aus aller Welt. Und das hat Schattenseiten.

Der Innenminister ist auch verantwortlich dafür, dass die uns vom Verfassungsgericht zugestandene informationelle Selbstbestimmung nicht immer weiter ausgehöhlt wird.

Die Debatte um die informationelle Selbstbestimmung stammt aus der Zeit der Volkszählung vor zwanzig Jahren. Heute würde doch jeder zugeben, dass die Befürchtungen von damals hysterische Übertreibungen waren. Mir zeigt das: Es ist falsch zu behaupten, unsere Freiheit würde immer mehr ausgehöhlt.

Nein. Wir nennen es "aushöhlen", wenn bei den Fingerabdrücken versprochen wurde, diese würden nur im Ausweis gespeichert - zum Schutz vor Fälschung. Jetzt sollen sie auch in der Behörde gespeichert und zwischen den Behörden ausgetauscht werden. Da muss der Bürger misstrauisch werden.

Es gab die Zusage, die Daten nur in den Pässen zu speichern. Der Regierungsentwurf sieht auch nichts anderes vor. Aber in der Unionsfraktion gibt es die Auffassung, dass es falsch wäre, wenn man das, was man im Ausweis speichert, nicht auch in der ausgebenden Behörde speichert. Mit Passbildern ist es ja auch so gewesen.

Und was denkt der Minister?

Ich unterstütze den Vorschlag. Aber da geht es nicht um eine neue Datenbank.

Oh, doch. Das öffnet einer weiteren Sammelwut Tür und Tor. Inzwischen hält selbst Justizministerin Brigitte Zypries manches bei der Onlinerecherche und Datenweitergabe für verfassungsrechtlich höchst bedenklich.

Ich wehre mich dagegen, dass alles vermengt wird. Und ich wehre mich sehr dagegen, dass die Bundesjustizministerin jetzt öffentlich den Eindruck erweckt, als wäre unsere Zusammenarbeit nicht so konstruktiv, wie sie in Wahrheit ist. Sie hat dem Passgesetz im Kabinett zugestimmt.

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Ausgabe 17/2007

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
yoop (06.05.2007, 09:27 Uhr)
Ich bin einverstanden, in allen Bereichen
und um die Bürger auch vor allen Anschlägen des Straßenverkehrs zu schützen, fordere ich Tempo 30 auch auf den Autobahnen und Karosserien aus softem Schaumstoff
tripex (05.05.2007, 22:24 Uhr)
besessen und krank
>Sind Sie besessen? - Nein. Ich bin überhaupt nicht besessen.
Das sagt doch alles.
>Die Debatte um die informationelle Selbstbestimmung stammt aus der Zeit der Volkszählung vor zwanzig Jahren.
Es ist einfach haarsträubend. Offenbar sind Gesetze selbst grundlegenster Natur für diesen Menschen nach 20 Jahren grundsätlich überholt.
>Ich achte die Verfassung. ... Dazu gehört, dass man eine Verfassung anpassen kann.
Anpassen, Ergänzen, Verbessern oder was auch immer. Es ist eine Änderung und eine Änderung der Verfassung ist meines Wissens verfassungswidrig, selbst unter strengsten Auflagen.
>Die Welt besteht aus Versuch und Irrtum.
Also anders ausgedrückt: Die Verfassung war ein netter Versuch aber ist ein Irrtum?
>Lieber lasse ich zehn Anschläge passieren, als dass ich jemanden, der vielleicht keinen Anschlag begehen will, daran zu hindern versuche?
Erklären Sie bitte beim nächsten mal, WIE Sie damit Anschläge verhindern wollen. Und dann erklären Sie bitte, weshalb über 80 Millionen Deutsche wegen einiger dummer Terroristen, die wahrscheinlich ohnehin keinen Anschlag vollbringen würden in ihren freiheitlichen Grundrechten beschnitten werden sollen. Das ist kein Schutz "ihrer Bürger" sondern eine Kapitulation vor dem Terrorismus den Sie zu "bekämpfen" erhoffen.
>Ich lehne Folter strikt ab. [...] Aber wenn...ich...Informationen...ungenutzt lasse, weil nicht...rechtsstaatlich einwandfrei erlangt...
Hr. Schäuble, in diesem Interview haben Sie sich selbst so oft widersprochen, man kann es kaum zählen. Sie leiden an Schizophrenie und Besessenheit und sollten behandelt werden, aber vorher sind Sie Ihres Postens enthoben.
Rosenengel (05.05.2007, 19:38 Uhr)
"Stasi 2.0" Schäuble wird sich wohl schon
einen Kostenvoranschlag eingeholt haben, wieviel 84 Millionen Mikrochips und deren Einpflanzung kosten. Den Deutschen wird er ja noch recht einfach habhaft. Aber wie wird es dieser Überwachungswütige Despot schaffen, an die wirklichen Terroristen ranzukommen, die in diversen islamischen Ländern leben, keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und Deutschland vieleicht nur einmal besuchen werden?
Die Sache mit dem Terrorismus ist eine Lüge. Will uns wirklich jemand weismachen, die über 80 Millionen Deutschen sind diejenigen, von denen die Terrorismusgefahr ausgeht?
Es gibt in Deutschland ausreichende gesetzliche Vollmachten, um mit solchen Individuen umzugehen. Aber so lange die Terrorverdächtigen lachend aus dem Gerichtssaal freikommen und nach "politisch korrekten" Gesichtspunkten (Nicht)Abgeurteilt werden, so lange ist es risikoloser das deutsche Volk unter Generalverdacht zu stellen. Und wenn Herr Schäuble mit seinem technischen Fortschritt jeden Deutschen Tag und Nacht kontrollieren kann, wird kein Deutscher mehr es wagen seinen Strafzettel nicht zu zahlen oder bei der nächsten Steuererhöhung aufzumucken. Orwell Schäuble sei Dank, wird der Finanzminister sagen.
screne (05.05.2007, 10:31 Uhr)
Bravo für die kritischen Fragen, aber...
... auf die Frage "...wo soll das enden?" antwortet Stasi 2.0 nur ausweichend... Da hätten die beiden Redakteure nachhaken sollen.
So wie es mir scheint, werden für Wolfgang "Stasi 2.0" Schäuble auch Televisoren in den Wohnungen keine Hürde sein, denn: "Wir müssen akzeptieren, dass die gesellschaftliche und technologische Entwicklung immer weitergeht."
Also: alles klar für Televisoren! Oder wie...
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