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Ich bin ein Anfänger! Lasst mich da drin!

In seinem Sünder-Interview hat Bundespräsident Wulff sich als fehlbarer, aber besserungswilliger Demokratienovize dargestellt. Das kann populär sein. Durchkommen darf er damit nicht.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Man muss Christian Wulffs Worte sehr genau nachlesen, um zu begreifen, wie klein der Bundespräsident sich am Mittwochabend bei seinem Selbstrettungsversuch per TV-Interview gemacht hat: viel, viel zu klein, um seinen Verbleib im Amt rechtfertigen zu können. Seinen Wutanruf bei "Bild"-Chef Kai Diekmann bezeichnete Wulff als "schweren Fehler". Gleichzeitig leistete er einen persönlichen und politischen Offenbarungseid wie er in der Geschichte dieser Republik für einen Bundespräsidenten einmalig ist. "Ich halte [den Anruf] mit meinem eigenen Amtsverständnis für nicht vereinbar", gab Wulff zu, bevor er eine bloße Absichtserklärung abgab, wie man das Amt führen könnte, wenn man es denn kann. "Ich will natürlich besonnen, objektiv-neutral, mit Distanz, als Bundespräsident agieren", sagte er. Und: "Ich möchte natürlich Respekt vor den Grundrechten, auch der Presse- und Meinungsfreiheit, haben."

Das Motto dieses exklusiv öffentlich-rechtlichen Wulff-Fernsehens lautete demnach: "Ich bin ein Anfänger! Lasst mich drin in Bellevue!" Jener Mann also, der die Grundrechte, die Essenz dieses Staates, verkörpern, ihnen sein Gesicht und vor allem seine Worte leihen soll, bekannte im Fernsehen, dass er lediglich die Absicht, den bloßen Willen, habe, diese zu respektieren, dass er "besonnen", "neutral" und mit "Distanz" handeln wolle - dazu aber im Umkehrschluss gegenwärtig nicht in der Lage ist. Noch nie hat ein Bundespräsident so unfreiwillig und doch so eindeutig und formvollendet zugegeben, dass er sein Amt nicht ausfüllen kann. Allein dieser Offenbarungseid ist Grund genug, dass Wulff zurücktreten muss. Denn Bellevue ist vieles, aber sicher keine Lehranstalt für aufstrebende Demokratieazubis, die es sich - "Ooops, sorry!" - leisten können, mal eben, menschlich verständlich, die Pressefreiheit wegzuwischen. Bellevue ist die Heimstätte des höchsten Repräsentanten dieser Demokratie. Wer das nicht begriffen hat, ist dort fehl am Platze.

Wulff geht es nur um seine politische Karriere

Wulff hat sich mit dem Interview also keinen Gefallen getan. Denn sein Versuch, wieder einmal als der nette Herr Wulff beim Volk an- und damit durchzukommen, wirkte so aufgesetzt, dass dahinter die Fratze des reinen politischen Überlebenswillens deutlich erkennbar war. Es geht Wulff längst nicht mehr um das Amt. Es geht um seine politische Karriere, um ihn und nur um ihn. Dieser volksnahe Herr Wulff. Dass er nichts Falsches daran erkennen könne, wenn er zu guten Freunden in den Urlaub fahre, bei ihnen übernachte, sagte er, dass er auch nicht in einem Land leben wolle, "in dem man sich von Freunden kein Geld leihen" dürfe, sagte er. Dass das eben etwas zu schnell war, der Schritt vom kleinen Hannover ins große Berlin, dass er Fehler gemacht habe, aber besserungswillig sei. Mensch Wulff. Der werfe den ersten Stein, …

In Umfragen mag diese pseudo-lebensnahe Hundeaugen-Selbstgeißelung zwar verfangen. Tatsächlich aber offenbart Wulff mit seiner Verteidigungsstrategie, die die Vorwürfe gegen ihn verharmlost, dass er immer noch nicht verstanden hat, dass für einen hohen Amtsträger, der der Unabhängigkeit verpflichtet ist, in einer Demokratie andere ethische Maßstäbe gelten als für Krethi und Plethi, dass es zu seinem Job gehört, auch nur den Anschein von Kumpanei im Amt zu vermeiden - und dass es eigentlich auch zu seinem Job gehört, Verantwortung zu übernehmen, Konsequenzen zu ziehen, um Schaden von seinem Amt abzuwenden. Wulffs Übernachtungen bei Maschmeyer & Co. mögen ja noch in einer politmoralischen Grauzone liegen. Seine geheimniskrämerische Kreditnahme bei der Frau eines reichen Freundes sind eine Grenzüberschreitung, von der Bedrohung von Journalisten ganz zu schweigen. Es ist nicht akzeptabel, dass Wulff vermeint, dieses Fehlverhalten damit entschuldigen zu können, dass er die Regeln des politischen Anstands erst noch lernen müsse.

Wie ein Mitglied der Berliner Piratenpartei

Auf demaskierende Weise leutselig übertrieb Wulff in dem Interview die Rolle des bemühten Novizen."Die Glaubwürdigkeit, die man als Bundespräsident braucht, wird man nur zurückerlangen, wenn man im Umgang mit seinen eigenen Fehlern Lernfortschritte unter Beweis stellt", sagte er. Was für eine Chuzpe! Was für eine Dreistigkeit! Statt Verantwortung zu übernehmen, behauptete der Bundespräsident, Glaubwürdigkeit dadurch wiedererlangen zu können, dass er sein Unvermögen offensiv verkauft und sich selbst eine gute Lernprognose attestiert. Er klang da wie ein Vertreter der Berliner Piratenpartei, der seine haushaltspolitische Inkompetenz als guten Startpunkt für eine steile Lernkurve verkauft. Aber Bellevue ist kein politischer Experimentierkasten. Und in fast schon Guttenberg'scher Manier dreist, behauptete Wulff auch, weil er nun alle Unterlagen zu seinem Hauskauf ins Netz stelle, könne das die Republik in Sachen Transparenz zum Positiven verändern. So, als erweise er der Nation einen Dienst. Das von einem Politiker zu hören, der gerade wochenlang mit dem wiederholten Verweis auf die legendären "400 Fragen" von Journalisten nur scheibchenweise Informationen herausgelassen und zuvor auf die Einschüchterung von Journalisten gesetzt hat, ist schon beachtlich mutig.

Christian Wulff ist der ersehnte Befreiungsschlag mit diesem Interview nicht geglückt. Er hat die Pobacken zusammengekniffen, ist in die heiße Küche gestürmt, vor der man sich, wie er in dem Interview sagte, als Koch nicht fürchten dürfe. Er hat sein Durchhalten als Bewährungsprobe für seine Amtsführung dargestellt und erhebliche Vorwürfe gegen ihn verharmlost. Kommt Wulff mit dieser Strategie durch, sitzt in Bellevue künftig ein Gescheiterter, der das eigene Scheitern nicht begreift - und sich nur mit Müh' und Not im Amt halten kann. Wulff macht das heitere Schloss Bellevue zu seiner persönlichen Trutzburg. Das kann eigentlich keiner wollen, auch die Schöpferin dieses Präsidenten nicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

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