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Kurt Beck, der Pöbler aus der Pfalz

Ein Bürger erinnert den Sozialdemokraten daran, dass dieser Millionen Steuergelder in den Sand setzte. Beck fordert ihn auf, "das Maul zu halten". Es war nicht der erste Ausrutscher des Pfälzers.

Von Thomas Schmoll

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck (SPD) - Spitzname "König Kurt" - war über einen Kritiker auf der Einheitsfeier in München "not amused"

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck (SPD) - Spitzname "König Kurt" - war über einen Kritiker auf der Einheitsfeier in München "not amused"

Kurt Beck gehört zu den wenigen Politikern, die den Titel "Landesvater" zurecht tragen durften. Da war seine Volksnähe, sein pfälzischer Dialekt – verbunden mit sonorer Bassstimme – und sein Gemütlichkeit ausstrahlendes Wesen. Der Sozialdemokrat wirkte fast immer wie jemand, der keine Weinprobe verpasst und keine Einladung zum Essen ausschlägt. Sein Credo "Nah bei de‘ Leut" lebte er tatsächlich, ohne dass es populistisch erschien oder gar an die Aufgesetztheit eines Edmund Stoibers erinnerte. "Meine Heimat gibt mir Kraft - egal für welche Aufgabe", sagte er einmal dem stern. Die Bewohner von Rheinland-Pfalz liebten ihren Ministerpräsidenten für diese Haltung und wählten ihn immer und immer wieder.

Doch dann kam das Nürburgring-Desaster. Beck verlor massiv an Ansehen. Seine frühere SPD-Alleinregierung hatte rund 330 Millionen Euro in den Ausbau der Rennstrecke gesteckt, um mehr Besucher in die Eifel zu locken. Der Plan ging nach hinten los. Ein erheblicher Teil der 330 Millionen Euro Landesgeld dürfte futsch sein. Beck erklärte nach 18 Jahren als Ministerpräsident seinen Rücktritt zum 1. Januar. Er begründete dies mit einem erheblichen Problem der Bauchspeicheldrüse. Mit dem Nürburgring habe sein Abschied nichts zu tun. Ob die Begründung gelogen war oder nicht, sei dahingestellt. Seit Donnerstag jedenfalls weiß die ganze Nation, wie sehr Kurt Beck der Nürburgring-Skandal an die Nerven geht. Und sie hat dadurch ebenfalls erfahren, dass der gemütliche Pfälzer auch sehr ungemütlich werden kann.

Eine TV-Aufnahme belegt einen Wutausbruch des Sozialdemokraten, den er sich bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in München genehmigte. Beck verlor die Contenance, als ihm ein Bürger während eines Interviews mit dem Südwestrundfunk zurief: "Die Bayern bezahlen den Nürburgring … Und den Betzenberg." Beck herrschte den Mann an: "Können Sie mal das Maul halten einen Moment, einfach das Maul halten, wenn ich ein Interview mache?" Als der Kritiker weiterredete und sich selbst bescheinigte, nur ehrlich zu sein, blaffte Beck ihn genervt an: "Sie sind nicht ehrlich, Sie sind dumm. Aber das ist ein Unterschied." Der Bürger gab ebenfalls nicht nach: "Ich find’s gut, dass Sie zurücktreten", sagte er ohne hörbare Aggression in der Stimme. Beck daraufhin: "So, jetzt ist aber gut. Also irgendwo …" Dann bricht der scheidende Ministerpräsident ab und gibt sich wieder seinem Politikbusiness hin, schließlich will er seine Botschaft zum Thema Bürgerbeteiligung loswerden. Er fragt den Journalisten des Südwestrundfunks: "Können wir nochmal?" Er konnte, nur hat der öffentlich-rechtliche Sender auch den Ausraster des Landesvaters publik gemacht.

Erstaunlich bei dem Wutanfall ist, dass Beck auf den Vorwurf in Sachen Nürburgring nicht reagierte, sondern erst explodierte, als der Betzenberg ins Spiel kam, die Spielstätte seines Lieblingsvereins 1. FC Kaiserslautern. Beck hatte, wenn man so will, dem Club geholfen, der Pleite zu entgehen. Seine Regierung regte den Verkauf des vereinseigenen Fritz-Walter-Stadions für 56 Millionen Euro an eine städtische Gesellschaft an. Das war 2003. Das Stadion wurde danach sogar noch für die WM 2006 fit gemacht. "Eine Kuh, die so viel Milch gibt, lässt man nicht verhungern, wenn mal das Futter knapp wird", meinte der Ministerpräsident seinerzeit.

Als der Mann in München sagte "Die Bayern bezahlen den Nürburgring", blieb Beck noch ruhig. Er begann, unterbrochen von eigenen Ähs, einen Satz im typischen Politiksprech: "Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir…" Während dieser beckschen Worte warf der Kritiker dazwischen: "Und den Betzenberg". Erst da drehte sich der scheidende Ministerpräsident in Richtung des Nörglers um, erst da brach es aus Beck heraus, forderte er den Mann auf, "einfach mal das Maul zu halten" – übrigens begleitet vom nochmaligen Hinweis des Passanten, dass pfälzische Projekte mit bayerischem Geld finanziert würden.

Schon einmal war Beck mit einem Bürger aneinander geraten. Das war Ende 2006. Bei einer Wahlkampfveranstaltung der Sozialdemokraten in Wiesbaden hatte ein arbeitsloser Punk dem damaligen SPD-Vorsitzenden vorgeworfen, dafür mitverantwortlich zu sein, dass er und zig weitere Hartz-IV-Empfänger in Armut leben müssten. Beck antwortete: "Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job." Sollte er das tun, werde er sich persönlich um eine Stelle für den Langzeitarbeitslosen bemühen, versprach Beck dem Punk.

Der Unterschied zu der Münchner Pöbelei: 2006 war die Stimmung im Lande so, dass viele Wähler Beck Recht gaben, weil sie es für richtig hielten, von Hartz-IV-Empfängern Anpassungsvermögen zu fordern. In München hat ein Wutbürger nur das gesagt, was Umfragen bestätigen: "Ich find’s gut, dass Sie zurücktreten."

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