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4. November 2008, 16:36 Uhr
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"Das war Hochverrat zum festen Datum"

Der Entschluss von vier SPD-Abgeordneten, die Wahl von Andrea Ypsilanti zur hessischen Ministerpräsidentin zu verhindern, hält Hermann Scheer für Hochverrat. Im stern.de-Interview spricht das SPD-Vorstandsmitglied über Anstand und die plötzliche Entdeckung des politischen Gewissens.

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Hermann Scheer, SPD, weist alle Schuld am Hessen-Debakel seiner Partei von sich© Thomas Lohnes/DDP

Herr Scheer, einige in der SPD sagen, Sie seien schuld am Scheitern von Andrea Ypsilanti in Hessen. Sie hätten ihr ein Programm aufgedrückt, das die SPD-Rechte ablehnte und eine Kabinettsstruktur, die den Genossen Jürgen Walter verprellte.

Das ist in jeder Beziehung eine gestrickte Legende. Erstens habe ich Andrea Ypsilanti kein Programm aufgedrückt. Sie hat mich wegen meiner politischen Konzeption und einer wirtschafts- und energiepolitischen Wende in ihr Team gerufen. Zweitens ist es grober Unfug, dass das in der hessischen SPD nicht angekommen wäre. Es ist einstimmig vom SPD-Landesvorstand verabschiedet worden. Auch einstimmig von der SPD-Landtagsfraktion. Und das Programm hat sich im Wahlkampf als großes Zugpferd herausgestellt.

Aber Sie haben, klagt Jürgen Walter, ihm listig den Posten des Wirtschaftsministers weggenommen.

Andrea Ypsilanti hat von vornherein erklärt, dass sie einen Politikwechsel anstrebt. Dazu gehörte seit Juni 2007 ihre dauernd wiederholte Ankündigung, dass ich die Rolle eines Wirtschafts- und Umweltministers übernehmen solle. Dass die Grünen auf dem Umweltminister bestanden, musste sie dann beim Koalitionsgespräch akzeptieren. Aber Jürgen Walter kann doch nicht behaupten, ist hätte ihm den Posten des Wirtschaftsministers vor der Nase weggeschnappt, der ihm angeblich zugesichert gewesen sei. Das ist total abwegig. Der hat immer gewusst, dass er das nicht wird.

Wie bewerten Sie die Wende über Nacht bei drei der vier Abweichler in der hessischen SPD? Hätte deren Gewissen nicht viel früher schlagen müssen?

Selbstverständlich. Wenn jemand 24 Stunden vor der Entscheidung sein Gewissen entdeckt, dann ist das doch nicht glaubwürdig.

In den Probeabstimmungen haben die Abweichler Andrea Ypsilanti auf ihrem Weg bestärkt. War damit ihr späteres Verhalten auch für Sie Hochverrat, der ja immer eine Frage des Datums ist?

Ja, da hat der französische Philosoph Talleyrand in der Tat Recht gehabt. In seinem Sinne war es politischer Hochverrat. Wochen- und tagelang vorher haben Jürgen Walter und seine beiden Mitläuferinnen bekundet, dass sie mitmachen werden. Bei der Probeabstimmung haben sie zugestimmt, auch dem Kompromiss über den Flughafenausbau, den Walter jetzt als Gefahr für die Wirtschaft bezeichnet, obwohl er dem in den Gesprächen, die er und ich mit den Grünen geführt haben, klar zugestimmt hat.

Stellen Sie sich danach eigentlich die Frage: Gibt es noch Anstand in der SPD?

Ja, den gibt es. Man sieht es auch daran, dass die Verhaltensweise des Trios durchweg Empörung in der SPD ausgelöst hat. Und spekulative Fragen aufwirft...

...welcher Art?

...in jedem Fall war das charakterlos. Man muss den Eindruck haben, dass das eine lange geplante Aktion gewesen ist - eben der Hochverrat zu einem bestimmten Datum. Vermutlich gehört auch persönliche Rache zu diesem Vorgehen.

Wie sollte die SPD in Hessen jetzt mit Jürgen Walter und seinen beiden Mitstreiterinnen Carmen Everts und Silke Tesch umgehen? Ein Parteiausschlussverfahren einleiten?

Das muss die hessische SPD entscheiden, deren Mitglied ich bekanntlich nicht bin.

Können die Abweichler weiter in der Landtagsfraktion geduldet werden?

Die hessische SPD wird auf das Verhalten der Abweichler natürlich reagieren. Ich schätze, dass ihnen dabei nicht auch noch eine von ihnen erhoffte Märtyrerkrone aufgesetzt wird.

Dann tritt Frau Ypsilanti also auch nicht zurück nach ihrem Scheitern?

Weshalb sollte sie zurücktreten? Zunächst einmal müssen die Vorstände der SPD-Bezirke Hessen-Nord und Hessen-Süd entscheiden, zu denen die Abweichler gehören, was mit ihren Mitgliedern geschieht. Ich weiß, dass Andrea Ypsilanti, was ihre politische Linie betrifft, tiefer und breiter und emotionaler von der hessischen SPD getragen wird als jemals zuvor.

Könnte es nicht sein, dass die Berliner SPD-Führung eine Mitschuld am Gang der Dinge in Hessen trägt? Hätten Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier nicht auch auf die Abweichler Einfluss nehmen müssen?

Was Franz Müntefering in den letzten Wochen gemacht hat, war gegenüber Hessen angemessen und solidarisch. Ich halte es für abwegig, wenn ihm unterstellt wird, er hätte an einem Erfolg von Andrea Ypsilanti kein Interesse gehabt. Was frühere Zeiten betrifft, war es so, dass es bis in den Juni hinein massive Interventionen gegen ihr Vorhaben gegeben hat. Allen voran marschierte Peer Steinbrück gegen die hessische Linie und das hat natürlich Spuren hinterlassen. Danach hat das zum Glück aufgehört.

Was bedeutet das Debakel in Hessen für die SPD bundespolitisch, auch im Blick auf Koalitionen mit der Linkspartei in anderen Bundesländern, was ja in Thüringen und im Saarland denkbar sein könnte?

Man kann da keine Schlussfolgerungen daraus ziehen. Was in Hessen passiert ist, dass nämlich die Regierungsübernahme 24 Stunden vorher von eigenen Leuten torpediert worden ist, ist ja nicht den sechs Abgeordneten der hessischen Linkspartei anzulasten. Schuld trägt das SPD-Trio, das plötzlich sein Gewissen entdeckt hat. So etwas hat es noch nirgendwo in der deutschen SPD gegeben. Das wird sich andernorts garantiert nicht ereignen.

Ist denn die SPD insgesamt jetzt in dieser Frage innerlich nicht doch noch zerrissener als zuvor?

Dann müsste man ja unterstellen, dass das Hauptmotiv des Trios tatsächlich die prinzipielle Ablehnung einer Kooperation mit der Linkspartei war. Das ist aber nur bei Frau Metzger der Fall gewesen. Sonst hätten die drei anderen Abweichler während der monatelangen Diskussion ihr Gewissen etwas früher entdecken müssen. Die haben nicht nur Andrea Ypsilanti in ein offenes Messer laufen lassen, sondern die ganze hessische SPD, die am 4. Oktober mit 98 Prozent Zustimmung und einem befürwortenden Redebeitrag von Walter den Weg zur Bildung einer von der Linkspartei gestützten Minderheitenregierung von SPD und Grünen befürwortet hat. Hätte das Trio damals Nein gesagt, hätte es keine Koalitionsverhandlungen gegeben.

Interview: Hans Peter Schütz
KOMMENTARE (10 von 61)
 
so-zi-al (05.11.2008, 23:17 Uhr)
@Uwe789
Wer um alles in der Welt erzählt Euch solchen Unsinn? Das falscheste, was die SPD machen könnte, ist, sich von ihrer (sozialdemokratischen!) Schwesterpartei DIE LINKE abzugrenzen! Die SPD muss endlich wieder sozialdemokratisch werden, sich ein Beispiel an der LINKEN nehmen! Nur dann hat sie überhaupt noch eine Chance, demnächst nicht unter die 5-Prozent-Hürde abzusacken. Dann würde die SPD als Ganzes entlassen werden, aus der politischen Landschaft der Bundesrepublik ausgetilgt werden.
Was Ypsilanti angeht: Sie hat das Wahlergebnis nicht auslegen, sondern umsetzen wollen. Simple Arithmetik. Hochverräter sind die, die ohne jeden Grund ihre "Karrieren" aufgeben, ihre Fraktion zum Narren halten, ihre Landespartei ins Abseits jagen, ihre Bundespartei gewaltig schädigen, der Politik als Gestaltungskraft der Gesellschaft einen Bärendienst erweisen, nicht zuletzt dem Steuerzahler Neuwahlkosten in Millionenhöhe aufnötigen, damit noch bis zur allerletzten Minute warten, damit die Bombe besonders knallig hochgeht, und die dann auch noch die Frechheit aufbringen, diese Narretei zur "Gewissensentscheidung" hochzustilisieren. Das Gewissen sagt einem normalerweise, wie man es richtig macht. Wer in gleich mehreren Dimensionen den Fehler seines Lebens begeht, der hat zuvor bestimmt nicht auf ein Gewissen gehört, wenn er überhaupt ein Gewissen hat.
Uwe789 (05.11.2008, 19:21 Uhr)
SPD Fraktion entlassen
Wenn man nur die Partei und nicht die Wähler sieht kann man das Verhalten der "Abweichler" als Hochverrat bezeichnen. Wenn man aber bedenkt, dass Politiker für ihre Wähler dasein sollen kann man nur das Verhalten der Frau Ypsilanti als Hochverrat am Wähler bezeichnen, ihre abenteuerliche Auslegung des Wahlergebnisses und die Ignoranz gegenüber aller Umfragen zu ihrem Verhalten.
Wenn Die SPD an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung zurückgewinnen will gibt es nach meiner Meinung nur eine Lösung. Herauswurf von Frau Ypsilanti inclusive aller Mitläufer in der Fraktion. Für Neuwahlen wird Frau Metzger als vertrauenswürdige Spitzenkandidatin aufgestellt. Damit könnte die SPD beweisen, dass Sie es mit der Abgrenzung zur Linkspartei ernst meint.
nightmare_online (05.11.2008, 14:47 Uhr)
@SethusCalvisius
Sie erwarten doch nicht ernsthaft MORAL von Konservativen? Ich bitte sie, bei Konservativen hört Moral exakt da auf, wo das eigene Hemd anfängt. Wenn also Koch nun eine Koalition mit dem zustande brächste, den er noch im Wahlkampf per Plakat (= zentrale Wahlkampfaussage)verhindern wollte, gäbs allgemeines Schulterklopfen an den "Pragmatiker" Koch. So wars immer, und so wirds immer sein.
nightmare_online (05.11.2008, 14:13 Uhr)
Saubere Lösung war möglich
In Kenntnis der Stimmung an der SPD-Basis (es gab neben dem Parteitag ja noch Konferenzen, Sitzungen etc. pp. bis runter auf Ortsvereins-Ebene) hätte es für die 3 mit dem "Last-Minute-Gewissen" eine einfache, saubere Lösung gegeben. Und die heisst Rückgabe des Mandates. Das sie dies nicht getan haben, lässt vermuten das da noch was nachkommt. Denn das die 3 bei der SPD "verbrannt" sind, dürfte ihnen klar sein. Es MUSS also einen Grund geben, warum sie bis zu Neuwahlen oder bis zu einer Regierungsbildung von Koch im Landtag verbleiben. Und dieser hat garantiert mit Gewissen aber auch gar nichts zu tun.
SethusCalvisius (05.11.2008, 13:24 Uhr)
Liebe Rechtsfront-Fans
Nein, die Überschrift meine ich nicht ernst, auf das Niveau möchte ich gar nicht herabsteigen. Aber es ist schon erschreckend, dass jeder, der nur ein bisschen links denkt, hier pausenlos verunglimpft wird.
Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, dass bei der geheimen Wahl noch mehr SPD-Abgeordnete mit nein gestimmt hätten. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass bis auf Frau Metzger alle anderen monatelange Verhandlungen zugelassen haben, ohne darauf hinzuweisen, dass sie am Ende nicht zustimmen würden.
Dass Abgeordnete, die ihren eigenen Kandidaten im Stich lassen, heftig kritisiert werden, ist ja wohl das normalste der Welt. Hier von "Hexenverbrennung" zu reden, ist absurd.
friedolin (05.11.2008, 02:08 Uhr)
liebe linksfront - fans
oher wissen sie eigentlich so genau, dass am dienstag nur 4 abgeordnete gegen ypsilanti gestimmt hätte. es haben sich nämlich lediglich 4 abgeorndnete geoutet aus reiner anständigkeit (!).
die jetzige hexenverbrennung der abweichler beweist doch nur, dass es besser gewesen wäre, frau ypsilanti erst an der wahlurne voll zu "simonisieren".
ich bin mir sicher das es bei einem wahlgang wesentlich mehr als 4 "abweichler" gegeben hätte.
frage: warum steht eigentlich in der verfassung, dass die wahlen zum ministerpräsidenten FREI und GEHEIM sind? das können mir alle fraktionszwangfans wohl nicht erklären.
SethusCalvisius (04.11.2008, 23:18 Uhr)
@Medley
Hätte ein CDU-Politiker entgegen seiner Wahlkampfaussage den Grünen unter Doppel-Staatsbürger Al-Wazir ein Koalitionsangebot gemacht, wäre das von allen, die hier Ypse zur Oberschlampe machen, als demokratischer Akt gefeiert worden. Ach, ich vergaß, hat Koch ja sogar gemacht. (stieß damit aber auf taube Ohren, so'n Pech aber auch)
Medley (04.11.2008, 22:11 Uhr)
Hochverrat? Gähn...
Wären die vier "Protestanten" Mitglieder der CDU oder der FDP, sowohl der Herr Scheer als auch der Stern, würden sie als wahrhafte Helden der Zivilcouragiertheit feiern.
"Ich liebe den Verrat, hasse aber den Verräter."
Zitat: Julius Cesar
jetrabbit (04.11.2008, 21:31 Uhr)
links und rechts
sind doch nur konstrukte des schattenregimes. einzig demokratie hilft. ein bischen weniger mainstream medien glauben schenken und im internet informieren würde manchem gut tun.
nur so am rande.
appaz (04.11.2008, 20:52 Uhr)
Wer genauer liest, liegt weniger weit daneben
Wer sich hier bemüßigt sieht, den Begriff „Hochverrat“ einer historischen Betrachtung zu unterziehen oder ihn im Sinne des Strafrechts zu interpretieren, ist mit der Anwendung sog. rhetorischer Mittel wohl weniger vertraut. Vor allem sei der (wesentliche!) Hinweis erlaubt, dass der Begriff - so denn das Gespräch korrekt wiedergegeben wurde - nicht von Herrn Scheer, sondern vom Interviewer, Herrn Schütz, eingeführt wurde. - Dies dazu.
Darüber hinaus beziehen sich leider allzu viele Kommentare nicht auf die aktuelle Situation und den Artikel. Vielmehr werden (wenn auch teils durchaus verständliche) Befindlichkeiten aufgegriffen, die noch aus der Zeit der Feststellung des Wahlergebnisses und der ersten Wochen danach stammen.
Hier und jetzt geht es jedoch um Antworten auf die Fragen, weshalb sich aus einer über längere Zeit einzelnen Abtrünnigen (Frau Metzger) ganz kurz vor Toresschluss noch ein Quartett ergibt!?
Gibt Herr Walter nur die beleidigte Leberwurst? Was haben er und die hinzu gekommenen Kolleginnen, Frau Tesch und Frau Everts, tatsächlich mit wirtschaftlichen Belangen rund um den Flughafen Frankfurt zu tun? ...
Ein „Gewissen“ kann ich, wenn überhaupt, nur bei Frau Metzger ausmachen; das Rest-Trio hat sich allein dadurch dis(!)qualifiziert, dass es so lange zu dessen Entdeckung gebraucht hat!
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