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"Röttgen fährt die Endlagersuche gegen die Wand"

Umweltminister Röttgen will Gorleben zum Atommüll-Endlager ausbauen. Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg warnt den Minister im Interview mit stern.de und kündigt Widerstand an.

Bundesumweltminister Röttgen hat verkündet, dass er das geplante Atommüll-Endlager weiter erkunden, also auf seine Eignung prüfen lassen wird. Ist damit das Endlager Gorleben beschlossene Sache?
Nein, das kommt auf keinen Fall so schnell, wie Herr Röttgen oder andere sich das vorstellen mögen. Wir werden dieses Verfahren beklagen und deutlich machen, dass hier ein Uraltkonzept aus dem Jahr 1983 reanimiert werden soll, das überhaupt nicht mehr auf dem Stand der Technik und Wissenschaft ist. Heute macht man weltweit bei der Suche für Atommüll-Endlager zumindest einen Standortvergleich. Bloß Herr Röttgen scheut diesen Vergleich und setzt allein auf die Karte Gorleben. Aber damit fährt er die Endlagersuche voll gegen die Wand.

Dem Umweltminister zufolge werden aber jetzt alternative Standorte geprüft und auch andere Gesteinsformationen als die Salzschichten, in denen Gorleben liegt.
Auch das ist alt. In den neunziger Jahren hat die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schon zwei Sammelbände vorgelegt mit möglichen anderen Standort, auch in anderen Gesteinsarten. Anders als in anderen Lagern wird in Gorleben die Energiewirtschaftschaft zu Kasse gebeten. Wenn Röttgen wie geplant erstmal mehr Geld in die Erkundung von Gorleben steckt, wächst der Druck der Industrie auf ihn, Gorleben durchzusetzen. Denn die Wirtschaft hat kein Interesse daran, auch nur einen müden Cent an anderer Stelle auszugeben. Ich glaube, Röttgen agiert als Speerspitze wirtschaftlicher Interessen und versucht auf windigen juristischen Wegen, ein Endlager in Gorleben zu realisieren.

Aber das Umweltministerium will nun größtmögliche Transparenz walten lassen und auch internationale Wissenschaftler beteiligen. Da könnten die Karten während der Erkundung doch noch mal ganz neu gemischt werden.
Hier wird doch Gorleben bis zur Fertigstellung erkundet, und dann erst kommt ein "faires" atomrechtliches Genehmigungsverfahren mit seinen Möglichkeiten einer Öffentlichkeitsbeteiligung – das ist eine Farce. Ich glaube, dass Gorleben vorher scheitert. Es wird juristisch blockiert werden und es wird am gesellschaftlichen Druck scheitern. Von uns im Wendland wird niemand bereit sein, in eine Begleitgruppe zu gehen, wo uns Mitsprache vorgegaukelt wird. Mitsprache wofür? Für die Realisierung von Gorleben? Wir sind für den Rückbau von Gorleben!

Laut Norbert Röttgen kann es bis zu einem Atomendlager 20 bis 25 Jahre dauern. Bis dahin müssen die Atomkraftwerksbetreiber die Abfälle weiter bei sich zwischenlagern, ersticken also weiterhin an ihrem eigenen Müll. Dieser Druck müsste doch in Ihrem Sinne sein.
Ich interpretiere das Vorpreschen von Röttgen jetzt so: Er wird versuchen, in der Öffentlichkeit das Bild zu erzeugen, dass es da Fortschritte gäbe bei der Endlagersuche. Doch der Pfad, den er da einschlägt, der ist so hilflos und skrupellos, so provozierend für alle, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, dass er da keine Mitstreiter finden wird, zumindest nicht in unseren Reihen und den Reihen von Grünen, Linken und der SPD. Und auch bei der CDU und FDP wächst die Skepsis gegenüber der Nutzung von Atomkraft, beispielsweise was das Wiederanfahren des Kernkraftwerks Krümmel angeht.

Der Atommüll ist ja nun mal vorhanden. Was soll aus Ihrer Sicht damit geschehen?
Er wird zur Zeit zwischengelagert. Es gibt ja weltweit kein Endlager, das ist wie Fliegen ohne Landebahn. Das ist aus unserer Sicht als Atomkraftgegner nicht akzeptabel. Wir kennen eine ganz einfache Lösungsformel: Es muss Schluss sein mit der Atommüllproduktion. Das öffnet den Weg für eine breite gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit dem Müll. Und wenn man einen Standort finden will, muss es ein vergleichendes Verfahren geben. Es müssen als zwei oder drei Standorte mit unterschiedlichen Gesteinsformationen in die engere Wahl gezogen werden.

Wie wird es im Wendland weitergehen? Wird es jetzt wieder zu Massendemonstrationen oder Schlachten zwischen Polizei und Atomgegnern kommen?
Ich prophezeie da eine Wiederbelebung des Protests wie in den siebziger und achtziger Jahre. Alle Leute, die gedacht haben, das Thema Atomkraft ist erledigt, wachen derzeit wieder auf und bringen sich mit ein. Dazu gehören auch viele Jüngere, die mehr mit Internet und beispielsweise Flashmob-Aktionen arbeiten. Aber ab und zu muss man halt mal auf die Straße gehen und den Protest auch sichtbar machen.

Roman Heflik
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